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Ein Streifzug durch die Airwaves

Kulturblick

Ein Streifzug durch die Airwaves

Crowd at Iceland Airwaves 2015

Photo: Alexander Matukhno/Iceland Airwaves.

Jedes Jahr das gleiche: Vor dem Besuch des Musikfestivals Iceland Airwaves steht das Zusammenstellen des persönlichen Programms. Was möchte man auf gar keinen Fall verpassen, welche Band oder welchen Künstler kann man, dem eigenen Gusto folgend, gern auslassen?

Meine erste Show am Freitagabend war die von Jónina Aradóttir in Tjarnarbarinn, einer kleinen, gemütlichen Bar am Stadtteich Tjörnin. Die Singer/Songwriterin begeisterte mit außergewöhnlicher Stimme und Gitarre. Lára Rúnars folgte auf Jónina. Sie stellte Stücke aus ihrem neuen Album vor.

Später am Abend konnten Festivalgänger in der Bankastræti ein kleines Band-Duell erleben. Dikta performten im Klamottenladen Cintamani. Es war rammelvoll, auch vor der Tür auf der Straße. Große Lautsprecher beschallten die Draußengebliebenen.

Dikta traten im Kleiderladen auf. Fotos: Gabriele Schneider.

Schräg gegenüber bei Icewear konkurrierten Rafmagnað vor vollem Haus und mit noch größeren Außen-Lautsprechern. Die Punk-Metal-Formation sang unter anderem über Käsekuchen, und für Sänger „Cut“ Páll Sigurður Sigurðsson war es ein Leichtes, einfach mal einen Fan hochzuheben und durch die Luft zu wirbeln. Weil die Lautsprecher vor dem Haus so viel hergaben, rief er Diktas Gäste auf, zur Rafmagnað-Show herüberzukommen. „Und Dikta am besten auch“, meinte er.

Cut von Rafmagnað ist ganz schön stark.

Die Show von Hjaltalín in der Harpa war für viele ein großartiges Erlebnis. Ich selbst war ein wenig enttäuscht: Zu psychedelisch, zu vorgeblich bedeutungsschwanger präsentierte sich die Formation. Und bewegte sich auch so.

Hjaltalín performten in der Harpa.

Svavar Knútur sollte uns am frühen Samstagnachmittag den kurzen Schlaf aus den Augen reiben. In Tjarnarbarinn spielte er seinen letzten Airwaves-Gig dieses Jahres. Allein, ohne Band, aber mit Gitarre, so wie seine anderen Airwaves-Auftritte auch. „Das ist sehr auslaugend“, erklärte der sympathische Sänger, der häufig durch Deutschland tourt, wo er eine große Fangemeinde hat. „Goodby my lovely, it’s time that we part“, begann er sein Set mit Stücken, „die ich normalerweise nicht oft spiele“, wie er sagte.

Svavar Knútur in Tjarnarbarinn.

Im Buchladen Mál of Menning kann man ja schon beim Bücherstöbern und im Café Herumsitzen viel Zeit verbringen. Bei den Iceland Airwaves vergeht die Zeit dabei noch mehr wie im Flug. Ich war wegen Kólga und Jerry Joseph gekommen, nahm aber auch die beiden Bands dazwischen gern mit.

Die Folkband Kólga mit Geigerin, Bassist, Akkordeonist und Gitarrist performte selbst auf Isländisch getextete Folksongs aus aller Welt und ließ so manchen Buchstöberer zum verzückten Zufalls-Zuhörer werden.

Das Duo Moonbow aus Großbritannien lieferte eher experimentelle Musik ab, die Sängerin tanzte und hüpfte dazu auf Strümpfen. „Es ist unser erster Gig in einem Buchladen“, sagte sie lachend, „und es macht Spaß“.

Baula schlugen rockigere Töne an und machten ein Foto vom Publikum. „Das ist unser neunter Gig bei den Airwaves 2015, aber zum ersten Mal denken wir daran, ein Foto zu machen.“

Der Amerikaner Jerry Joseph ist ein Meister des Rock und Blues. Mit Gitarre und faszinierender Stimme zog er viele in Bann. „It’s time to go“, sang er gleich am Anfang, doch glücklicherweise spielte er dann aber doch sein ganzes Set.

Faszinierend: Jerry Joseph.

Abends musste dann mal etwas härtere Musik her. Momentum + Malneirophrenia vereinigten sich beim Auftritt in Gaukurinn. Doom Metal und ein „klassisches, experimentelles Horror-Trio“. Harter, dennoch melodiöser Metal mit Cello-Begleitung wurde zu einem ganz besonderen Ereignis.

Am Sonntagabend trennten sich die Wege von meiner Begleiterin und mir zunächst. Wollte sie doch die Abschluss-Show in der Vodafone-Halle nicht verpassen, ich lieber endlich einmal Axel Flóvent live erleben. So machte sie sich auf in Richtung Halle und hatte dadurch den besonderen Kick, unterwegs am Himmel eine grandiose Nordlicht-Show, die lange in Bewegung war, genießen zu können.

Ich ging durch die im Vergleich zu den Vortagen recht leeren Straßen der Innenstadt zu Gakurinn. Mit seiner warmen, etwas rauchigen und unglaublich facettenreichen Stimme trat der 19-jährige Axel Flóvent aus dem nordost-isländischen Húsavík mit seiner Band auf. Gaukurinn füllte sich rasend schnell mit Publikum. Viele eingefleischte Fans waren darunter. Von langsamen, soften bis recht harten Stücken hatte das Quintett alles im Gepäck. Gitarrist Hafsteinn brillierte zudem einen ganzen Song lang am Schellenkranz.

Viel Gefühl: Axel Flóvent.

Hafsteinn von Axel Flóvents Band.

Zum Schluss trafen wir uns unter dem Nordlicht und ließen die Iceland Airwaves unter dem Himmelsspektakel, im Kopf noch die Musik der letzten Tage und nur ein ganz klein bisschen frierend, ausklingen.