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Leipzig-Isländisches Osterallerlei

Kulturblick

Leipzig-Isländisches Osterallerlei

Photo: Bernhild Vögel

Dieses Jahr drängt sich alles zusammen: Die Leipziger Buchmesse ist gerade zu Ende, da steht Ostern vor der Tür und auch schon die Sommerzeit. Ich bin zwei anregende, aber auch anstrengende Tage lang durch die Leipziger Messehallen gestreift, in denen es so viele Besucher wie nie zuvor gegeben haben soll, bin zwischen dem Nordischen Forum, wo alle fünf nordischen Länder gemeinsam Neuerscheinungen vorstellen und Lesungen abhalten, und verschiedenen Verlagsständen und Veranstaltungsorten hin- und hergeeilt.

Gleich am ersten Messemorgen gab es im Nordischen Forum eine Veranstaltung zu den Literaturpreisen des Nordischen Rates, moderiert von Laura Hirvi (Finnland-Institut). Hauptsächlich ging es dabei um den Kinder- und Jugendliteraturpreis, denn neben Sigurður Ólafsson vom Nordic House in Reykjavík, sind Jakob Wegelius, der letztjährige Preisträger aus Schweden, die isländische Kinderbuchautorin Eva Þengilsdóttir und Ulrike Nickel vom Kulturkind e.V. gekommen. Der Nordische Kinder- und Jugendliteraturpreis ist 2013 zum ersten Mal vergeben worden – und findet seitdem große Resonanz nicht nur in den Nordischen Staaten. Er ist so etwas wie ein Türöffner zum europäischen Buchmarkt.

Eva, deren Kinderbuch Nála 2014 für den Isländischen Literaturpreis nominiert war, berichtet unter den Stichpunkten confidence, credibility, visibility, opportunities, was Nominierungen und Preise für die Autoren bedeuten: „Eine solche Würdigung gibt mir mehr Selbstvertrauen, sie zeigt die Glaubwürdigkeit meiner Arbeit, macht auf das Werk aufmerksam, und eröffnet mir beispielsweise die Möglichkeit, die Leipziger Messe zu besuchen und vielleicht auch einen deutschen Verleger zu finden.“

Eva Þengilsdóttir. Foto Bernhild Vögel.

Ulrike Nickel stellt das kommende Festival Into the Wind! vor. Im Frühsommer 2016, vom 25. Mai bis zum 3. Juni, veranstaltet kulturkind die ersten Nordischen Kinder- und Jugendliteraturtage in Berlin. Aus Island sind dazu die Illustratorin Rán Flygenring und der Kinderbuchautor Þórarinn Leifsson (Papas Geheimnis) eingeladen. Auf dem Festival werden dann auch Preisträger und Nominierte des Nordischen Kinder- und Jugendliteraturpreises vorgestellt (die Nominierung für 2016 erfolgt am 6. April).

Das Cover von Evas Nála – Riddarasaga (Nála – Ein Rittermärchen) kommt schlicht daher. Ein grauer Pappeinband mit breitem bronzefarbenem Rückenband und zwei dunkelbraunen, stilisierten Figuren über dem Titel. Vorlage für die Illustrationen ist der um 1700 gestickte Ritterteppich Riddarateppið aus dem Nationalmuseum in Reykjavík.

Hugumstór ist ein ruhmreicher Ritter, der ein gutes Pferd und ein scharfes Schwert besitzt. Er ist so in sein Schwert verliebt, dass er alles niedermacht, was ihm in die Quere kommt: Drachen, Elfen, Trolle, Geister, Tiere, Menschen. Bis er alleine ist, ganz allein. Niemand mehr da, gegen den er kämpfen kann, so verzweifelt er auch sucht und umherirrt, bis sein Pferd vor Erschöpfung niedersinkt. Er küsst und umarmt sein Schwert, nun sein einziger Gefährte, aber es ist kalt und hart wie Stahl. Als er schläft, kommt ein Mädchen, das als einziges Wesen seinem Wüten entronnen ist, und sieht sich den Schläfer an. Was nur soll es mit diesem todbringenden Schwert machen? „Schwerter zu Pflugscharen“ heißt es in Deutschland, doch das Mädchen hat eine andere Idee. Es befestigt einen Faden an Hugumstórs Schwertknauf und beginnt zu nähen. Und das schauen wir uns jetzt einmal an:

Illustration aus „Nála – Riddarasaga“ von Eva Þengilsdóttir.

Ich liebe das Schreiben und ich liebe mein junges Publikum“, sagt Eva, die Illustratorin und Autorin. Ich habe keine Botschaft, aber ich versuche zu vermitteln, dass Menschen immer Wahlmöglichkeiten haben. Du kannst Fehler machen, du kannst deine Meinung ändern.“ Eva geht oft in Schulen und diskutiert mit den Kindern. Als sie einmal über den Stickteppich im Museum erzählte, der schon über 300 Jahre alt ist, fragte ein Kind: „Hast du ihn gemacht?“

Finnegan‘s List – Autoren als Leser heißt die Veranstaltung, die ich anschließend besuche. Die Liste, benannt nach James Joyces lange als unübersetzbar geltendem Roman, wurde 2010 ins Leben gerufen. Ihr Ziel ist es, Literatur durch Übersetzungen zu teilen, insbesondere die Literatur kleiner Sprachgemeinschaften, und so sind auf dem Podium Wales, Kroatien und Island vertreten. Zehn Autoren aus zehn Ländern schlagen zeitgenössische oder klassische Werke anderer Autoren zur Übersetzung vor – das ist das Schneeballsystem von Finnegan‘s List. Mit von der Partie ist erstmals ein Isländer: Eiríkur Örn Norðdahl. Er stellt den Roman Algleymi von Hermann Stefánsson vor, der unter dem Titel Guðjón Ólafssons Zeitreise als Laborratte 2011 im Litteraturverlag erschienen ist, und von dem ich gestehen muss, dass es mir bislang völlig entgangen ist. Schriftsteller Guðjón, der ohne Erinnerung und Sprache im Krankenhaus erwacht, unternimmt eine spannende Zeitreise. Ich nehme das Buch auf in meine Leseliste.

Nach der Finnegan‘s List-Veranstaltung stellt Eiríkur Örn im Nordischen Forum im Gespräch mit Soffía Gunnarsdóttir, Kulturreferentin der Isländischen Botschaft, noch einmal Böse vor, seinen 2014 auch auf Deutsch erschienenen Roman Illska. „Mit solchen Titeln wie Böse – und Dein folgendes Buch heißt Heimska, also Dummheit – willst Du damit provozieren?“, fragt Soffía. „Nein“, antwortet Eiríkur, „ich wähle solche starken Begriffe als konzeptionellen Anker, um den ich dann herumkreisen kann.“

Eiríkur Örn Norðdahl. Foto: Bernhild Vögel.

Zum Buch verweise ich auf meine Besprechung, möchte aber eine bedenkenswerte Bemerkung von Eiríkur nachtragen. Einer der zwei männlichen Hauptfiguren, der zögerliche Ómar sei, so meint der Autor, ein bisschen so wie die europäische Linke, die viel nachdenke, aber unfähig sei zu handeln. Ich finde den Vergleich etwas gewagt, denn Ómar handelt ja doch, wenn auch reichlich kopflos. Wer von Euch, liebe Leser, nun nicht weiß, wovon die Rede ist, sollte Böse jetzt lesen, es ist eine aufwühlende, spannungsreiche Lektüre, die sich in Form von vielen Denkanstößen bezahlt macht.

Eiríkurs gerade erschienenes Buch Plokkfiskbókin, das ich kürzlich schon erwähnte, ist, das betont er, keineswegs nur ein Fischkochbuch, es geht darin auch um gesellschaftliche Auseinandersetzungen, nationale Probleme und die Liebe – also das ganze literarische Programm rund um den Anker „Plokkfiskur“, den traditionellen isländischen Fischeintopf.

Ich übergehe jetzt November 1976 von Haukur Ingvarsson und Die Bergfrau von Ingibjörg Hjartardóttir, weil ich diese Bücher demnächst ausführlicher besprechen möchte, ebenso wie den Roman Ymir oder: Aus der Hirnschale der Himmel von Philip Krömer.

Aber noch zwei islandbezogene Neuerscheinungen, die ich auf meinem Weg durch die Leipziger Messehallen entdeckt habe, wahrscheinlich aber nicht besprechen werde, will ich wenigstens erwähnen. Die eine stammt von der – nach der Signierschlange zu urteilen – bei Jugendlichen sehr angesagten Fantasy-Autorin Nina Blazon, deren neuester Roman Silfur - Die Nacht der silbernen Augen in Island spielt. Eltern, drei Kinder (zwei deutsche Jungen, ein isländisches Mädchen), der alte Gunnar, Elfen, Spannung und viel Island-Feeling (Verzehr und Aussprache von hákarl machen den Anfang) rund um eins der schönen hölzernen Eckhäuser in der Njálsgata in Reykjavík.

Am Stand des kleinen Verlages Hablizel traf ich niemanden an, blätterte aber kurz in V oder die Vierte Wand, ein Science-Fiktion-Roman der jungen Autorin Anja Kümmel, der in London spielt, das von privaten Überwachungsorganisationen und chinesischen Konzernen beherrscht wird. Hier treffen sich zwei aus der Zeit gefallene Menschen, der Mexikaner Mesca und die Isländerin Fenna, die ihre von Wirtschaftskrisen gebeutelten Heimat verlässt, um in der britischen Metropole einen Job als Auftragskillerin anzunehmen.

Vielleicht ist auch etwas für Sie aus dem Leipzig-Isländischen Osterallerlei dabei – Ich wünsche schöne Feiertage allerseits.

Bernhild Vögel