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Hausputz vor dem Bücherfrühling

Kulturblick

Hausputz vor dem Bücherfrühling

Photo: Bernhild Vögel

Gute Bücher haben zwar kein Verfallsdatum, aber wenn sie so kurz vor der nächsten Buchmesse noch unbesprochen bei mir herumliegen, blicken sie mich doch etwas vorwurfsvoll an. Also raus damit!

Im Spätherbst letzten Jahres hatte ich Sommerreigen von Kristín Marja Baldursdóttir gelesen und dann den Roman etwas irritiert zugeklappt. Wie sollte ich diese Geschichte besprechen? Und nun, beim Versuch mich an die Geschichte zu erinnern, steigen intensive Bilder auf, sicherlich auch befördert durch das pflanzengarnierte Umschlagbild. Festgesetzt aber hat sich in meinem Kopf ein fast schon mediterran zu nennendes Biotop – und dabei handelt es sich nur um einen Garten in Reykjavík. Hier regiert Nanna und nutzt auch die Kellerwohnung des geräumigen Wohnhauses für ihre Gartengerätschaften und zur Vorzucht der Pflanzen.

In den oberen Stockwerken wohnt die Familie, Nanna mit ihrem Ehemann, dem Hotelier Gylfi, und Tochter Senna, die gerade ein Praktikum in einem der Hotels ableisten muss, die sie später übernehmen soll. Doch während sie den Dreck anderer Leute wegputzt, hadert die Jugendliche mit ihren Eltern:

„Da waren sie wirklich übers Ziel hinausgeschossen, hätten sich das besser überlegen oder sie mal fragen sollen, was sie selber eigentlich wollte. Sie wussten nicht, dass sie schrieb. Und schon gar nicht, dass die Geschichte von ihnen handelte. Jeden Abend, bevor sie schlafen ging, schrieb sie über ihre Eltern. Wie sie sich in jungen Jahren begegnet waren. Nachdem sie also am Tag ihrer ersten Begegnung in der Metro am Fluss entlangspaziert waren und über Gott und die Welt geredet hatten, begleitete er sie nach Hause.“

Da wird es für die Leser schwierig zu unterscheiden, was der Fantasie der jungen Senna entspringt, also Geschichte in der Geschichte ist, und was die fiktive „Realität“.

Kristín Marja erzählt in der dritten Person abwechselnd aus der Perspektive der Familie, zu der Gylfis jüngerer Halbbruder Hjálmar und dessen Mutter Ingdís gehören. Hjálmar, ein bekannter Schauspieler, wohnt nach seiner Scheidung zusammen mit seiner Mutter in einer von Gylfi finanzierten Wohnung, seine Kinder Aþena und Elías leben bei ihrer Mutter Ása. Andere Verwandte arbeiten in Gylfis Hotelbetrieben – Finnur, Gylfis und Hjálmars Onkel, macht die Buchhaltung und teilt mit Nanna die Liebe zur klassischen Musik. Sein 30-jähriger Neffe Dúi, der infolge der Bankenkrise seine Wohnung verlor, hat sich zusammen mit Hündchen Olli bei Finnur einquartiert und arbeitet als Empfangschef im Hotel.

Unterbrochen wird die Handlung hin und wieder durch Passagen, in denen Figuren, die in der Geschichte keine Rolle spielen, Hjálmars Maskenbildner oder Gylfis Sekretärin beispielsweise, in Ichform ihre Eindrücke zu einzelnen Hauptpersonen schildern.

Alle Familienmitglieder sind mehr oder weniger von Gylfi abhängig, der mit Dreißig das Hotelimperium geerbt hat, doch da er kein Tyrann ist, könnte alles in den gewohnten Bahnen weiterlaufen, wären nicht zwei beunruhigende Ereignisse eingetreten. Finnur hat Unregelmäßigkeiten in der Buchführung entdeckt und dann sorgt ein Fotograf aus Paris, der sich auffällig für Gylfi interessiert, für Verwirrung. Wir ahnen schnell, dass es derjenige ist, der vor Jahren in der Pariser Metro ein Foto eines verliebten Paares geschossen hat – eine Szene gleich zu Beginn des Sommerreigens – nur wer sind die beiden?

Während sich die Ereignisse zuspitzen, lebt Nanna weiterhin unter ihrer „Käseglocke“, ihrem selbst erschaffenen Gartenimperium, das ständig neuen Bedrohungen ausgesetzt ist. Ameisen greifen an, gefährliche Wespen werden von der Glanzmispel angelockt, und dann quartiert Gylfi auch noch den gutaussehenden Fotografen Aloked Achmad Maurice Hamand (von Ingdís kurzerhand Loki getauft) ungefragt in Nannas Kellerreich ein.

„Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“ steht auf der Rückseite des Schutzumschlages des Sommerreigens – seltsam, bei einem Roman, der aus geschätzt fünfundsiebzig mal tausend Worten besteht. Was aber stimmt ist, dass die mit Worten gemalten Bilder mehr in meinem Gedächtnis haften als die rätselhafte Geschichte selbst – Nannas Garten, die Pariser Metro und Gylfis Fluss, an dem er mit Finnur und Hjálmar zu angeln pflegt: Eindrucksvolle, aber keineswegs idyllische Bilder.

Es wird nicht so viel Aufhebens darum gemacht, wenn mal wieder ein neuer Band bisher noch nicht veröffentlichter Geschichten oder Essays von Halldór Laxness herauskommt, und so hatte ich letztes Jahr Ein Angelausflug ins Gebirge verpasst, den Erzählband Sjöstafakverið (Das kleine Buch der sieben Zeichen) aus dem Jahre 1964.

Während Kristín Marjas Roman mit einem Angelausflug endet, wird in Halldór Laxness‘ Erzählung veiðitú í óbygðum (wörtlich: Angeltour ins Unbewohnte) ein solcher sorgfältig vorbereitet. Die Frau eines Kassierers in einer Provinzfiliale ist für drei Tage nach Reykjavík gefahren – für den guten Mann endlich die Gelegenheit, mit Krílon, dem Sohn des Filialleiters, einen zügellosen Angelausflug ins Gebirge zu planen.

„Krílon kam am Abend vorbei, wie sie vereinbart hatten. Er war auffallend groß und sehr dick. Deshalb hatte er sich selbst diesen eigentümlichen Namen gegeben, der etwas ganz Kleines bedeutet. Er sagte nie viel auf einmal und bewegte sich wenig und selten, sondern lachte tief in seinem Innern, so dass sein Bauch zitterte. Er fand andere Leute seltsam, nicht zuletzt deshalb, weil sie so klein und mager waren. Für gewöhnlich hatte er zu seiner Unterhaltung eine Gruppe unbedeutender Menschen um sich, wenn er nicht im Auftrag seines Vaters, des Filialleiters, der auch mit Lachsflüssen und anderen Fischgewässern zu tun hatte, Ausländer auf ihren Angeltouren begleitete. Sonst saß er im inneren Kontor bei seinem Vater und adressierte Briefe für die Filiale, musste die Umschläge dann frankieren und sie zur Post bringen. Im Privatleben rächte er sich an diesen gewöhnlichen Namen der Leute, indem er sie an das Licht jener Welt, die er allein bewohnte, anpasste.“

Und so verpasst Krílon dem Kassierer, der sich über seine mehrtägige Freiheit freut, beim vorbereitenden Whiskyabend den Namen Kjötleifur Grasdal von Gónholt, was wohl so viel wie Fleischrest Grastal vom Gafferhügel bedeutet. Eine sehr skurrile Geschichte rund um das Hobby mit aufgespießten Regenwürmern, Fliegen und anderen Ködern.

Ein Angelausflug ins Gebirge ist ein sehr hübsches, in grünes Leinen gebundenes Bändchen mit sieben komischen, skurrilen und tragischen Erzählungen und eignet sich auch vorzüglich als Ostergeschenk.

Längst vergriffen ist ein Laxness-Band, den ich beim Stöbern im Braunschweiger Oxfam-Laden fand. Erschienen war er in den 1960er Jahren in einer edlen Ausgabe „für den Kreis der Nobelpreisfreunde“ im Schweizer Coron-Verlag und enthält den von Laxness 1948 verfassten Roman Atomstation (übersetzt von Ernst Harthern), einen Text über die interessante Geschichte der Zuerkennung des Nobelpreises 1955, die Verleihungsrede (in der allerdings der Roman Atomstation keine Erwähnung findet) sowie eindrucksvolle Illustrationen des Grafikers Medárd Varsanyi.

Atomstation erschien in der Übersetzung von Laxness‘ Weggefährten Ernst Harthern erstmals 1955 sowohl in der Bundesrepublik wie in der DDR. Im 25. Kapitel mit der Überschrift „Vor und nach dem Atomkrieg“ fehlt einiges, darunter „die hundert Millionen Frauen und Kinder, die in der Atombombe verglühen werden“, die, wie Hubert Seelow in seiner späteren Übersetzung bemerkte, man im Jahre 1955 „dem deutschen Leser nicht zumuten“ wollte (von den Folgen zivil genutzter Atomenergie á la Tschernobyl und Fukushima hatte man damals noch keine Vorstellung).

Wer für diese Auslassung verantwortlich war, weiß man nicht – bekannt ist aber, dass Ernst Harthern, der nie in Island gewesen war und nur teilweise des Isländischen mächtig war, dänische und schwedische Übersetzungen heranzog und auch durchaus eigenwillige Vorstellungen in seine Übersetzungen einbrachte. Dies führt mich nun direkt auf die Leipziger Buchmesse, wo Haukur Ingvarsson seinen Roman November 1976 vorstellen wird – darin kommt nämlich ein Übersetzer vor, der wohl noch etwas eigenwilliger arbeitet, als Ernst Harthern dies tat. Aber davon demnächst mehr.

Nach Leipzig kommen unter anderem auch Ingibjörg Hjartardóttir (Die Bergfrau) und Eiríkur Örn Norðdahl (Böse), der neue Projekte vorstellt. Besonders begierig bin ich auf sein zu Ostern erscheinendes Plokkfiskbókin, das neben vergnüglichen Texten sicherlich auch erlesene Rezepte enthält. Denn Eiríkur, der auch ein hervorragender Koch sein soll, möchte nichts weniger, als dass die ganze Welt dem isländischen Plokkfiskur („unserer Falafel“) zu Füßen liegt. Und dafür muss natürlich schnellstmöglich eine deutsche Übersetzung des Plokkfiskbókin her.

Alle islandbezogenen Veranstaltungen auf der Leipziger Buchmesse finden Sie am einfachsten, wenn sie Island als Stichwort in die Veranstaltungsprogramm-Suche eingeben.

Bernhild Vögel

[email protected]ww.birdstage.net

Kristín Marja Baldursdóttir: Sommerreigen, aus dem Isländischen von Tina Flecken, Fischer Verlage / Krüger 2015, 288 Seiten, 18,99 Euro.

Halldór Laxness: Ein Angelausflug ins Gebirge, aus dem Isländischen von Hubert Seelow, Steidl Verlag 2015, 168 Seiten, 16,00 Euro.