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Herbstzeit - Sammlungszeit

Kulturblick

Herbstzeit - Sammlungszeit

By Bernhild Vögel

Photo: Bernhild Vögel

Wetter und Jahreszeiten bestimmen in Island mehr als in gemäßigten Zonen das Leben der Menschen. Und in den Westfjorden kommt der Winter schneller als in der milderen Hauptstadtregion. Die letzten schönen Herbsttage wollen genutzt sein für Außenarbeiten am Haus und im Garten und zum Beerenpflücken. Das letzte Kreuzfahrtschiff hat den Anker gelichtet und viele Restaurants stellen ihren Betrieb über den Winter ein. Auch die meisten Museen und Sammlungen haben schon geschlossen. Zeit für eine kleine Nachlese.

Jedes Heimatmuseum in isländischen Küstenorten dokumentiert die goldenen Zeiten des Fischfangs, als es Hering im Überfluss und noch keine Fangquoten und Kühlhäuser gab. Das gilt insbesondere auch für Ísafjörður, das im 19. Jahrhundert zu einem der größten Handelszentren in Island aufstieg. Aber ich möchte heute nicht über das Fangen von Fisch, sondern über das Sammeln an Land berichten. Im Byggðasafn Vestfjarða in Ísafjörður gibt es die Akkordeonsammlung von Ásgeir S. Sigurðsson zu bestaunen. Der erste Bericht über einen aus Deutschland stammenden Akkordeonspieler, der in Reykjavík zum Tanz aufspielte, stammt von 1845. Doch auch in Kirchen sang man fortan zur Akkordeonbegleitung und mancher Autodidakt zog mit seinem Instrument von Hof zu Hof und spielte für Essen und Nachtquartier auf. Ásgeir hat 1990 angefangen, alte Akkordeons zu sammeln und zu restaurieren. Im Jahre 2008 hat er seine private Sammlung, die inzwischen mehr als 180 Exponate umfasst, dem Museum von Ísafjörður übereignet.

Dellusafnið in Flateyri. Foto: Bernhild Vögel.

Wer sammelt, braucht Platz für das Sammlungsgut. Deshalb sammeln viele Menschen lieber kleine Dinge, die sie im privaten Bereich unterbringen oder ausstellen können. Doch als der ehemalige Polizist Jón Svanberg Hjartarson in Flateyri auf die Idee kam, Dellusafnið zu gründen, ein sog. Nonsense-Museum, das im Deutschen auch Firlefanz- oder Kokolores-Museum heißen könnte, fanden sich viele Menschen, die ihre Privatsammlungen gerne loswerden wollten. Viele dieser im Dellusafnið ausgestellten Dinge gelten als nahezu wertlos, so die Kronkorkensammlung, die Zuckertütchen- und Würfelzuckersammlung und die versammelten Weinflaschenetiketten. All diese „wertlosen“ Schätze wurden auf Reisen erworben, sind mit ihnen verbunden und aktivieren für den Sammler (und manchen Betrachter) wertvolle Erinnerungen. Kronkorkenjäger Ómar Smári allerdings unternahm einige Reisen nur, um seine Sammlung zu bereichern.

In der Familie, die jetzt das Museum betreibt, hat sich Vater Valdemar auf das Sammeln von Modellen von Baumaschinen und Traktoren spezialisiert, ein etwas kostspieligeres Hobby, das aber teure Fernreisen erspart. Mutter Nilma, die von den Philippinen stammt, hat auf ihren Reisen kleine Schnapsfläschchen gesammelt, alle sind noch unangetastet, da Nilma niemals Alkohol trinkt. Tochter Hrefna sammelt seit ihrem sechsten Lebensjahr Kugelschreiber, zuallererst die ihres Vaters.

Hjörtur, ein anderer junger Sammler, war sieben Jahre alt, als 1940 britische Soldaten in das abgelegene Dörfchen Flateyri kamen, immer nur drei Männer, die im Haus Öldugata 11 stationiert waren. Sie schenkten dem Jungen ihre leergerauchten, mit faszinierenden Bildern bedruckten Zigarettenverpackungen und Zündholzschachteln.

Feuerzeugsammlung im Dellusafnið. Foto: Bernhild Vögel.

Die Sammlerin, die sich auf Feuerzeuge verlegt hatte, begab sich auf ein gewagtes Terrain. Es ist kaum zu glauben, in welchen Formen sich Flammenspender verstecken können: Heuschrecken, Lippenstifte, Dildos, Akte und Halbakte, Feuerlöscher, Kanonen und andere Waffen, Fische, Schiffe, Musikinstrumente, Fahrräder … Angefangen hat Elíns Leidenschaft fürs Feuerzeug im deutschen Trier (ich nehme mal an, dass die Ortsangabe „Tier“ ein Schreibfehler ist), wo sie 1989 einen kleinen feuerroten und -speienden Porsche erwarb.

Buchhändler Eyþór Jóvinsson in Gamla Bókabúðin. Foto: Bernhild Vögel.

Man kann das 200-Seelen-Dorf Flateyri (erreichbar nur durch den 6 km langen, großenteils einspurigen Tunnel) getrost als Museumsdorf bezeichnen, denn es verfügt außerdem über eine Puppensammlung aus aller Welt und ein Schiffsmodellmuseum (Úlfarshöfn), das Interessierte (zu denen ich nicht gehörte) mit einer Nachbildung der Titanic und des Schlachtschiffs Bismarck lockt. Vor den historischen Häusern informieren Tafeln über die Geschichte des Gebäudes und im Svarta Pakkhúsið, dem schwarzen Lagerhaus, erfährt man alles über den Trockenfisch. Besonders beeindruckend ist Gamla Bókabúðin, der alte Buchladen, der sowohl Museum wie Antiquariat und Café ist. In den originalen Räumen seiner Vorfahren serviert Buchhändler Eyþór Jóvinsson Kaffee und Kuchen und berechnet im Laden die Bücher nach Gewicht.

Gamla Bókabúð: Kaffee und Kuchen in historischen Räumen. Foto: Bernhild Vögel.

þingeyri, das letzte Dorf in der Ísafjörður-Gemeinde hat letztes Jahr seine Schmiede zum Museum erklärt. Gearbeitet wird dort gelegentlich an den alten verlässlich funktionierenden Drehbänken und Bohrmaschinen und auch manches Ersatzteil wird noch geschmiedet oder gegossen, denn moderne Wegwerf“kultur“ kann sich so ein abgelegener Inselort nicht leisten.

Gussformen in der Schmiede von þingeyri. Foto: Bernhild Vögel.

In den Mehrzweckmuseen, in denen noch kontinuierlich oder gelegentlich gearbeitet wird, ist die Chance größer, Zutritt auch in den Wintermonaten zu bekommen. Ganzjährig geöffnet ist jedenfalls Verzlun Bjarna Eiríksonar ( kurz Bjarnabúð genannt) in Bolungarvík, weit und breit der einzige Tante-Emma-Laden, in dessen Obergeschoß Inhaberin Stefanía Birgisdóttir den Kunden gerne ihre historischen Schätze zeigt, altes Inventar aus den 1920er Jahren ebenso wie die erhaltenen Anschreib- und Kassenbücher, in denen man nachlesen kann, dass beispielsweise Jóna Baldursdóttir am 16. Dezember 1930 ein Pfund Kaffee, ein Schreibheft und ein Stück Seife gekauft hat.

Stefanía Birgisdóttir in der Bjarnabúð. Foto: Bernhild Vögel.

Damals gab es selbst die alte Küstenstraße noch nicht, wer nach Ísafjörður wollte, musste übers Meer schippern oder über die Berge wandern. Heute, wo der Tunnel eine gefahrlose und rasche Fahrt zu den großen Supermärkten ermöglicht, ist die Bjarnabúð, die Stefanía seit bald 20 Jahren betreibt, nicht mehr konkurrenzfähig. Was aber von Einwohnern wie Reisenden geschätzt wird, ist ihr ausgeklügeltes Mischsortiment aus Lebensmitteln, Kleidung, Büchern, Wolle, Kosmetik und vielen anderen Dingen des täglichen Bedarfs, verbunden mit kundenfreundlichen Öffnungszeiten. Noch will Stefanía weitermachen, aber sie weiß, die Tage sind gezählt.

Museum Óshlið. Foto: Bernhild Vögel.

Auf dem Rückweg nach Ísafjörður, auf dem ich über die alte, durch viele Steinschläge verformte Küstenstraße wandere, passiere ich zuerst die Fischerhütten des Museums Óshlið, die zwar verschlossen sind, aber auch von außen einen Eindruck vom harten Fischeralltag in früheren Jahrhunderten vermitteln.

Ohne den Fisch, das will zum Schluss nun doch erwähnt sein, wäre es hier niemals zum Aufbau der Küstenorte gekommen, die nun in all ihren Museen und kleinen Sammlungen vom Fisch und von den „Schuppen“ erzählen, von all den lebenswichtigen Dingen, aber auch dem schönen, schillernden Tand.

www.birdstage.net - [email protected]