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Sture Böcke, jungfräuliche Berge

Kulturblick

Sture Böcke, jungfräuliche Berge

By Bernhild Vögel

Photo: Fúsi / Virgin Mountain

Isländer sind sture Böcke. Bei internationalen Verhandlungen in Fisch- und Walangelegenheiten haben sie diesen Ruf weg. Die von Halldor Laxness geschaffene Romanfigur des Bjartur in Sein eigener Herr ist der Obersturkopf der Nation.

Und nun kommt ein isländischer Film daher, der auf Isländisch und Englisch den neutralen Titel Hrútar/Rams, also Widder, trägt, auf deutsch aber Sture Böcke. Gleich zwei prallen da aufeinander, die sturköpfigen Brüder und benachbarte Schafbauern Gummi und Kiddi, die seit 40 Jahren kein Wort mehr miteinander gesprochen haben. Irgendwie aber müssen sie ins Gespräch kommen, da eine gefährliche Schafkrankheit ihre Herden und ihre Existenz bedroht.

Der Film wurde dieses Jahr schon auf mehreren internationalen Filmfestivals gezeigt, in Cannes konnte er den Preis Un Certain Regard („Ein gewisser Blick“) einheimsen und auf dem Transilvania International Film Festival erhielt er nicht nur den Special Jury Award, sondern auch den Publikumspreis. Letztes Wochenende kam dann der Goldene Engel beim Tofifest, dem Internationalen Filmfestival im polnischen Torun, hinzu.

From the film Rams.Standbild aus Hrútar / Sture Böcke.

Nun haben die Sturen Böcke am 4. November die Ehre, die Nordischen Filmtage in Lübeck eröffnen. Gedreht wurden sie im Bárðardalur, einem nordisländischen Tal, das sich 45 km ins Hochland bis zum Sprengisandur erstreckt. Regie führte der 38-jährige Grímur Hákonarson, der 2004 seinen Abschluss an der Filmfakultät der Akademie der musischen Künste in Prag mit dem mehrfach ausgezeichneten Kurzfilm Slavek The Shit machte. Sein Kurzfilm Wrestling (2007) errang 25 Festivalpreise. Hrútar ist Grímurs zweiter Spielfilm.

Die meisten isländischen Bauern hätten eine stärkere Beziehung zu Schafen als zu anderen Nutztieren, erklärte Grímur in einem Interview:

„Mögen die Kühe auch Brot auf den Tisch bringen, des Bauern liebstes Hobby und Leidenschaft sind gemeinhin seine Schafe. Irgendwie ist die Beziehung zwischen Mensch und Schaf immer besonders eng gewesen und ich finde dieses Phänomen interessant und faszinierend. Diese Welt wollte ich in dem Film darstellen: Menschen, die allein mit ihren Schafen leben und sehr starke emotionale Bindungen zu ihren Tieren entwickeln.So etwas kommt nur noch sehr selten in der modernen Gesellschaft vor und Leute wie meine Hauptcharaktere Gummi und Kiddi sterben aus. Das ist sehr schade, finde ich.“

Isländischer Widder. Foto: Bernhild Vögel.

Grímur hat als Heranwachsender jeden Sommer auf Höfen gelebt und gearbeitet. Auch über seinen Vater, der im Landwirtschaftsministerium beschäftigt war, und bäuerliche Verwandtschaft erfuhr er, welche Probleme eine Schafseuche mit sich brachte und bringt.

Dass zwei Nachbarn oder zwei Verwandte auf dem Lande Jahrzehnte nicht miteinander sprachen, sei nicht ungewöhnlich, meint Grímur. Oft vergäßen sie gar, was der Anlass des Zerwürfnisses gewesen sei. „Isländer sind sture und selbstständige Wesen, sie wollen auf ihren eigenen zwei Füßen stehen und sie misstrauen allem, was von außen kommt. Da gibt es diesen Charakterzug eines Unabhängigkeitsdenkens, das manchmal über alle Logik hinausgeht.“

Die sturen Böcke Gummi und Kiddi werden von Sigurður Sigurjónsson und Theodór Júlíusson gespielt, beide sehr beliebte und erfahrene Schauspieler, Sigurður hat in vielen Fernsehserien und der alljährlichen Silvestersatire Áramótaskaupið mitgewirkt, Theodór ist aus international beachteten Produktionen wie Engel des Universums, Reykjavík-Rotterdam und Volcano bekannt. Nicht nur die Schauspieler für das tragisch-komische Bauernstück wurden sorgfältig ausgewählt. Eine der schönsten Erinnerungen an die Vorproduktionsphase bildet für Grímur das Vorsprechen der Schafe. Ganze Herden entzogen sich dem Casting durch Flucht, doch auf einem Hof im Tal fanden sich schließlich ein anlehnungsbedürftiger Widder und mutige Schafe.

Isländische Schafe. Foto Bernhild Vögel.

Aber es gibt selbstverständlich noch mehr isländische Filme auf dem Nordischen Filmfest. In Retrospektive laufen zwei Filme von Altmeister Fridrik Thór Fridriksson (Cold Fever und The Ring Road), der Kinderfilm Sveppi und Gói retten die Welt, einige interessante Dokumentationen und Kurzfilme.

In Lübeck und auf dem Internationalen Filmfestival in Braunschweig, das fast zeitgleich vom 2. bis 8. November stattfindet, werden zwei weitere neue isländische Filme gezeigt. Þrestir (Sparrows), der neue Film von Rúnar Runarsson, der auf dem TIFF in Toronto Premiere hatte und auf dem Filmfestival von San Sebastián die Goldene Muschel gewann. Atli Óskar Fjalarsson, der die Hauptrolle in Rúnars preisgekrönten Kurzfilm Smáfuglar (Two Birds) spielte, verkörpert in Sparrows den „Hänfling“ Ari. Der Jugendliche hat jahrelang bei seiner Mutter in Reykjavík gelebt, nun muss er, weil sie das Land verlässt, zurück an den abgelegenen Ort seiner Kindheit, zurück zu seinem Vater (Ingvar Eggert Sigurðsson). Die Vater-Sohn-Geschichte wurde in den Westfjorden (Bolungarvík, Ísafjörður, Suðureyri und Flateyri) gedreht. Sparrows ist nach Eldfjall (Volcano) Rúnars zweiter Spielfilm.

Sparrows still shotSparrows.

Fúsi (internationaler Titel: Virgin Mountain) heißt der neue Spielfilm von Dagur Kári, der übrigens der Sohn des Schriftstellers Pétur Gunnarsson ist und vier Jahre älter als die Regisseure Rúnar und Grímur. Sein international erfolgreicher erster Spielfilm Nói Albínói von 2003 ist sicherlich manchem Leser noch im Gedächtnis. Virgin Mountain feierte seine Weltpremiere auf der Berlinale 2015 und hat Preise auf dem New Yorker Tribeca Film Festival gewonnen. Gestern wurde ihm in der Harpa in Reykjavík der Filmpreis des Nordischen Rates verliehen. Schon 2014 hatte sich mit Benedikt Erlingssons Hross í oss (Von Menschen und Pferden) der isländische Beitrag gegen die von Schweden, Norwegen, Finnland und Dänemark nominierten Filme durchgesetzt.

Fúsi /Virgin Mountain

Der 43-jährige schwergewichtige Fúsi arbeitet als Gepäckwagenfahrer am Flughafen und wohnt bei seiner Mutter. Dem Spott von Kollegen und Verdächtigungen von Nachbarn ausgesetzt, zieht er sich immer mehr zurück. Sein eintöniges Leben ändert sich radikal, als er einen Gutschein für einen Tanzkurs erhält und die quirlige, aber gleichermaßen einsame Sjöfn (Ilmur Kristjánsdóttir) kennenlernt. Die Rolle des Fúsi hat Dagur dem Komödianten Gunnar Jónsson auf den Leib geschnitten. Gussi, wie er meist genannt wird, spielt seit 1983 vor allem in isländischen TV-Filmen und Serien (z.B. Fóstbræður), aber als Dagur ihn anrief und ihm die Rolle anbot, war er gerade auf einem Frachter auf der Ostsee mit Pfannkuchen-Backen beschäftigt.

Fúsi, der jungfräuliche Berg, ist keine Comedyfigur, der Film keine Love-Story. Die Erwartungen der Zuschauer zu unterlaufen, das war Dagurs Absicht – seien wir gespannt auf Virgin Mountain.

Wann welcher Film wo läuft, entnehmen Sie bitte dem Lübecker bzw. Braunschweiger Filmfestprogramm.

[email protected]www.birdstage.net

PS, 9.11.2015:

Auf den Nordischen Filmtagen hat Virgin Mountain den Publikumspreis und den Kirchlichen Filmpreis Interfilm gewonnen und Sture Böcke den Preis der Baltischen Jury. Virgin Mountain kommt am 12. November in die deutschen Kinos.