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Straße der Hoffnung

Kulturblick

Straße der Hoffnung

By Bernhild Vögel
Vonarstræti

Spät kommt sie, doch sie kommt: die preisgekrönte Vonarstræti / Straße der Hoffnung auf NDR. Vor einem Jahr bekam der Film des isländischen Regisseurs Baldvin Z. den Filmpreis des NDR auf den Nordischen Filmtagen in Lübeck. Nach Abschluss der diesjährigen Filmtage sendet der NDR den Gewinnerfilm des letzten Jahres im Spätprogramm. Straße der Hoffnung kommt am Montag, 9. 11. 2015 von 23:15 bis 1:15 Uhr.

Hier ist noch einmal der Bericht über das Gespräch mit Þorsteinn Bachmann, dem Darsteller des Móri:

Wie Fische im Aquarium

Beinahe hätten wir uns verfehlt. Da ich nicht wusste, wie er im richtigen Leben aussieht, sprach ich im falschen Café den falschen Mann an: Þorsteinn? Der schüttelte erstaunt das bärtige Haupt. Eine Mitarbeiterin der Nordischen Filmtage Lübeck wies mir telefonisch den Weg, so dass ich doch noch mit Þorsteinn Bachmann, dem Darsteller des Móri im Film Vonarstræti (Straße der Hoffnung), zusammentraf.

Der erste Novembertag ist sonnig und warm; wir nehmen vor dem Café Platz. Þorsteinn, der gegenwärtig keinen Bart trägt, kommt gleich darauf zu sprechen: Das mit dem Bart sei nicht ganz einfach gewesen. Er hätte ihn gerne üppig wachsen lassen, doch er musste auch den jungen Móri spielen, und die Abfolge der Drehs richtete sich nach anderen Kriterien als der Bartlänge. So begannen die Drehtage jeweils mit zwei, drei Stunden Maskenbildnerei, die nicht nach „Maske“ aussehen darf – Falsche Hollywood-Bärte sind Þorsteinn ein Gräuel.

An den Tagen, bevor er den alten Móri spielte, nahm er keine Flüssigkeit zu sich, um die Haut trockener und älter aussehen zu lassen. Perfektion aus Leidenschaft. Aber auch, weil das isländische Publikum größten Wert auf Authentizität legt. (Wehe dem Schauspieler, der einen Seemann spielt und dabei einen falschen Handgriff tut.)

Þorsteinn BachmannÞorsteinn Bachmann. Foto: Bernhild Vögel.

Þorsteinn hat sie ausgiebig studiert, auch in Lübeck fallen sie ihm auf, ihre gebeugte Haltung, das wuchernde Haar, der durch Alkoholmissbrauch unsichere, schlurfende Gang: Denn Móri ist einer dieser Saufbruder. Wir Zuschauer sehen ihn anfangs durch die Brille eines besorgten Kindergärtners: Vielleicht hat es dieser Penner sogar auf kleine Mädchen abgesehen.

Ach, das ist doch Móri, der Dichter … der ist nur ein Alki, beruhigt die Kindergärtnerin Eik (Hera Hilmarsdóttir) ihren Kollegen. Sie ist neugierig auf den versoffenen Poeten und kommt nach einer Lesung mit ihm ins Gespräch. Eik ist 24, hat eine achtjährige Tochter und kommt mit ihrem Gehalt nicht über die Runden. Vonarstræti spielt vor dem Bankenzusammenbruch. Schulden drückten Geringverdiener auch in den Jahren des wirtschaftlichen Booms. Während die einen im Champagner badeten, hielten sich andere mit mehreren Jobs über Wasser.

Doch Vonarstræti ist kein „Krisenfilm“, ist vielschichtiger, reißt Themen an, die die isländische Gesellschaft in den letzten Jahren aufgewühlt haben. Sucht, Gewalt, Prostitution, Missbrauch – all dies in einem Film, der oft nur andeutet und gerade deshalb so starke Emotionen beim Zuschauer weckt.

Þorsteinn Bachmann als MóriÞorsteinn Bachmann als Móri in Vonarstræti.

Eine leicht hochgezogene Augenbraue nur, und der Zuschauer sieht: Móri weiß, dass Eiks zweite Schicht kein Kellnerinnenjob ist. Aber er schweigt, ist kein Moralapostel. Der versoffene Poet stinkt, darüber muss Verleger Skúli, der das Manuskript von Móris Autobiographie Lífið í fiskabúrinu (Das Leben im Aquarium) rühmt, eigentlich gar kein Wort mehr verlieren, wir sehen es seiner Nase an.

Auch der englische Titel des Films heißt Life in a Fishbowl. Stell dir vor, sagt Þorsteinn, die Leute hier auf der Straße wären Fische in einem Aquarium. Und weist mich auf die Symbolik des Wassers hin, die sich durch den Film zieht. Wir glauben, festen Boden unter uns zu haben, aber es ist nur dünnes Eis. So wie damals am Reykjavíker Stadtteich Tjörnin, nur ein paar Schritte entfernt von der Vonarstræti. Als Móris Tochter Kolla ums Leben kam. Als all seine Hoffnungen zerbrachen und er jeden Halt verlor.

Ich habe selbst eine fünf Jahre alte Tochter, sagt Þorsteinn, ich weiß nicht, was ich an Móris Stelle getan hätte.

Gerade durch seine Zurückhaltung (ein seltsames Wort, um einen Film zu charakterisieren, aber mir fällt kein passenderes ein) hinterfragt Vonarstræti die Überheblichkeit des Zuschauers gegenüber Móri, Eik und Sölvi, der dritten Hauptfigur.

Sölvi, Agnes, Maísól in VonarstrætiSölvi (Þorvaldur Davið Kristjánsson), Agnes (Kristín Lea Sigríðardóttir) und Tochter Maísól.

Sölvi (Þorvaldur Davið Kristjánsson), ein Fussballer, der zum Aushängeschild einer Bank aufsteigt, hat plötzlich die Aussicht auf „alles“, Geld haufenweise, ein tolles Auto, Partys und Playgirls in Florida. Dafür muss er nur ein paar Leute überzeugen, ihre alten Häuser an der Vonarstræti zu verkaufen. Wer von uns kann sich ganz sicher sein, solchen Verlockungen zu widerstehen?

Viele Menschen in Island haben das während der Jahre des Booms erlebt, sorglos gingen sie Vergnügungen nach, kauften auf Pump. Dann kam Ende 2008 kreppan, die Krise, und mit ihr Schulden und Arbeitslosigkeit. Öffnete die Augen wieder für andere Werte. Dass sich nicht alles kaufen lässt. Dafür steht die Poesie, auch wenn sie aus dem Mund eines versoffenen Dichters kommt.

Ich kenne inzwischen etliche isländische Schriftsteller, aber keinen, der so eine Randexistenz führt wie Móri. In gewisser Beziehung war Dagur das Vorbild für die Figur des Móri, erklärt mir Þorsteinn. Dagur Sigurðarson (1937 – 1994), Poet, Maler und Übersetzer, schockierte die feine Gesellschaft, ein scharfzüngiger Bürgerschreck und großartiger Lyriker.

Mori und Eik in VonarstrætiMóri (Þorsteinn Bachmann) und Eik (Hera Hilmarsdóttir).

Zurück zum Plot: Dass sich nicht nur Móri und Eik, sondern auch Eik und Sölvi und Móri und Sölvi treffen, halten manche, die die kleine isländische Gesellschaft nicht kennen, für konstruiert, sagt Þorsteinn. Wäre es kein Märchen, könnte es sich auch im realen Stadtleben Reykjavíks rund um den Tjörnin und die Vonarstræti zugetragen haben: Sölvis Tochter besucht den Kindergarten, in dem Eik arbeitet, und Móri besitzt ein Haus, das auf Sölvis Liste steht.

Þorsteinn ist wieder ganz eingetaucht in die Erinnerung an seine Rolle und die Dreharbeiten. Selten hat er eine so gute Arbeitsatmosphäre erlebt, betont er. Keine Hierarchie, eine hervorragende Zusammenarbeit. Regisseur Baldvin Z. (das Z steht für Zophoníasson) habe es verstanden, durch seine aufgeschlossene und inspirierende Art das Team zu motivieren, das Beste zu geben.

Dabei haben sich die Rahmenbedingungen für den isländischen Film nach der Krise erheblich verschlechtert. Der Isländische Filmfonds Kvikmyndamiðstöð Íslands musste Kürzungen von etwa 40 Prozent hinnehmen. Die Bedingungen an den Sets sind oft schwierig, manchmal fehlen Toiletten, manchmal bringen die Schauspieler eigene Kleidung mit, weil Kostüme fehlen, die Arbeitstage werden länger und härter – bis zu 14 Stunden lang. Mitunter leidet darunter die Qualität, sagt Þorsteinn. Nicht aber bei Vonarstræti.

Þorsteinn BachmannÞorsteinn Bachmann. Foto: Bernhild Vögel.

Mitte Mai 2014 hatte Vonarstræti Premiere – die Reaktion der Zuschauer war überwältigend. Der Film hat den Nerv der isländischen Gesellschaft getroffen. Nie zuvor habe er so viele Briefe und Anrufe bekommen, berichtet Þorsteinn. Menschen, die sich bedanken, von sich erzählen, weinen. Ja, auch Männer reagieren emotional, das ist so selten!

Þorsteinn spricht nicht Deutsch, wir unterhalten uns auf Englisch und ich mache mir Notizen. Ich frage ihn nach seinem deutschen Nachnamen. Genaueres weiß er nicht, nur dass Hallgrímur, der Schwiegersohn des Landvogtes Skúli Magnússon, im 18. Jahrhundert nach Deutschland ging und mit dem Namen Bachmann zurückkam.

Unsere Gesprächszeit geht zu Ende, die Cappuchinos sind kalt geworden. Abends werde ich wieder in Braunschweig sein und Þorsteinn wird die Filmpreisnacht besuchen. Und er wird – aber das wissen wir noch nicht – den NDR-Filmpreis stellvertretend für Regisseur Baldvin und das ganze Team von Vonarstræti entgegennehmen.

Preisverleihung LübeckÞorsteinn Bachmann (hier mit der Schauspielerin Brigitte Janner) bei der Preisverleihung. © Turné

Ich hatte die Möglichkeit, diesen wirklich preiswürdigen Film ein zweites Mal zu sehen. Beim ersten Mal war ich zu stark auf die Bilder konzentriert, um die Musik (Ólafur Arnalds) wahrnehmen zu können. Auch verpasste ich etliche der englischen Untertitel und kam (und da war ich nicht die Einzige) bei der ersten Retrospektive durcheinander. Móri wirft sich auf sein Lager und erinnert sich, wie er einst seiner Tochter Kolla, die gerade mit ihren Barbiepuppen spielte, eine wunderschöne Reise versprach. Isländische Zuschauer haben sicherlich kein Problem, denn sie kennen ihren „Steini“, ob alt oder jung, ob mit Bart oder ohne, und müssen nicht auf fremdsprachliche Untertitel achten.

Wer nicht warten will, bis der NDR nächstes Jahr Vonarstræti/Straße der Hoffnung zeigt (hoffentlich mit deutschen Untertiteln, denn ich finde es immer bedauerlich, wenn durch das Synchronisieren Originalstimmen und -sprache verloren gehen), findet die englisch untertitelte Version im Bord-Programm von Icelandair.

[email protected]www.birdstage.net

NDR-Filmpreis für Vonarstræti