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Indianer und Pirat

Kulturblick

Indianer und Pirat

Wer nach langen Jahren der Abwesenheit die Wege seiner Kindheit betritt, ist erstaunt, wie sich die im Gedächtnis verankerten Dimensionen verschieben: Das düstere Schulgebäude ist ein heller, freundlicher Bau, der keine Beklemmungen mehr hervorruft, auch andere unheimliche Orte oder Pfade haben ihren Schrecken verloren. Und doch: Für das Ich ist und bleibt die Kindheitserinnerung, und sei sie noch so verzerrt, wahr.

Jón Gnarr schreibt im Vorwort zu seinem neuesten Buch ausdrücklich:

Sollte irgendeine Bibliothek das Buch unter Sachbüchern einsortieren, werde ich mich beschweren. Warum? Weil Memoiren Fiktion sind. Jede Erinnerung ist Fiktion. Unser Gehirn ist der größte Täuschungskünstler im Universum.“

Doch unter dem Titel Indianer und Pirat steht „Sachbuch“ – nicht die einzige Skurrilität, die sich der Verlag auf dem Cover leistet. Die Aufschriften „Kindheit eines begabten Störenfrieds“ und „Der zukünftige ehemalige Bürgermeister von Reykjavík“ sollen wohl sicherstellen, dass die potentiellen Leser den Inhalt gleich in die richtige Schublade einsortieren.

Jón Gnarrs Indjáninn (Der Indianer) war 2006 erschienen, zwei Jahre vor dem Bankenzusammenbruch und vier Jahre, bevor der Autor Bürgermeister wurde. 2012 folgte Sjóræninginn (Der Pirat). Beide Teile tragen keinen Untertitel, sondern nur die schlichte Gattungsangabe skálduð ævisaga, denn der Autor legte Wert darauf, dass die Geschichte sowohl fiktive wie autobiografische Elemente enthält: „Sie ist beides. Sie ist nicht ganz wahr. Aber sie enthält auch keine direkte Lüge.“

Ursprüngliches Vorkommen rötlicher Haare, nach wikipedia.

Jón Gnarr, das wissen alle, die bereits sein Buch Hören Sie gut zu und wiederholen Sie gelesen haben, ist der Sohn einer Krankenschwester und eines Polizeibeamten, ein Nachzügler, für den sich die Mutter schämte, denn sie war bei seiner Geburt bereits 45. In diesem Alter haben die Frauen in Island meist schon Enkelkinder. Zudem war der Knabe, der den Namen Jón Gunnar bekam, auch noch rothaarig.

Oma Anna äußerte sofort den Verdacht, dass das nicht mit rechten Dingen zugegangen sein könne. Sie konnte Rothaarige noch nie leiden. Für sie waren Rothaarige die Zigeuner des Nordens, Menschen zweiter Klasse, die allenfalls als Haifischköder taugten. Sie hatte im Leben noch keinen ehrbaren und anständigen Rothaarigen getroffen. Rotschöpfe waren Diebe. Von Natur aus.“

Die einen Fehltritt argwöhnende Oma Anna wusste nichts vom heimtückischen Ginger-Gen, das oftmals viele Generationen lang auf der Lauer liegt, bevor es überraschend ein Menschenkind befällt. Weltweit gehören zwei Prozent der Menschen der roten Minderheit an. In den nordischen Ländern sind es ein paar mehr, aber das hat Jón Gnarr nichts genützt. Auch nicht in der Schule. Aus eigener leidvoller Erfahrung weiß ich, wie es ist, als Rotschopf, Rotfuchs, Karotte oder Schlimmeres gehänselt, verachtet oder gar verprügelt zu werden.

Idol Johnny Rotten, Sänger der Punk-Band Sex Pistols. (Screenshot youtube-Video)

Rothaarige Kinder haben daher das Bedürfnis sich mit anderen Leidensgenossen zu verbünden – die „Rothäute“, wie die nordamerikanischen Indianer früher bezeichnet wurden, boten sich da förmlich an. Jón Gnarrs Identifikation mit den Indianern allerdings ging weiter als bei manch anderem. Während ich mich darauf beschränkte, mit Goldrutenpfeilen auf die Jagd zu gehen, was meiner Erinnerung nach wenig Schaden anrichtete, stürzte sich Indianer-Jón auf einen feindlichen Cowboy hinab und verletzte dabei versehentlich eine Lehrerin. (Vermutlich nutzte der fantasievolle Knabe ein Holzregal in der Schule, weil weit und breit kein geeigneter Baum zur Verfügung stand.)

Nina Hagen, Jóns erste Liebe (Dagblaðið. 8.6.1979).

Meine Schule ist eine offene Schule. Es gibt keine Klassenzimmer, sondern alle lernen gemeinsam in einem Raum oder gehen in die Kuschelecke. Die Lehrer vergeben keine Noten wie in anderen Schulen, sondern Kommentare. Man kann ausgezeichnet, tadellos oder befriedigend bekommen.“

Trotz offener Schule – Jón tut sich schwer mit Lernen, ist unkonzentriert, stört ständig. Den Werkunterricht fände er toll, wenn er das basteln dürfte, was ein Indianer so braucht: Waffen oder ein Zelt. Aber eine Kuh aus Sperrholz braucht ein Indianer wirklich nicht.

Auch eine Brille brauchen Indianer eigentlich nicht, sie haben schließlich Adleraugen. Aber Indianer-Jón ist ziemlich blind, und auch die ihm verpasste hässliche Brille hilft nicht bei der Orientierung.

Vorbild auch wegen seines roten Haars: Schriftsteller Þórbergur Þórðarson (Coverfoto Islands Adel, Fischer Verlag).

In Indianer versetzt sich Jón Gnarr in die verzweifelte und verwirrte Kinderseele hinein, die keine Erklärung für das ständige Unfugtreiben hat. Es passiert einfach.

Vielleicht war ich ja zu anstrengend, und alle hatten die Schnauze voll von mir. Ich weiß es nicht. Ich begreife das immer erst, wenn alle sauer auf mich sind. Dann weiß ich, dass ich wohl etwas falsch gemacht haben muss. Wenn jemand traurig oder wütend ist, versetzt mir das einen Stich ins Herz, weil ich Angst habe, dass es meine Schuld ist.“

Das Nachzeichnen der kindlicher Ohnmacht – im ständigen Tempuswechsel, den Übersetzerin Tina Flecken beibehält – verlangt trotz manch lustiger Einlage auch dem Leser einiges ab. Eigene beklemmende Kindheitserinnerungen kommen hoch …

Die Punkband Nefrennsli (ohne Jónsi), Helgarpósturinn, 11.8.1983.

Im zweiten Teil Pirat (übersetzt von Betty Wahl) wachsen, so scheint mir, Sprache und Gedanken mit, werden differenzierter. Der zukünftige Komödiant beginnt sich zu entpuppen, so zornig er auch ist. Der Einbruch im Kindergarten, die unglückliche Liebe zu Nina Hagen, die Schwierigkeit, herauszufinden, was Anarchie bedeutet, die blitzkurze Karriere als Jónsi in der Punkband Nefrennsli (Nasenlaufen) – hier finden sich die Anknüpfungspunkte zum späteren Lebensweg, hier schreibt Jón Gnarr humorvoller, befreiter und damit auch distanzierter als im ersten Teil.

Busbahnhof Hlemmur in Reykjavík. Hier trafen sich Punker und Obdachlose. Foto: Bernhild Vögel.

Weil der als schwererziehbar angesehene Jónsi notorisch Schule schwänzt, soll die „Rotznase“ schließlich in ein Internat gesteckt werden. Wie hatte doch Hermann Hesse genau einhundert Jahre vor dem Erscheinen von Indjáninn geschrieben?

... immer wieder sehen wir Staat und Schule atemlos bemüht, die alljährlich auftauchenden paar tieferen und wertvolleren Geister an der Wurzel zu knicken. Und immer wieder sind es vor allem die von den Schulmeistern Gehassten, die Oftbestraften, Entlaufenen, Davongejagten, die nachher den Schatz unseres Volkes bereichern. Manche aber - und wer weiß wie viele? - verzehren sich in stillem Trotz und gehen unter.“ (Unterm Rad)

Bernhild Vögel – ice@birdstage.netwww.birdstage.net

Jón Gnarr: Indianer und Pirat,Übersetzt von Tina Flecken und Betty Wahl,Tropen Sachbuch (sic!) 2015,253 Seiten, 18,95 €.