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RIFF und andere Kino-Höhepunkte

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RIFF und andere Kino-Höhepunkte

Photo: Bernhild Vögel

Oft passt das Timing nicht und so konnte Everest, der neueste Film von Islands zur Zeit bekanntestem Regisseur Baltasar Kormákur, nicht das Filmfest RIFF eröffnen, so wie bereits 2012, als Djúpið (Die Tiefe) bereits in den Kinos angelaufen war. Ich hatte das Glück, Everest am Wochenende vor Beginn des Reykjavíker Festivals in Ísafjörður im englischen Original mit isländischen Untertiteln zu sehen. Ísafjarðarbíó ist das dienstälteste Kino Islands, das stilvolle Gebäude wurde 1935 errichtet und seine alte Möblierung bezaubert jeden Cineasten.

Ísafjarðarbíó, das Kino in Ísafjörður. Foto: Bernhild Vögel.

Dass sich Baltasar nun gar auf dem Hollywood-Parkett bewegt, erfreut die Isländer, auch wenn sie gerne außer Ingvar Eggert Sigurðsson mehr Isländer auf der Leinwand gesehen hätten. Hollywood ist bei den Akteuren präsent, aber das Drehbuch verzichtet auf Schmalz und aufgesetztes Melodram. Das Drama, das sich 1996 am Everest abspielte, ist dramatisch genug, befand Baltasar.

From Everest Szenenbild aus Everest (Universal Pictures).

Was ihm den Vorwurf einbrachte, ein lakonisches Werk geschaffen zu haben. „Aus lauter Ehrfurcht klappert er die Fakten ab und scheut zurück vor allen Schuldzuweisungen. Dem Ereignis ist das vielleicht angemessen - aber ist das Kino?,“ fragt die enttäuschte Kritikerin der Süddeutschen Zeitung, denn für sie zählt anscheinend nur das platte Hollywood-Motto: „Drama, das entsteht da, wo einer recht hat und einer nicht.“ Ich finde, Baltasar gebührt für seinen lakonischen „Sagastil“ großes Lob, denn Rechthaberei und nachträgliche Schuldzuweisung sind fehl am Platz. Der Berg bestraft jede Nachlässigkeit sofort und macht klar: Wer die Kräfte der Natur und die eigenen Grenzen nicht respektiert, verwirkt sein Leben.

Baltasar Kormákur im Foyer des Bíó Paradís, RIFF 2015. Foto: Bernhild Vögel.

Auch wenn Everest nicht auf dem Filmfest läuft, Baltasar ist dennoch anwesend, denn die ersten Folgen seiner Fernsehserie Trapped werden zum Abschluss gezeigt. Ich sah ihn nach der Vorführung von Lulu in the Nude, dem 2013 herausgekommenen Film der im August verstorbenen Regisseurin Sólveig Anspach. In dem Drama Stormy Weather hatte Baltasar Kormákur 2003 unter Sólveigs Regie gespielt und nach der Vorstellung des wunderbaren Films Lulu in the Nude gedachte er mit anderen Filmschaffenden der verstorbenen Kollegin.

Sólveig Anspach Sólveig Anspach.

Die in Deutschland wenig bekannte Sólveig Anspach hat in Frankreich gelebt, ihr Vater, so lese ich im RIFF-Programmheft, war ein russischer Jude aus Brooklyn, ihre Mutter eine Isländerin, die nach Paris zum Architekturstudium kam. Sólveig kämpfte jahrelang gegen ihre Krebserkrankung an und schuf Spielfilme über eigenwillige Frauengestalten und verlorene Seelen. Queen of Montreuil war 2011 Eröffnungsfilm beim RIFF. In Lulu in the Nude spielt Karin Viard eine verschüchterte Frau, die Hals über Kopf ihren lieblosen Mann und ihre drei Kinder verlässt und unter schwierigen Bedingungen Selbstsicherheit gewinnt, ein subtiler Film mit einem hoffnungsvollen Ende. Am letzten RIFF-Tag, Sonntag, 4. 10., läuft noch einmal Sólveigs Made in the USA, ein Film über den zum Tode Verurteilten Odell Barnes.

Sparrows still shotAtli Óskar Fjalarsson als Ari (Standbild aus dem Film Sparrows).

Heute Abend wird beim RIFF Rúnar Rúnarssons neuer Film Þrestir (Sparrows) vorgestellt, der auf dem TIFF in Toronto Premiere hatte und auf dem Filmfestival von San Sebastián die Goldene Muschel gewann. Rúnar begann mit dem Filmen unter schwierigen Umständen. Seine Bewerbung an der Filmschule in Kopenhagen wurde abgelehnt, doch dann fand sein Kurzfilm Síðasti bærinn (The Last Farm) internationale Beachtung, 2006 sogar eine Oskarnominierung und verschaffte ihm doch noch Zutritt zu Den Danske Filmskole. Smáfuglar (Zwei Vögel, 2008 ) wurde der international beliebteste und mit 50 Preisen am häufigsten ausgezeichnete Kurzfilm, eine berührende Skizze über einen Jugendlichen, der miterleben muss, wie das von ihm geliebte Mädchen von zwei Männern vergewaltigt wird. Sparrows ist nun nach Eldfjall (Volcano) Rúnar zweiter Spielfilm. Atli Óskar Fjalarsson, der die Hauptrolle in Smáfuglar spielte, verkörpert auch in Sparrows einen 16-jährigen „Hänfling“.

Ari hat jahrelang bei seiner Mutter in Reykjavík gelebt, nun muss er, weil sie das Land verlässt, zurück an den abgelegenen Ort seiner Kindheit, zurück zu seinem Vater (Ingvar Eggert Sigurðsson). Gedreht hat Rúnar letztes Jahr in Bolungarvík, Ísafjörður, Suðureyri und Flateyri, um einen fiktiven Ort zu schaffen, an dem sich die Vater-Sohn-Geschichte abspielt.

Sicherlich wird Sparrows auf Herbst-Filmfestivals in Deutschland gezeigt, ob auf den Nordischen Filmtagen in Lübeck und/oder anderswo.

www.birdstage.net - [email protected]