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Auf Zeitreise mit einer Fischarbeiterin

Kulturblick

Auf Zeitreise mit einer Fischarbeiterin

Photo: Bernhild Vögel

Kann denn das funktionieren? So fragte ich mich, als ich das erste Mal das Büchlein Island. Eine Reise durch die Zeit von Helga I. Hausner durchblätterte. Wird einem denn bei einer Zeitreise, die abwechselnd in die Vergangenheit und in die Zukunft führt, nicht ordentlich schwindelig?

Sigrún Einarsdóttir, eine 40-jährige Fischarbeiterin, entführt die Leser ins Jahr 1893 und unternimmt mit ihnen einen Stadtrundgang quer durch die isländische Geschichte und die Entwicklung von Ísafjörður, der Metropole der Westfjorde.

„Für Sie ist es die 'Vergangenheit' und für mich leben Sie in der 'Zukunft'. Meine Aufgabe wird es sein, Ihnen einen Bogen zu spannen zwischen der Vergangenheit und Heute.“

Die Figur der Sigrún ist mit Bedacht gewählt: Eine verheiratete Frau mittleren Alters, die sieben Kinder zur Welt gebracht hat, von denen zwei an Typhus und Lungenentzündung gestorben sind. Die Männer sind Seeleute, die Frauen müssen „im Fisch“ arbeiten – zu neunt (incl. Mutter und Enkelkind) lebt die Familie in einem Häuschen mit zwei kleinen Zimmern und einer Küche.

Sígrun (Helga Hausner) auf Zeitreise durch Ísafjörður. Foto Bernhild Vögel.

„Sobald hier die Schiffe mit dem Fisch anlanden, stehen wir Frauen an den Holzgestellen, die hier am Strand aufgestellt sind und säubern und salzen den Fisch, meist Dorsch, der dann flach zum Trocknen auf die Strandsteine ausgelegt wird. Danach sieht man den Strand vor Fischen nicht mehr.“

Nun, Ende des 19. Jahrhunderts, sind es isländische Segelschiffe, auf denen der Fisch in den Hafen gebracht wird. Bis 1787 hatte die dänische Kolonialmacht den Islandhandel, der im 15. und 16. Jahrhundert hauptsächlich von Deutschland und England ausgeübt worden war, nahezu zweihundert Jahre lang monopolisiert, dann aber wurden sechs isländische Handelsstädte gegründet und aus dem Handelsplatz auf der Halbinsel Eyri im Skutulsfjörður entwickelte sich die Stadt Ísafjörður.

Neðstikaupstaður, das Untere Handelszentrum. Foto: Bernhild Vögel.

Erst wenige Blockhäuser stehen 1893 an der äußersten Spitze der Halbinsel im Skutulsfjord. Neðstikaupstaður, das Untere Handelszentrum, wird im 21. Jahrhundert ein Museum und ein Fischrestaurant beherbergen.

Auch Edinborgarhúsið, der Sitz der Edinborger Handelsgesellschaft, in dem sich 2016 die Touristeninformation, ein Kulturzentrum und ein Restaurant befinden, wird erst im Jahre 1907 nach Plänen des Architekten Rögnvaldur Ólafsson als größtes Holzhaus Islands errichtet. Rögnvaldur gilt als erster Architekt Islands, er hatte in Kopenhagen studiert und arbeitete wie besessen bis zu seinem frühen Tod mit 43 Jahren. Er schuf übrigens unter anderem das Postgebäude in Reykjavíks Pósthússtræti und die Kirchen in Húsavík und Þingeyri.

Am Edinborgarhúsið beginnt der historische Stadtrundgang. Foto: Bernhild Vögel.

Der Salzfisch wird im Edinborgerhaus bis zur Ausfuhr gelagert und dann auf einer Lorenbahn über eine lange Pier zu den Schiffen transportiert. Im Jahre 1893 jedoch, als Sigrún uns durch Ísafjörður führt, war der Architekt des Edinborg noch Schüler. Und neun Jahre muss noch Sigrún warten, bis sie zum ersten Mal in ihrem Leben mit Geld einkaufen kann, denn bislang erhält sie Waren nur im direkten Tausch für ihre Arbeit – der Arbeitgeber, der mächtige Handelsherr, bestimmt über Lohn und Lebensmittelpreise. Seit kurzem erhält sie Gutscheine, mit denen sie auch in einem Laden einkaufen kann, der nicht ihrem Arbeitgeber gehört.

Alte und neue Häuser im Mittleren Handelszentrum Miðkaupstaður. Foto: Bernhild Vögel.

All dies und mehr erfährt der Leser auf den ersten Seiten des Büchleins und dann geht der Rundgang los, zuerst durchs Mittlere Handelszentrum Miðkaupstaður, das historische Stadtzentrum, das sich ausgehend vom Edinborgarhúsið zwischen Adalstræti, Silfurgata und Sundstraeti erstreckt.

Der gesamte Komplex, den heute die Grundschule, Spielplatz und Schwimmbad einnimmt bis hin zum Strand war früher ein großer Freiplatz für die Fischverarbeitung – hier warteten die Frauen auf die Ankunft der Schiffe, hier, im Oberen Handelszentrum Hæstikaupstaður wurde der Fisch zum Trocknen ausgelegt.

Rundgang durch Hæstikaupstaður. In der Bildmitte der ehemalige Laden Sölubúðin (1873), links Faktorshúsið (1788). Foto: Bernhild Vögel.

Man kann selbstverständlich mit dem Büchlein in der Hand den Rundgang auf eigene Faust unternehmen, und ich hätte dies auch empfohlen, wenn ich mich nicht im vergangenen Sommer spontan einer Gruppe angeschlossen hätte, die von der Fischarbeiterin Sigrún durch die Stadt geführt wurde.

Helga, die in die Rolle der Sigrún schlüpft, erzählt so mitreißend und ist so engagiert bei der Sache, dass selbst anfangs gelangweilt erscheinende Zuhörer hellwach werden.

Beispielsweise, wenn sie die Geschichte von Skúli Thoroddsen erzählt, der mit 26 Jahren Polizeichef von Ísafjörður wurde, damals ein glühender Sozialist und Gründer der kämpferischen Zeitung Þjóðviljinn (Volkswille). Im Zweifel für den Angeklagten, urteilte Skúli 1892 und ließ einen des Mordes verdächtigen Mann frei. Daraufhin wurde er seines Amtes enthoben. Der Fall Skúli (Skúlamál) spaltete Ísafjörður in zwei Lager. Vor dem Haus, in dem ehemals Skúli und seine Familie lebte, erzählt Helga in Gestalt der Augenzeugin Sigrún von den durchaus auch handgreiflichen Auseinandersetzungen.

Zeitreisende kosten von „Sigruns“ Trockenfisch. Foto: Bernhild Vögel.

Die Teilnehmer der Stadtführung erfahren nicht nur Wissenswertes über die Stadt, einzelne Häuser und Menschen, sondern auch über Fauna, Flora, Erdgeschichte und Sagenwelt.

Helga, die viele Jahre als Lehrerin gearbeitet hat, wagte vor einigen Jahren die Selbstständigkeit und baute ihr kleines Touristikunternehmen auf. Sie bietet Stadtführungen und themenorientierte Spaziergänge rund um Ísafjörður an sowie Workshop-Reisen für Frauen unter dem Motto Islandfrauen – Reisen für Frauen zum ICH und Isländisch-Kurse.

Abendstimmung am Skutulsfjörður. Foto: Bernhild Vögel.

Doch in den langen Wintermonaten hat Helga reichlich Zeit, Pläne zu schmieden und sich neue Angebote zu überlegen. Und sie trifft sich mit mir und erzählt, dass sie bereits am Jahresanfang Anfragen und Buchungen zu Wanderungen und Workshops im kommenden Sommer erhalten hat. „Das ist neu“, sagt sie.

Die Kreuzung Silfurgata/Tangagata im Winter. Foto: Bernhild Vögel.

Nicht die Liebe zur Natur oder Pferdeleidenschaft hat die Berliner Sozialarbeiterin Helga vor fast zwanzig Jahren nach Island geführt, sondern der Zufall und die Notwendigkeit, sich und ihre Kinder zu ernähren. Vielleicht wird sie den Kopf schütteln, wenn ich schreibe, sie gliche damit mehr den Frauen, die in der Nachkriegszeit auf die Insel, von der sie keine Vorstellung hatten, kamen, als denen, die heutzutage nach Island auswandern.

Kampalampi-Hommage in einem Vorgarten von Ísafjörður. Foto Bernhild Vögel.

Während wir Windbeutel vertilgen, gefüllt mit Schlagsahne und Shrimps, erinnert sich Helga, wie sie in den Westfjorden ihren ersten Job bekam – als Krabbenpulerin in einem Fischverarbeitungsbetrieb. Heutzutage wird die kampalampi oder rækja genannte Eismeergarnele in der Firma Kampi in Ísafjörður maschinell gepult.

Zurück zum handlichen Buch, in dem viel Arbeit und sorgfältige Recherche steckt. Gerade deshalb finde ich es schade, dass es zu viele Schönheitsfehler aufweist, um das Prädikat „lektoriert“ zu verdienen. Wer aber einen nachhaltigen Eindruck von Helgas Stadtrundgang mit nach Hause nehmen bzw. sich intensiver mit Historie und Gegenwart der Stadt Ísafjörður befassen will, dem sei Island - eine Reise durch die Zeit unbedingt ans Herz gelegt.

Bernhild Vögel

[email protected]www.birdstage.net