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Seekrank in München

Kulturblick

Seekrank in München

By Bernhild Vögel

In den vergangenen Jahren habe ich insgesamt etwa einhundert Bücher in der Iceland Review Online besprochen. Darunter war kein einziger Roman von Hallgrímur Helgason. Ich habe es in einem Kulturblick-Artikel einmal so formuliert: „Eigentlich vertrage ich viel schwarzen Humor und Sarkasmus, aber mit den Romanen von Hallgrímur Helgason tue ich mich schwer und lasse meine Finger davon.“ Das gilt vor allem für Eine Frau bei 1000°, da gab ich schon bei der Leseprobe auf.

Nun aber hat mich allein schon der Titel von Hallgrímurs neuem Roman zu einem erneuten Versuch verleitet – und siehe da, es geht doch. Seekrank in München, übertragen vom bewährten Übersetzer Karl-Ludwig Wetzig, handelt von den Freuden und Leiden eines isländischen Kunststudenten, „Jung“ genannt, der im Jahre 1981 zu Studienzwecken nach München kommt. Seine Sicht auf die „Mönchsstadt“ und ihre Bewohner – schwankend zwischen Bewunderung und Verachtung – hat mich sofort gefesselt, zumal ich in den 70ern des vorigen Jahrhunderts in der bayrischen Metropole gelebt habe. Kurz bevor der junge Jung dort eintraf, bin ich gen Norden „geflüchtet“.

Wegen des allgemein verbreiteten Phänomens der Betriebsblindheit, das sich in jeder Umgebung einstellt, ob klein oder groß, ob Familie, Fabrik, Stadt oder Land, ist die Sicht des Außenstehenden, des Fremden so wertvoll. Der junge Fremde beobachtet schärfer, je fremder und verlorener er sich fühlt, er friert unter sozialer Kälte, gegen die die Einheimischen längst abgehärtet sind, mehr als unter Polarluft, und erfreut sich kindlich an Dingen, Worten oder Gesten, deren Wert zu schätzen die erwachsenen Einwohner verlernt haben.

Bevor ich zum Inhalt des Buches komme, ein paar biografische Anmerkungen: Hallgrímur ist nicht nur Autor, er ist auch Übersetzer, Maler und Karikaturist. Im Frühsommer 2011 hatte ich das Vergnügen, in der Ausstellung Pferde in der isländischen Kunst im Kjarvalsstaðir sein Gemälde Guð á Sæbraut (Gott auf der Sæbraut) zu betrachten.

Hallgrimur Helgason: Guð á Sæbraut. Foto: Bernhild Vögel.

Die Sæbraut ist die breite nördliche Küstenstraße in Reykjavík (Teil der Straße 41), die von der Konzerthalle Harpa, vorbei an der Wikingerschiff-Skulptur Sólfar und dem Industriehafen, bis in die Nähe des Elliðaárdalur führt. Das fantastische und faszinierende Gemälde hat eine entsprechende Vorgeschichte. Als ómálaða málverkið (in noch ungemaltem Zustand) wurde es 2005 auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung zugunsten von UNICEF für 21 Millionen ISK verkauft. Dieses weiße Gottesgespann, das seiner wuchtigen Körperformen zum Trotz unwirklich und transparent wirkt, wirkt auf mich komisch-gespenstisch. Immer wenn ich eines der Verkehrsschilder an der Sæbraut sehe, die Traktoren das Befahren der Straße zu bestimmten Zeiten verbieten, muss ich an dies Gemälde denken. Denn auch Gott mit seinen Rössern dürfte zur Rushhour auf der vielbefahrenen Straße lediglich als Verkehrshindernis betrachtet werden.

Doch jetzt geht es nach München in den Spätsommer 1981, in dem Seekrank in München beginnt.

Der 21-jährige Student bekam keinen Direktflug nach München. Wie alle, die sich damals von Island an irgendeinen mitteleuropäischen Ort begeben wollten, soll er erst einmal in Luxemburg gelandet sein und dann einen D-Zug bestiegen haben. Das ist sicherlich keine scherzhafte Erfindung, denn Hallgrímur weiß, wovon er schreibt. Er, der 1979/80 die Kunsthochschule in Reykjavík besucht hatte, kam anschließend an die Akademie der Bildenden Künste München, und der Leser kann sicher sein, dass viele Erinnerungen des Autors in den Roman eingeflossen sind.

Die bayerische Metropole schockierte Hallgrímur/Jung, der aus dem verschlafenen Provinznest Reykjavík kam.

„Aus einer Stadt, die weder eine Bierwirtschaft noch eine Oper, ein Kunstmuseum, Züge, Straßenbahnen oder einen griechischen Tempel besaß, sondern lediglich ein Café, drei Restaurants und ebenso viele Diskotheken. Gerade erst wurde ein Kirchturm als Wahrzeichen errichtet. Man baute seit sechsunddreißig Jahren daran, und er war noch immer nicht fertig.“

Die Planung der Hallgrímskirkja hatte 1929 begonnen, im Jahre 1945 erfolgte der erste Spatenstich. Der Kirchturm ragte zwar schon in die Höhe, aber das Schiff des heutigen Wahrzeichens von Reykjavík wurde erst fünf Jahre nach Jungs Reise fertiggestellt.

Jung kannte vom Kontinent lediglich einen Zipfel Norwegen und Kitzbühel vom Skilaufen. Kein Wunder, dass München erst einmal sehr befremdlich auf ihn wirkte:

„Hier war alles so fremd, so viel Hochkultur und doch provinziell, wenn nicht altmodisch. Die Kunstakademie sah aus wie zu Hause die Landesbank in der Austurstræti. Konnte man in einer Bank Bilder malen? Die Menschen hier schritten irgendwie so gemessen durch die Straßen. Überhaupt nicht, als wären sie irgendwohin unterwegs. Die ganze Stadt schien nirgendwo hinzuwollen, außer in die nächste Bierwirtschaft. Schritte hallten zwischen mittelalterlichen Steinmauern wieder. Hier war alles fest gefügt und festgefahren, unveränderlich und drückend geschichtsträchtig. Aber was sollte man von einer Stadt auch anderes erwarten, die nach Mönchen benannt war.“

Hallgrímurs lässt seinen pickeligen Protagonisten Jung durch die Mönchsstadt stolpern; dabei beobachtet er scharf und stellt immer wieder Vergleiche mit seiner Heimatstadt an – das ist saukomisch oder nachdenklich machend oder beides zugleich. Hier ein Beispiel:

Er nickte der Klofrau zu, die ihm einen deutschen Blick zuwarf, und verschwand in einer der Toilettenkabinen im Männerklo, setzte sich, um etwas loszuwerden und Mut für drei Telefongespräche auf Deutsch zu sammeln. Hier begegnete ihm zum ersten Mal das berühmte Klo mit dem Treppenabsatz, das ihm seine Skifreunde nach einer Reise in die Alpen als westdeutsche Erfindung gepriesen hatten, eine Errungenschaft der Nachkriegszeit. Was man ausschied, plumpste darin nicht mit einem vernehmlichen Platschen auf den Boden der Schüssel, sondern ringelte sich leise wie ein Hündchen auf einen trockenen Absatz, auf dem der Produzent sein Produkt noch einmal gebührend bewundern, es inspizieren und klassifizieren konnte. Bestimmt war das eine Folge der eingehenden Nabelschau der Deutschen nach dem Krieg.“

Links: Grim, das Alter Ego von Hallgrímur Helgason, rechts: der Autor auf der Frankfurter Buchmesse 2011. Foto: Bernhild Vögel.

Vielleicht, weil eine ordentliche Portion Ich im Jung steckt, dachte ich mir beim Lesen, behandelt der Autor seinen Helden freundlicher als seine früheren Protagonisten. Geht es doch um den Reifungsprozess eines jungen Künstlers, der auf seiner Reise die rauen Seiten des Lebens, Zurückweisung, Liebeskummer, Verletzung, Gewalt, Krankheit, Einsamkeit kennenlernt.

Aber keine Angst, Seekrank in München ist kein abgehobener Künstlerroman, auch wenn es an es Kunstbetrachtungen insbesondere bei Jungs Abstecher nach Florenz nicht fehlt. Hier ein Beispiel:

„Die Renaissance war so etwas wie ein Staffellauf auf den Berg der Kunst. Giotto war locker losgetrabt, der erste Maler des Lebens, mit seinen simplen Freskofarben, dann übernahm Donatello, der erste Bildhauer, den Stab und legte ein ordentliches Stück zurück, ehe er ihn seinerseits an den blutjungen Maler Masaccio weitergab, der mutig das erste Steilstück überwand und dann den Stafettenstab an den oben auf einem Stein wartenden, blässlich dicken Botticelli überreichte. Der schlich über einen Abhang und schnaufte dabei wie der Gott des Windes in seinen eigenen Bildern, dann wurde es wieder steiler ...“

Jung ist der ganze Kunstrummel zuwider und auch in anderer Hinsicht leidet er unter Kotzbrocken.

Der junge Mann ist auf der Suche, unsicher, menschenscheu, er hat Idole – voran Marcel Duchamp, dem folgen Halldór Laxness, die Künstler der Renaissance, Edvard Munch und der Fußballer „Sigur“.

Stop! Nicknames zu Personen des öffentlichen Lebens will ich doch auflösen. Sigur“ (Sieg) das ist Ásgeir Sigurvinsson, denn der Mann von den Westmännerinseln errang nicht nur als Nationalspieler, sondern auch als Mittelfeldspieler für etliche internationale Erstligisten Ruhm und Tore. 1981/82 wechselte er von Standard Lüttich zu Bayern München, wo man ihn Sigi rief, die deutschen Medien verpassten ihm schließlich den Spitznamen „Eismeer-Zico“. Da im Ausland verstreute Isländer immer irgendwie aufeinanderprallen, lernte Jung selbstverständlich in München auch sein Idol „Sigur“ persönlich kennen.

Junge Frauen ziehen Jung magisch an, aber noch steht er sich selbst im Wege, weil er sich so zum Kotzen findet. In jugendlichen Arroganz („Ein reiner Jungmann in einer unreinen Welt“) verachtet und meidet er die meisten Menschen, die ihm in München und bei seinem Kurzaufenthalt in Italien über den Weg laufen, was mit einer gehörigen Portion Naivität und Vertrauensseligkeit, die üble Folgen hat, nicht so ganz zusammenpasst. Aber bekanntlich ist die menschliche und insbesondere die Künstlerseele voller Widersprüche.

Für Hallgrímur war München eine city of pain, ein Ort des Leidens, wie er in einem Interview berichtete. Er lässt sein Alter Ego (oder altes Ego) Jung ebenfalls kräftig leiden und hält seine Leser zwischen Lachen und Mitleiden gefangen.

Wenn ein Autor über „einen wie sich“ und seinen Werdegang schreibt, sollte dies beim Leser nicht automatisch Mutmaßungen über die autobiographischen Anteile des Romans auslösen. In Island, wo das Original Sjóveikur í München zeitgleich mit der deutschen Übersetzung erschienen ist, liest man es ganz selbstverständlich als Autobiographie. Hallgrímur selbst spricht von „autobiographischer Fiktion“.

Der Roman hat in Island die schwelende Debatte um sexuellen Missbrauch und Gewalt wieder neu entflammt. Ich bin allerdings froh, dass ich davon erst Kenntnis nahm, als ich die Lektüre beendet hatte. Denn während des Romanlesens über den Anteil von Realität und Fiktion zu spekulieren, lenkt doch arg von der erzählten Geschichte ab.

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Hallgrímur Helgason: Seekrank in München, aus dem Isländischen von Karl-Ludwig Wetzig, Tropen 2015, 416 Seiten, 19,95 €