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Saunen und Staunen

Kulturblick

Saunen und Staunen

By Bernhild Vögel

Photo: Bernhild Vögel

Es ist unglaublich, wie viel die Regeln verderben können, sobald einmal alles zu gut geordnet ist“ (G.Ch. Lichtenberg*) – unter diesem Motto richtet sich der Kulturblick diesmal auf den isländischen Weg der Aneignung fremder Kulturtechniken.

Eines Abends im Januar hockte ich unverhüllt auf meinem Handtuch und starrte frustriert auf das Thermometer, das erst 70° C anzeigte, während eine andere, mit einem knappen Bikinihöschen bekleidete Saunafreundin neben dem Ofen Aufstellung genommen hatte, um etwas Wärme zu erhaschen. Das Versäumnis des städtischen Badepersonals von Ísafjörður, die Sauna rechtzeitig anzuheizen, war vermutlich auf den Schock zurückzuführen, den ein offener Brief innerhalb der Stadtverwaltung ausgelöst hatte. Am darauffolgenden Tag veröffentlichte ihn die örtliche Presse und dann machte dessen Inhalt auf Englisch und in arg verstümmelter Version globale Schlagzeilen. Auch ich kann diese langen und differenzierten Ausführungen samt angeschlossener Petition nur in Auszügen wiedergeben, bemühe mich aber um sorgsame Übersetzung und genaue Wiedergabe.

Unterschrieben von Eiríkur Örn Norðdahl, dem Autor des Romans Böse, zwei weiteren Isländern und der siebenköpfigen Finnenfraktion von Ísafjörður, zu der auch der Schriftsteller Tapio Koivukari zählt, beginnt der

Offene Brief betreffs Badebekleidungsirrsinn

mit folgender Anrede:

Hochehrwürdige Stadtoberhäupter von Ísafjörður und Nachbargemeinden, Berge, Wasserfälle, Schluchten, Leute und Viecher, merket auf und höret wohl:

So wie menschliche Individuen eher danach bemessen werden, wie viel Aufmerksamkeit sie anderen entgegenbringen, als an ihrer Fähigkeit, eine tiefgründige Nabelschau abzuhalten, ist es ein Maß für den Kulturgrad einer Nation, wie viel Aufmerksamkeit und Respekt sie der Kultur anderer Völker erweist. Um ein großer deutscher Küchenchef zu werden, reicht es nicht aus, sein Herz an Sauerkraut und Schnitzel zu hängen, man muss sich auch für Falafel und Paella engagieren.

Es folgen weitere Beispiele aus Australien und dem Iran, doch ich möchte hier zum besseren Verständnis des Folgenden die Information einstreuen, dass die isländischen Schwimmbäder in der Regel mit Dampfsaunen ausgestattet sind, die wie die Hotpots betreten werden, also bekleidet und ohne Trennung der Geschlechter. Warum sich aber in den Westfjorden und insbesondere im altehrwürdigen Schwimmbad Sundhöll Ísafjarðar vor einigen Jahrzehnten die finnische Sauna etabliert hat, geht leider aus dem Offenen Brief nicht hervor, in dem es weiter heißt:

Dieses Saunabad befindet sich im größeren der beiden Umkleideräume, und um Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern zu erzielen, gehört es einmal den Männern, einmal den Frauen – die Gleichberechtigung ist freilich nicht größer als anderswo in der Gesellschaft, so kommen die Männer in den Genuss von vier, die Frauen aber nur von drei Tagen in der Woche. Aber lassen wir das erst einmal. In dieser Kabine begegnen Leute aus Ísafjörður, den Nachbarbezirken und Gäste der Gemeinde dem, was auf Finnisch „löyly“ genannt wird, der allumhüllenden und herrlichen Hitze, die sich aus den heißen Steinen erhebt, wenn Wasser darauf versprengt wird.

Stop! Es steht tatsächlich ein Eimer Wasser im kleinen Saunaraum, in dem mit Müh und Not fünf Frauen (für die Männer kann ich hier nicht sprechen) Platz finden. Das eigentlich für den Aufguss bestimmte Wasser wird entweder gar nicht oder aber zum Besprengen von Bänken und Wänden benutzt, denn, so finden beispielsweise Besucherinnen südostasiatischer Herkunft: „Die Luft ist sonst zu trocken“. Auch ist sich die überwältigende Mehrheit der mehrheitlich irgendwie bekleideten Saunierenden einig, dass es nach dem Saunagang keiner Abkühlung bedarf. Ich fand die Rituale, die sich die Frauen aus unterschiedlichen Kulturen um die heißen Steine herum erdacht haben, so faszinierend, dass ich dem anfänglichen Impuls, sie über die richtige Benutzung der Sauna zu belehren, nicht nachgegeben habe. Wozu predigen, wenn alle zufrieden sind?

Sundhöll Ísafjarðar. Foto Bernhild Vögel.

Weiter im Text, der sich dem in Finnland heiligen Ort Sauna widmet, in dem es früher üblich gewesen sei, Kinder zur Welt zu bringen:

… dort debattierst du über Ewigkeitsangelegenheiten und sinnierst über das Leben, was alles schief gegangen ist, und was Dank verdient. Und die Menschen besuchen auch die Sauna, um ihrer verstorbenen Verwandten zu gedenken. Viele halten es für wahr, dass man in der Sauna von seinen Geschwüren und Schadensbringern geheilt wird, oder wie ein Sprichwort besagt 'Sauna on köyhän apteekki' – die Sauna ist die Apotheke der armen Leute.

Die Sauna sei „kein Ort für Narreteien oder Witzeleien, denn ein anderes berühmtes Sprichwort besagt: 'Saunassa ollaan kuin kirkossa' – in der Sauna benimmt man sich wie in der Kirche. Aber davon gibt es vor allem eine wichtige Ausnahme: Das Heiligtum der Kirche betritt der Mensch vielleicht sogar im Festgewand, aber dem Aufguss begegnet er so wie Gott ihn geschaffen hat, mit nacktem Hintern … , so wie im Garten Eden schämt sich in der Sauna niemand: weder Dicke, Dünne, Haarige, Haarlose, Beinlose, Pickelige, Verschwitzte, Vertrocknete noch andere. So wie der Garten Eden ist die Sauna ein Zufluchtsort, an dem alle Menschen heilig sind.

Unter der Überschrift

Die eiskalte Furcht vor den Ärschen der anderen

geht es nun endlich zur Sache:

Lange Zeit hing vor besagter Sauna das allergroteskeste Schild, das die Unterzeichner in ihrem Leben gesehen haben, auf dem stand, dass die Sauna nicht für Individuen unter 12 Jahren bestimmt sei. In den Ländern, in denen die Saunakultur verankert ist, ist die Sauna ein Ort für die ganze Familie – und wie bereits erwähnt, könnten viele bei ihrem ersten Saunabesuch nicht jünger sein, kommen sie doch direkt aus dem Mutterleib. Es ist zuallererst die Welt außerhalb der Saunakabine, die gefährlich ist. In der Sauna sind wir sicher.

Als diese Verletzung des gesunden Menschenverstandes und der erhabenen Kultur und Geschichte der Sauna endlich beseitigt war, wurde es nicht besser. Nun hängt an der Tür ein anderes Schild, das von den Gästen verlangt, dass sie BADEBEKLEIDUNG tragen – oder sich in ein Handtuch wickeln – wenn sie in der Sauna sitzen.

Ich hatte dieses Schild gar nicht beachtet, zumal bei etwa zehn Saunabesuchen in diesem Winter niemand meine Nacktheit beanstandet hatte. Die mit durchaus sinnvollen Duschgebotsschildern versehenen Umkleidebereiche isländischer Schwimmbäder sind ohnehin Oasen gleichgeschlechtlicher Nacktheit. Unter Außerachtlassung des Absatzes, in dem die Autoren des Offenen Briefes Badebekleidung in der Sauna als Bakterienschleuder beschreiben, die sowohl Löyly, wie auch Verstand, Körper und Seele der Menschen entweiht, so dass sie danach krank und depressiv in die Welt hinausgehen“, möchte ich nur folgende Passage zitieren, die Bezug auf das Schild nimmt und ein kulinarisches Multikultikuddelmuddel heraufbeschwört:

… und lassen wir unerwähnt, welcher Affront gegen den kulturellen und sozialen Saunabereich das ist – vergleichbar wäre es, Finnen anzuweisen, Ketschup auf den þorrablót-Teller zu schütten.

Unverkennbar ist übrigens im gesamten Text die Handschrift von Eiríkur Örn der seine Landsleute in der Nachfolge von Halldór Laxness an das Kulturerbe der restlichen Welt heranführen will, sicherlich auch im Nachgang zu seinem jüngsten Roman Heimska (Dummheit, Ignoranz), der leider noch nicht in deutscher Übersetzung erschienen ist.

Der offenen Brief mündet in folgende Aufforderung:

Wir Unterzeichner fordern daher die Stadtobrigkeit auf – im Namen von Kultur, Reinlichkeit, Gemeinschaft und heiliger Stätte – dafür zu sorgen, dass das besagte Schild entfernt wird und stattdessen ein anderes kommt, auf dem die Badegäste allerherzlichst gebeten werden, ihre Bekleidung draußen liegen zu lassen, bevor sie sich in die Hitze begeben (wo sie auch auf einem Handtuch sitzen könnten, wenn sie das wollten). Auf diese Weise wird die grandiose und magische Kraft des Löyly bewahrt und die Sauna nicht versaut, denn wie schon das Sprichwort sagt: „Jos ei viina, terva ja sauna auta, niin tauti on kuolemaksi“. Wenn weder Wein, Teer noch Sauna helfen, ist die Krankheit tödlich.

Sundhöll Ísafjarðar. Foto Bernhild Vögel.

Es dauerte keine Woche nach Veröffentlichung des Briefes, da war das Schild an der Saunatür sang- und klanglos verschwunden. Es kamen kurzzeitig mehr Besucherinnen als normalerweise, um die neue Lage zu begutachten und zu diskutieren. Einige Tage später, anlässlich des 70-jährigen Jubiläums des Stadtbades, gab der Bürgermeister von Ísafjörður den Beschluss bekannt, jede und jeder könne nun völlig schild- und regellos saunieren, je nach Lust und Laune hüllenlos oder vermummt.

Dies ist freilich nur ein halber Sieg für die Finnenfraktion, aber doch ein vielversprechender Kompromiss. Mit der Zeit wird sich schon herumsprechen, wie es sich am besten sauniert, denn wie ein abschließendes finnisches Sprichwort besagt:

Maailmaa on jos jonnekin päin, sanoi akka, kun kepillä saunanluukusta koitti. Wie ist die Welt doch groß und weit, sprach die Alte, als sie einen Stock zur Saunaluke hinaussteckte.

Das letzte Wort aber soll Eiríkur Örn haben, der den Ausgang des „Saunakrieges“ so kommentierte:

Ich hoffe von Herzen, dass uns die Finnen nun vergeben, dass wir uns endlich vom breiten Irrweg abgewandt haben, wieder hin zum schwierig zu findenden Pfad der Vernunft.

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* Georg Christoph Lichtenberg: Schriften und Briefe, Erster Band, München (Hanser) 1968 (Sudelbücher I, Heft J, [875]).

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Bernhild Vögel, [email protected]ww.birdstage.net

Nachlese:

Sundhöll am Sonntag (Impressionen aus der Sundhöll Ísafjarðar, Januar 2015)

Einfach nur: Böse (Besprechung des Romans Böse von Eiríkur Örn Norðdahl)

Finnlands Griff zum Bleistift (zum Roman Ariasman von Tapio Koivukari

Zwischen Hybris und Demut (zum Volksbuch von Halldór Laxness)