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Ymir oder: Aus der Hirnschale der Himmel

Kulturblick

Ymir oder: Aus der Hirnschale der Himmel

Ein kleiner Stand auf der Leipziger Buchmesse, ein Verlag, gegründet von vier Erlanger Studenten (3 x männlich, 1 x weiblich), der auch noch homunculus heißt und munter vergessene Autoren wie Carl Einstein, Krimis aus dem 18. Jahrhundert sowie junge Autoren verlegt. Ich frage nach dem Autor Philip Krömer. „Da haben Sie aber Glück“, lacht der junge Standbewacher, „der steht direkt vor Ihnen.“ Der 27-jährige Oberpfälzer, Autor und Verleger in einer Person, drückt mir ein quittengelbes Buch in die Hand, sein Romandebüt. Das Cover ziert eine anatomische Zeichnung: Kopfloser, aufgeschnittener Oberkörper, über dem der gesamte Titel thront: ymir oder: aus der hirnschale der himmel.

An den Stand gelockt haben mich die drei Sätze Inhaltsankündigung: „Drei Männer begeben sich am Vorabend des Zweiten Weltkriegs auf eine Expedition nach Island. Ihr Auftrag ist es, ein scheinbar bodenloses Loch zu untersuchen, dessen Geheimnisse den im Ausbruch begriffenen Krieg entscheiden könnten. Doch niemand hat sie auf das vorbereitet, was sie tief im Inneren der Erde erwartet …“

„Hört sich nach Jule Verne an“, bemerke ich. Ja, ein bisschen, meint der Autor, und ein bisschen H.G. Wells, Melville, Science-Fiction-Filme und manch andere Anspielung – Spielkram für den Schreiber und seine Leser. Dazu eine Rahmenhandlung aus dem realhistorischen Gruselkabinett. Aber immer schön der Reihe nach.

Denn erst einmal weist mich Autor-Verleger Philip auf die Wand des homunculus-Standes hin, an der die Bayerische Biergartenordnung, einer der verborgenen literarischen Schätze jenseits der Donau, in Originaltext, Kommentierung und abwaschbarem Biertischformat prangt (aus Platzgründen senkrecht statt waagrecht platziert). Darauf waren Philips Protagonisten natürlich nicht vorbereitet: Dass es auf der Insel der „Urgermanen“ zwar unterirdische Bierzelte, aber kein Bier (Bierverbot 1909-1989) gab.

Im August 1939 werden die drei in geheimer Mission nach Island eingeflogen: Der Erzähler namens Karl, Protokollant der Expedition, der sich selbst als „braven Bürger“ bezeichnet, der Ahnenforscher VonUndZu und der SS-Mann KleinHeinrich. [Oh, da muss ich aufseufzen, denn Kleinheinrich – mit kleinem h, immerhin – heißt der Verleger wohlgestalteter Lyrikbände (u.a. von Steinunn Sigurðardóttir, Gyrdir Eliasson und Sjón) und auch sein Verlag.]

Der zweigeschlechtliche Urriese Ymir (unten in Einzelteilen) ernährt sich von der Milch der Urkuh Auðhumbla (Ausstellung Ormurinn ógnarlangi von Kristín Ragna Gunnarsdóttir, Reykjavík 2011). Foto: Bernhild Vögel.

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Irgendein Erinnerungsrest unter meiner Hirnschale meldet, da sei doch tatsächlich mal eine Islandexpedition nach „GroßHeinrichs“ (Himmlers) Gusto vorbereitet worden. Und in der Tat: Das von Himmler 1935 ins Leben gerufene Gruselforschungskabinett Deutsches Ahnenerbe plante unter Federführung von Bruno Schweizer (1897-1958), eine geheime Islandexpedition.

Der Diessener Dialektforscher hatte bereits 1935 eine DFG-finanzierte Forschungsreise nach Island unternommen (die Isländer sind ihm dankbar für rund 1000 Fotos, die heute im Bezirksarchiv in Sauðárkrókur aufbewahrt werden). 1937 wurde er Abteilungsleiter im Ahnenerbe, heiratete 1938 die isländische Psychiatrieschwester Þorbjörg Jónsdóttir (1903-2002) und nahm sie mit an den Ammersee (auf der Strecke blieb das Hochzeitsgeschenk in Form zweier Islandpferde, aber das ist eine Groteske für sich). Kaum ein anderer Ahnenerbe-Mitarbeiter verfasste so viele Denkschriften, Pläne, Vorschläge, Stellungnahmen, Anträge, Dossiers, Übersetzungen (z.B. aus dem Isländischen) und Briefe“, bemerkt Dr. Gerd Simon (Uni Tübingen) in seinem Aufsatz über die für Sommer 1939 geplante Island-Expedition. Schweizer sei nie in die NSDAP eingetreten, aber:

„Texte und Taten weisen ihn als einen entschiedenen Nationalsozialisten aus. Er war eine überschäumend sprudelnde Ideenquelle in der Umgebung Himmlers. Nur eine Verkettung glücklicher Umstände verhinderte es, dass er größeren Schaden anrichtete.“

Ob überzeugter Heil-Schreier oder heilloser Opportunist, worin besteht der Unterschied? Schweizers Übereifer äußerte sich auch in Dossiers über 14 Isländer, die er unaufgefordert an SS-Hauptsturmführer Werner Gerlach, damals deutscher Botschafter in Reykjavík, schickte. Als die geheimen Expeditionspläne publik wurden und bissige Kommentare in der dänischen Presse auslösten, ließ Himmler das ganze Unternehmen wegen „grober Unvorsichtigkeitenstornieren.

Skrupellose SS-Leute, karrieregeile Wissenschaftler und dumpfbackige Rassisten, die kurz vor Kriegsbeginn ihre Träume, in Island die reine Welt der Germanen auszubuddeln, begraben müssen sie bieten jede Menge Romanstoff. Philip Krömer hat sich für eine besonders freche Variante entschieden, bei der die Expedition bis zum bitteren(?) Ende durchgeführt wird.

Isländer nehmen Religion und Mythologie nicht so bierernst. Der götterverschlingende Fenrirwolf in der Ausstellung Ormurinn ógnarlangi. Foto: Bernhild Vögel.
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Es geht direkt in den Abgrund. Zunächst in ein betoniertes Loch, das Erzähler Karl als Mundhöhle Ymirs definiert. Seine Kenntnisse der nordischen Mythologie werden von VonUndZu unerbittlich examiniert und so berichtet Karl stockend wie ein Oberprimaner vom Urriesen Ymir, seiner Zerstückelung durch die Götter und vom Weltende (Ragnarök).

„… ,Und dann ist es aus.‘

,Aus, Karl? Endgültig aus?

,Na, eigentlich trägt der Drache Nidhögg die Toten fort und es erhebt sich ein äähm grünes Land. Davon weiß man aber nicht viel. Außer dass es grün ist. Und furchtbar.‘

,Furchtbar?‘

,Fruchtbar!‘

,Also nicht Island.‘

,Äahm nein.‘ "

Speiseröhre, Magen, Darm – wir folgen gespannt dem Weg der Herren Expeditionisten durch den Ymirschen Riesenleib. Doch zuerst müssen sie sich ins Reich des Wilhelminischen-Schnurrbart-Trägers Schnurri vortasten.

Wo genau man sich befinde?

,Im Bunker. Über dem Loch.‘

Ich assoziiere: Bunker – Zuflucht. Bunker – Verteidigung. Bunker – Kampf.

,Jawoll. Wenn der Krieg vorbei ist.‘ Bunker – Krieg?

,Der ja vor der Tür steht (der Krieg). Bei all dem Säbelrasseln. Und wenn alles in Trümmern liegt und der unwahrscheinlichste Fall eintritt, dass Deutschland verliert – oder von der Welt nicht viel Bewohnbares bleibt – dann haben wir hier unseren Bunker.‘“

Betonhüter Schnurri erklärt, der Bunker böte Platz für 1.000 Bewohner. 500 für parteilich Verdiente, der Rest für Bedienstete und Wachen. Und was mit den Kulturgütern sei, will VonUndZu wissen. Nur das Nötigste käme mit, erhält er zur Antwort, darunter selbstverständlich alle Wagner-Partituren.

Mir laaaacht das Aaaa-ben-teuher“, intoniert KleinHeinrich, als sie sich vorbereiten, ins Loch unter dem Bunker, ins Nichts, in Ymirs Hohlwelt hinabzusteigen.

Es lacht (das Abenteuer), und wie es lacht, mit aufgerissenem, lippen- und zahnlosem Schlund. In diese UnSchwärze sollen wir steigen? Über Ymirs versteinerte Zunge und dann hinab?

Natürlich sollen wir. Werden wir. Als brave Bürger, was bliebe uns anderes übrig?

Genau:

Nichts.“

Und so verfolgte ich gespannt, (ACHTUNG! SPOILER!) wie sich der Erzähler – Glück auf! – schließlich selbst wieder ans Tageslicht fabuliert (SPOILER-ENDE), während der eine (KleinHeinrich) oder vielleicht der andere (VonUndZu) im Duett mit der Wagnerschen Isolde schmettern darf: „Eeewig wäähr uns die Nahahahahacht!“

In der Hoffnung, nicht ein ha vergessen zu haben, möchte ich Ihnen, liebe potentielle Ymir-Leser, zu denen hoffentlich auch etliche Isländer gehören, noch schnell zuprosten. Skál und Humpa!

Bernhild Vögel – [email protected]www.birdstage.net

Philip Krömer:
Ymir oder: Aus der Hirnschale der Himmel,
216 Seiten, 19,90 €