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Eine Reise zu den Sehenden

Kulturblick

Eine Reise zu den Sehenden

Komme, wer möchte,bleibe, wer möchte,gehe, wer möchte,mir und den Meinen wohlgesonnen ...

Liebe Islandreisende, ein Buch solltet Ihr Euch nicht entgehen lassen. Es ist ein Reiseführer der ganz anderen Art und nur in Island erhältlich. Er erschließt die Welt der Huldren und Elfen von Nordisland bis in die Westfjorde.

Da höre ich schon, wie der ein oder andere Leser gequält aufseufzt: Schon wieder Elfen! Recht hat er! Erbarmungslos werden die Elfen mittlerweile auf dem Tourimarkt verwurschtet. Doch bitte ich, weiterzulesen, denn das Buch, das ich hier empfehle, ist ein Vorkrisenmodell, 2007 in Island erschienen, in einer Zeit also, in der der Massentourismus noch an Island vorbeigezogen ist.

Außerdem erzählt das Buch, das den Titel Auf den Spuren der Unsichtbaren“ trägt, eher von Menschen als vom verborgenen Volk, wie der Untertitel Eine Reise zu den Sehenden unterstreicht.

Es ist ein Buch, das überhaupt nicht mit dem Seitenblick auf Touristen geschrieben ist, sondern eines, das den damals im Wohlstand schwelgenden Reykjavíkern ein wenig die Augen für die Natur und andere Werte als Geld, Glitzer & Klamotten öffnen wollte. Ganz ohne moralischen Zeigefinger.

Die Autorin Unnur Jökulsdóttir ist in Island bekannt für ihre ungewöhnlichen Reiseberichte. Im Anschluss an ihr Studium segelte die heute Sechzigjährige zusammen mit Þorbjörn Magnússon über die Weltmeere und veröffentlichte darüber mehrere Reisebücher. Es folgte ein Kinderbuch, und dann machte sich Unnur auf, das Innere ihres Heimatlandes zu erkunden. Zusammen mit dem Fotografen Sigurgeir Sigurjónsson reiste sie durch Island und besuchte Fischer, Bauern, Fuchsjäger, Steinsammler usw. Daraus entstand der ungewöhnliche Bildband Isländer (Forlagið 2004). 2012 erschien ebenfalls auch auf Deutsch der Fotoband Island in all seiner Pracht von Erlend und Orsolya Haarberg, zu dem Unnur die Texte verfasste.

Bei ihrem Isländer-Projekt hatte Unnur bemerkt, dass viele der Interviewten „auf Huldren und ihre oder anderer Leute Kontakte mit diesen Wesen zu sprechen kamen, als handelte es sich dabei um einen ebenso alltäglichen und selbstverständlichen Aspekt ihres Lebens wie bei den Menschen in den Nachrichten oder den Leuten auf dem Nachbarhof. Daraus entsprossen Neugier und Lust zu untersuchen, wie es heute um die Huldren bestellt ist.“

Das nächste Projekt Auf den Spuren der Unsichtbaren war damit ins Leben gerufen. Als erstes besuchte Unnur die Bäuerinnen Margrét und Sæunn im Skagafjörður und erzählte ihnen von ihrem Studium der zahllosen Briefen, die im Nationalmuseum von den Begegnungen mit Huldren und Elfen Zeugnis ablegen.

In diesen Briefen hieß es auch, man habe jenen, die mehr sahen als andere, üblicherweise besondere Wertschätzung entgegengebracht und sei im Umgang mit ihnen sehr vorsichtig gewesen. Nun scheine diese Gabe allerdings mehr und mehr zu verschwinden, der moderne Mensch sei dabei, diese Verbindung zu verlieren.

Die eine der Schwestern mit den milden Stimmen sagt, das sei ganz logisch. Die Menschen von heute hätten überhaupt keinen Bezug mehr zu ihrer Umwelt, zur Natur. Sie hätten sich völlig entfremdet. Außerdem gebe es mittlerweile zu viel elektrisches Licht.“

Unnur beschreibt anschaulich Mensch, Tier und Natur, nimmt uns mit in abgelegene Täler und führt uns in gastliche Küchen, wo immer eine Kanne Kaffee bereit steht. Aber auch in die Hauptstadtregion, wo sie unter anderen den Musiker Hilmar Örn Hilmarsson trifft, den Hochgoden (Allsherjargoði) der isländischen Ásatrúarfélagið, der Gemeinschaft der Asengläubigen. Die isländischen Verehrer von Odin, Thor & Co., die gerade in Reykjavík einen Tempel bauen, engagieren sich im Umweltschutz und treten für die Rechte von Minderheiten ein. Insbesondere ihr Einsatz für die Rechte von Homosexuellen haben ihnen in den letzten Monaten eine Flut von Hass-Emails vor allem aus Deutschland und den USA eingebracht. Neonazis, Homophobiker und Rassisten schrecken selbst vor massiven Drohungen nicht zurück. Die von Haimo Grebenstein initiierte Facebook-Seite Ásatrúarfélagiđ - we are at your side! ist ein Aufruf (nicht nur an Heiden/Pagans!) zu einem virtuellen Solidaritätsmarsch, um dieser Attacke gegen die isländischen Ásatrús eine deutliche Abfuhr zu erteilen.

Zurück zu Unnur und ihrem Besuch bei Hilmar Örn. Sie fragte ihn, ob die Ásatrú auch an Elfen und andere Naturgeister glauben. Seine Antwort:

Ja. Diese Vorstellungen von Landgeistern und Huldrenwesen begleiten uns schon seit der Landnahmezeit und waren immer sehr lebendig in diesem Volk. Im Asenglauben gibt es so viele Wesenheiten und eine solche Vielzahl verschiedenster Existenzformen, dass all diese Vorstellungen da sehr leicht integriert werden können. Unser Anliegen als Asengläubige ist es, die alte Religion in Ehren zu halten und der Natur mit Respekt zu begegnen. Und auch, das, was wir als ‚Landnahmeübereinkunft‘ mit den Göttern und guten Geistern bezeichnen, zu befolgen.“

Respekt zu empfinden vor den Vorstellungs- und Erlebniswelten anderer Menschen, auch wenn sie noch so seltsam erscheinen – das „lehrt“ Unnurs Buch über die Sehenden allemal. Doch da die Naturgeister zunehmend touristisch vermarktet werden, lässt sich heutzutage für Außenstehende schwer unterscheiden, ob Marketingstrategie, Überzeugung oder eine pfiffige Kombination im Spiel ist. Isländer lassen sich nicht so einfach in die Karten gucken – auch unter diesem Gesichtspunkt ist Unnurs Buch über ihre Reise zu den Sehenden eine kleine Perle.

Behutsam und respektvoll ist auch die Übertragung von Benedikt Grabinski, den sicherlich einige Leser als kompetenten Übersetzer von Pétur Gunnarssons Andri-Tetralogie in Erinnerung haben (hier der Link zur Vorstellung des vierten Bandes).

Ein weiterer Glanzpunkt ist die Arbeit der Forlagið-Grafikerin Alexandra Buhl, die deutlich macht, dass es nicht Hochglanz braucht, um Bilder zum Leuchten zu bringen. Die zwei hier ausgewählten Doppelseiten zeigen, wie sie Fotos mit einem Hauch Transparenz am Rand auf alte Kartenausschnitte setzt und mit dem Rot-Grün-Kontrast spielt.

Bernhild Vögel – [email protected]www.birdstage.net

Unnur Jökulsdóttir:Auf den Spuren der Unsichtbaren.Eine Reise zu den Sehenden. Übersetzt von Benedikt Grabinski,Reykjavík 2014,Mál og Menning / forlagid.is

PS: Der oben zitierte Spruch, der Unnurs Buch einleitet, wurde von den isländischen Bäuerinnen aufgesagt, wenn sie am Heiligabend um den Hof herumgingen, um Huldren und Elfen ins Haus einzuladen.