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Eiskalte Schocker und fast gegriller Frosch

Kulturblick

Eiskalte Schocker und fast gegriller Frosch

Photo: Bernhild Vögel.

Nach jedem Filmfest frage ich mich, welche Filme eigentlich nachhaltig in Erinnerung bleiben werden. Das mag von Person zu Person verschieden sein, mein Gedächtnis ist jedenfalls nicht das beste und ich vermute, von den Kurzfilmen auf dem Reykjavíker Fimfestival RIFF werden es nur wenige sein, an die ich mich nach einigen Monaten ohne Hilfe des Programmheftes erinnern kann.

Vielleicht stellt sich dann das gruselige Gefühl wieder ein, wenn mir die Vorstellung mit den grönländischen und färöischen Kurzfilmen in den Sinn kommt. Maria Winther Olsen thematisiert in Falling Angels (Som Engle Vi Falder) die Liebe zwischen zwei jungen Frauen in einem bigotten Umfeld, ein wichtiges Thema, denken wir nur an das brüskierende Verhalten eines christlich-fundamentalistischen Politikers anlässlich eines Staatsbesuchs der damaligen isländischen Premierministerin Jóhanna Sigurðardóttir im Jahre 2010. Allerdings empfand ich das Ende des knapp halbstündigen Films als zu deprimierend & verkitscht.

Auf einer isolierten färöischen Insel in den 1960er Jahren spielt Guilt (Skuld), düster in Szene gesetzt von Heiðrik á Heygum. Der Film erinnerte mich an Streifen aus der Schwarzweißfilmzeit, versetzt mit modernen Schockelementen. In der Tat, der Maler, Musiker und Filmer Heiðrik, der jetzt in Island lebt und vor allem durch seine Eivør-Musikvideos bekannt wurde, wollte der Geschichte einer verdrängten schweren Schuld einen Hitchcock-Anstrich geben. Was zu der schuldhaften Tat führte, bleibt weitgehend im färöischen Nebel verborgen.

Standbild aus Half & Half von Aká Hansen.

Der „modernere“ Horrorfilm aus Grönland Dark Side of the Mind über einen psychisch kranken Mann, der seine Haloperidol-Pillen nicht nimmt und Menschen abschlachtet, erschien mir dagegen kalt, fast steril (aber machen Sie sich selbst ein Bild über den angegebenen Link). Gefallen hat mir die Dokumentation von Egill Bjarnason Once the Ice Melts (Þegar ísinn bráðnar) über vier Einwohner der entlegenen ostgrönländischen Siedlung Ittoqqortoormiit und auch das dreiminütige Half & Half (Hér og þar), in dem Aká Hansen die Frage stellt, warum sie in Grönland als Dänin und in Dänemark als Grönländerin angesehen wird.

Unter den isländischen Kurzfilmen, die ich nicht gesehen habe, ist Brothers (Brædur) von Þórður Pálsson (einem der fünf Nordic Talents 2015), der beim diesjährigen Palm Springs ShortFest eine besondere Erwähnung erhielt, ebenso wie Rainbow Party (Regnbogapartý) von Eva Sigurðardóttir beim London Film Festival. Wie diese beiden beleuchten auch mehrere andere Shorts die Lebenswelt und Probleme von Kindern und Jugendlichen – schockierend Heimildarminnd von Jón Ásgeir Karlsson, das zusammen mit Rainbow Party die RIFF-Auszeichnung Bester isländischer Kurzfilm gewann. In vier Minuten zeigt hier ein Kind die Wohnung, in der es aufwächst. Die Eltern sind nicht anwesend, auf dem Tisch liegt Besteck, das nicht zum Essen dient.

In You and me (Þú og Ég) erzählt Ása Helga Hjörleifsdóttir, wie das kleine Mädchen seine Mutter tröstet und aufmuntert – ein erheiternder, nachdenklich machender Rollentausch. The Catman (Kattamaðurinn) erzählt von dem 75-jährigen depressiven Narfi, der angespornt und begleitet von einer alten Freundin noch einmal einen Blick auf die Jugendzeit wirft – ein berührender Film von Barði Guðmundsson. Der Regisseur hat 17 Jahre als Flugbegleiter gearbeitet, dann verlor er seinen Job und steckte seine Ersparnisse in Filmworkshops. Er nennt sich auch Barði harði frá Garði – in Island kommen die „Harten“ nicht in den Garten, sondern aus dem Garten.

Tjarnarbíó. Foto: Bernhild Vögel.

Es ist mit 39 Minuten ein Film zwischen Kurz und Lang und es ist keine Fiktion, die sich vor den Augen der Zuschauer abspult. Aus Á sama báti (In the Same Boat) ist wohl niemand unberührt hinausgegangen.

In den schönen Saal des Tjarnarbíó wurde eine junge Frau hineingefahren. Sie saß mit dem Gesicht zum Publikum gewandt und eine andere Frau übersetzte ihr die Filmdialoge in Tastsprache. In Á sama báti ist Snædís Rán Hjartardóttir, so heißt das Mädchen im Rollstuhl, die Hauptperson. Sie erkrankte im Alter von fünf Jahren am Brown-Vialetto-van-Laere-Syndrom, einer seltenen neurodegenerativen Erkrankung, die Taubblindheit und Muskelschwund verursacht. Ihrer Schwerstbehinderung zum Trotz hat Snædís im Frühjahr Abitur an der renommierten Menntaskólinn við Hamrahlíð gemacht. Im Sommer letzten Jahres war einer ihrer Träume in Erfüllung gegangen: Der Traum, einmal eines dieser Abenteuer zu erleben, die sie nur aus Büchern kannte und aus Berichten ihrer langjährigen Betreuerin und Freundin Védís Ólafsdóttir, einer Weltenbummlerin und Bergführerin. Zusammen mit Védís‘ Schwester Halla Mía und der kanadischen Kanuführerin Olivia Fogel entwickelten die Freundinnen den Plan einer viertägigen Kanutour durch die Wildnis der kanadischen Temagami-Seen, eine Herausforderung für das Abenteurerinnenteam, das durch zwei Isländerinnen und eine Kanadierin verstärkt wurde.

Halla Mía, die 2013 ihren Master in visueller Anthropologie an der FU Berlin mit dem Film Books with Remoulade über einen ostgrönländischen Buchladen gemacht hatte, dokumentierte die Tour mit ihrer Kamera. Immer wieder müssen die Kanus über schmale Pfade getragen werden, und schließlich nimmt Védís Snædís auf ihren Rücken, denn auf dem Wurzelwerk versagt auch der geländegängige Rollstuhl. Schwerstarbeit und wunderbares Erlebnis für alle, auch für Sædís, die Wildnis, Wellen und Wasser mit wachem Geist und viel Humor erfühlt und ertastet.

Oben: Snædís Rán Hjartardóttir (l), Védís Ólafsdóttir, unten: Olivia Fogel (l), Halla Mía (asamabati.tumblr.com, Montage Bernhild Vögel)

Ziel der Reise ist es, an der Erfahrung des Miteinander teilzuhaben und daraus zu lernen, spontan Kräfte zu teilen und eine erstaunliche Aufgabe zu vollbringen, eine, die vorher für einige von uns als undurchführbar galt. Snædís ist ein charismatisches und motiviertes Individuum, das sich weigert, ihre Lebensfreude von den physischen Anlagen und den sozialen Herausforderungen beschränken zu lassen“,

heißt es in der Projektskizze für den Karolina Fund, über den ein Teil der Kosten finanziert werden konnte, und weiter:

Wir hoffen, dass der Dokumentarfilm unserer Begeisterung über die Reise gerecht wird, aber auch andere inspiriert, selbst Herausforderungen zu meistern, mit eigenen Teamgeist, Enthusiasmus und Denkweisen, die ein bisschen die eingefahrenen Gleise verlassen.“

Dieses Vorhaben ist geglückt, auch wenn der ganz große Traum von Snaedis, richtig in der Wildnis zu leben und sich von Beeren, Insekten und Fröschen zu ernähren, nicht in Erfüllung gehen wird. Und der Frosch, den ihre Freundinnen für sie fingen und in die Hand legten, durfte sein Leben behalten und wurde nicht gegrillt.

Í sama báti war für mich das Highlight unter den kürzeren Filmen des Festivals, die ich allerdings nicht alle sehen konnte. Was RIFF so angenehm gegenüber anderen Filmfestivals macht, ist die unangespannte Atmosphäre. Vor den Kinosälen bilden sich keine langen Schlangen, denn die Isländer stehen nicht schon eine halbe Stunde vor Beginn der Vorführung vor der Tür, um die besten Plätze zu ergattern. Man geht einfach kurz vor Vorstellungsbeginn rein und setzt sich dorthin, wo noch Platz ist.

Zwei der Kurzfilme können Sie über die angegebenen Links ganz, andere in Ausschnitt oder Vorschau ansehen. Oft werden neue Kurzfilme auch ins Bordprogramm von Icelandair aufgenommen. Und es lohnt ein Blick ins Programm der Nordischen Filmtage Lübeck und der anderen anstehenden deutschen Filmfestivals.

www.birdstage.net - [email protected]

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