Reykjavík
-3°C
NE

Jenny Brockmanns Datenskulpturen

Kulturblick

Jenny Brockmanns Datenskulpturen

Photo: Jenny Brockmann

Vor einigen Tagen schrieb mir die Künstlerin Jenny Brockmann:

Ich recherchiere hier in Island, wie Daten geologischer und vulkanologischer Prozesse erhoben und ausgewertet werden und was das Sammeln von Daten und die Visualisierung solcher Daten für Auswirkungen auf den/die BetrachterIn hat.“

Kunst und Geologie – wie soll das denn zusammenpassen? Während ich noch überlege, fallen mir die Visualisierungen der Bárðarbunga-Beben im vergangenen Jahr ein. Bunte Kugeln unterschiedlicher Größe illustrierten in einer 3D-Simulation Stärke, Tiefe und Zeitpunkt der einzelnen von den Seismographen erfassten Beben – auf dem Höhepunkt der vulkanischen Tätigkeit ein kunterbuntes Luftballon-Treiben, eine ästhetische Visualisierung der gewaltigen unsichtbaren Naturvorgänge unter der Erdoberfläche. Aber so sehr sie auch mit Wahrnehmung zu tun hat, Kunst ist dann doch noch etwas anderes.

Skaftfell, Seyðisfjörður. Foto: Bernhild Vögel.

In Island gibt es mehrere Künstlerresidenzen und eine ihrer bekanntesten ist das Kunstzentrum Skaftfell (nicht verwechseln mit Skaftafell, dem Nationalpark im Süden) in Seyðisfjörður. Skaftfell ist dem Künstler Dieter Roth gewidmet, der viele Jahre in Island lebte und arbeitete.

Jenny Brockmann ist gegenwärtig Artist in Residence im Skaftfell. Die 1976 in Berlin geborene Bildhauerin hat an der Universität der Künste in Berlin und am Hunter College in New York studiert und ein Architekturdiplom an der TU Berlin erworben. Ihre Arbeiten finden international Beachtung und wurden unter anderem in St. Petersburg, San Salvador, Basel, London, New York und Tel Aviv gezeigt.

Ihr Performance-Installations-Recherche-Projekt Chronicle of a Place (2013-2015) entstand im öffentlichen Raum von New York, Istanbul und Tel Aviv.

An den ausgesuchten Punkten habe ich Messungen vorgenommen, Zeichnungen und Notizen gemacht, Foto- und Filmaufnahmen, Wasser- und Materialproben genommen. Im Atelier habe ich die Sammlung ausgewertet, Karten gezeichnet, Fotocollagen und Filme zusammengestellt, Materialproben gesichtet und katalogisiert. Für jeden Ort ist eine aus den unterschiedlichen Medien sich zusammensetzende Tagebuch-Ortsbeschreibung geworden. An jedem Ort, wo dieses Archiv ausgestellt wird (in diesem Herbst zum Beispiel in Kaohsiunh, Taiwan und Peekskill, upstate New York) werde ich wiederum Ortsaufnahmen machen, sodass dieses Archiv fortlaufend wächst“,

schreibt Jenny in ihrem Portfolio zu diesem Projekt.

Jenny Brockmann bei der Arbeit im Lavafeld. © Jenny Brockmann.

In Island, wie zuvor schon in Italien beschäftigt sich Jenny mit Geologie und Vulkanismus. Das Projekt heißt Parallel Line up („parallel ausgerichtet“), eine Serie von Zeichnungen, Fotografien, Skulpturen, Film und Performance), an der die Künstlerin seit 2012 arbeitet. Am sizilianischen Vulkan Ätna hatte sie Messungen vorgenommen und nun folgte sie einer Einladung des Breiðdalssetur im ostisländischen Breiðdalsvík, dort zu recherchieren. Das Geologiezentrum und Museum Breiðdalssetur verwahrt das Archiv des 2005 verstorbenen britischen Geologen und Vulkanforschers George P. L. Walker, der sich intensiv mit dem Breiðdalur Zentralvulkan beschäftigt hat, einem erloschenen Vulkan, der vor 7 Millionen Jahren die eindrucksvolle Fjordlandschaft mitschuf.

Recherche im Breiðdalssetur. © Jenny Brockmann.

Die Ausstellung Parallel Line up wird am Sonntag, den 16. August im Breiðdalssetur eröffnet. Ausgestellt werden Jennys Datenskulpturen, die sie mit ihren in Island erarbeiteten Zeichnungen, Fotografien und Texten kombiniert.

Unter dem Begriff Datenskulpturen konnte ich mir erst einmal wenig vorstellen – umso erstaunter war ich, als ich Fotos und Beschreibungen studierte. Veränderungen der Umweltbedingungen beeinflussen auch die uns unbeweglich erscheinenden Dinge. Das Gestein der Berge erodiert, auch wenn wir den Prozess nicht mit bloßem Auge verfolgen können. Doch dass sich Steine wie Blütenkelche öffnen und schließen könnten, je nachdem, ob sie mit der Information Helligkeit oder Dunkelheit „gefüttert“ werden, das ist eine merkwürdig faszinierende Vorstellung, die Jenny in ihren Datenskulpturen verwirklicht.

Datenskulptur 'kinetic object - temperature berlin'. © Jenny Brockmann.

Sie verwendet dafür klimatische und seismographische Daten. Zu der hier in drei Bewegungsphasen abgebildeten Skulptur kinetic object - temperature berlin schreibt die Künstlerin:

Ich habe 2012 damit begonnen, Steine wie Lambporphyr oder Hohwald Granit in den hiesigen Steinbrüchen auszusuchen und dann damit an Skulpturen zuarbeiten, die dynamisch mit der Temperatur an diesen Orten verbunden sind. 2014 habe ich eine Steinskulptur (Stone,H0,6m x 3m x 3m, 2014) im Deutschen Konsulat in New York ausgestellt, dessen Steine aus einem Steinbruch in der Nähe von Dresden kommen und die sich entsprechend der Temperatur in Berlin mittels eines Druckluftkissens gehoben (steigende Temperatur) und gesenkt (sinkende Temperatur) haben.“

Am 25. August findet um 20 Uhr eine Veranstaltung unter dem Titel Data Flows and Landscape Observations statt, auf der Jenny mit den Besuchern die Erhebung von Daten und deren lokale und globale Auswirkung auf die Betrachtenden diskutieren wird.

Die Ausstellung Jenny Brockmann: Parallel Line up im Breiðdalssetur ist vom 16. bis 26. August täglich von 11-18 Uhr geöffnet.

Bernhild Vögel – [email protected]www.birdstage.net