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Du hast den Fernseher kaltgemacht, Frau!

Kulturblick

Du hast den Fernseher kaltgemacht, Frau!

Haukur Invarsson: November 1976

Erinnern Sie sich, liebe Leser, an den Spätherbst des Jahres 1976? Das Wochenende 12. bis 14 November? Die erste große Brockdorf-Demonstration? Oder saßen Sie damals vor knapp 40 Jahren vor dem Fernseher und glotzten die 408te Folge von Bonanza? Oder waren Sie vor 40 Jahren noch im zarten Biene-Maja-Alter oder gar noch in der Black Box?

Ein Fernseher ziert das Cover des Romans November 1976 von Haukur Invarsson. Und auf dem Bildschirm flimmern die Umrisse von ganz Island. Die drei Teile des Romans umfassen jeweils einen Tag, vorangestellt ist ihnen das Fernsehprogramm unter der Rubrik Auf dem Schirm. Es beginnt am Freitagabend um 20 Uhr mit den Nachrichten, dann gibt es unter der Überschrift Schlaglicht einen Rundumschlag durch Politik, Kultur und Gesellschaft und nach der US-Dokumentation über Killerbienen beschließt der amerikanische Spielfilm Der Zwang zum Bösen das eher bescheidene Fernsehprogramm des Staatlichen Rundfunks RÚV am 12. November 1976 noch vor Mitternacht..

Zu Beginn des ersten Kapitel erfahren wir einiges über den Start des isländischen Fernsehens im Jahre 1966 und die wirtschaftlichen Probleme, die die wachsende Nachfrage nach Fernsehgeräten mit sich brachte. Dann führt uns Haukur vor einen Wohnblock in Reykjavíks Außenbezirken und zeigt uns Menschen, die hinter erleuchteten Fenstern allen möglichen Beschäftigungen nachgehen.

„Aber nun erlöschen in vielen Wohnungen gleichzeitig die Lichter, denn es wird acht Uhr, die Nachrichten beginnen, also gehen die Fernsehgeräte an und werfen eine fahle Mondscheinbläue auf den Schnee und jenen, der draußen steht und hineinguckt.

Eine Frau sitzt in der Hocke vor dem Fernseher, begutachtet sorgfältig die Tasten wie Pralinen in einer Schachtel, wählt schließlich eine, die sie ansprechend findet, drückt: Und siehe, der Bildschirm brennt und verbrennt doch nicht. Ein messinggelbes Licht erfüllt das Wohnzimmer, der Frau wird schwarz vor Augen.

Sie schließt sie, öffnet sie, flattert mit den Augenlidern, erlangt ihr Sehvermögen wieder. Aber das einzige Lebenszeichen, das der Bildschirm noch sendet, ist ein graublauer Kreis, der langsam schwindet, bis er verblichen ist.“

Und so gleiten wir Leser in die Geschichte hinein. Zu der Frau gesellen sich ein Mann („Du hast den Fernseher kaltgemacht, Frau...“) und ein Junge („Du hättest deiner Mutter ruhig beim Einschalten helfen können, Junge!“). Weil es nun nichts mehr zu glotzen gibt, schlägt die eingeschüchterte Frau vor, man könne ja vielleicht etwas anderes machen. Ja, aus dem Fenster zu schauen, sei ja immer ein großer Spaß, erwidert der Mann mit bitterem Lachen, bevor er losschreit.

Sohn Þóroddur aber entweicht vor dem Zwist der Eltern, die Ríkharður und Dóróthea heißen, wie wir im Weiteren erfahren, und bezieht Guck- und Horchposten im Treppenhaus.

Sehen und Hören vor dem Fernsehzeitalter: Fenster, Buch, Telefon, Radio. Foto: Bernhild Vögel.

In der Wohnung über der Familie wohnt Bíbí, eine lebenslustige Frau mittleren Alters, die gerade von ihrem jungen Liebhaber die Nase gestrichen voll hat:

„Sie begreift, dass Garðar dabei ist, sich vor ihren Augen in einen fetten Kater zu verwandeln, und dass er sich wahrscheinlich dachte, sie würde diesen Wandel freudig willkommen heißen, mit gekochtem Fisch und Milch und einem Lächeln im Gesicht auf ihn warten, begierig, ihn zu küssen und zu liebkosen, während er Kräfte sammelte für das Katerdasein, das er anderswo führte. Garðars Wechseljahre sind offenbar schon weiter vorangeschritten, als die körperlichen Merkmale verraten. Bíbí kann sich ein Lächeln nicht verkneifen.“

Dass die Gedanken und Phantasien der einzelnen Familienmitglieder intensiv, wenn auch höchst unterschiedlich um die lebenslustige Dame kreisen, ist verständlich. Doch Þóroddur interessiert auch, was sich jenseits des Treppenhausfensters um den gerade heimkehrenden Nachbarn Batti (Baldur) abspielt. Niemand weiß so recht, wovon Batti lebt, man munkelt von dunklen Geschäften und dass er so manches beschaffen könne, doch von der wahren Leidenschaft des kahlköpfigen Mannes mit den roten Skoda, dem kreativen Übersetzen, ahnen die Nachbarn nichts.

Als Ríkharður erfährt, was Frau und Sohn beim Fensterglotzen am ersten fernsehlosen Abend beobachtet haben, beschließt er, Batti unter Mitnahme des Jungen einen Besuch abzustatten.

Batti, für den Þóroddur erst einmal nichts weiter ist als „ein schwerfälliger Vierkäsehoch um die Zwanzig mit Milchbart, wird – als Ergebnis der Unterredung unter Männern – die Dienste des jungen Mannes in Anspruch nehmen und eventuell bei der Beschaffung eines neuen Fernsehers behilflich sein. Dóróthea ist es gar nicht recht, dass ihr Sohn so jäh aus seinem Schonraum (siehe das Kapitel „Wartezimmer) ins harte Arbeitsleben geschleudert wird. Denn nach ihrer Vorstellung soll er „sich in einem ihm angemessenen Tempo“ entwickeln und selbst entscheiden, wann er sich reif genug fühlt „ins Leben hinauszuziehen.

Batti und Ríkharður unterdes reiben sich über die gelungene Vereinbarung die Hände, aber jeder der beiden wird erleben müssen, dass er die Rechnung ohne Wirt gemacht hat.

Bemerkenswert übrigens: Während Battis Doppelleben als Schwarzhändler und Übersetzer sich in der alternativen Verwendung des Namens Baldur und dessen Koseform Batti ausdrückt und die Nachbarin Bryndís stets Bíbí genannt wird, tauchen die Familienmitglieder nur unter vollem Namen auf, verwenden weder untereinander Kurz- oder Kosenamen wie Rikki, Dóró, Doddi, noch tun dies die Nachbarn oder Tante Dísa. Der Junge freilich träumt sich beim Anblick eines Werbeplakates (Zigarette, Auto, Sand, Sonnenuntergang) in die Rolle eines Todd Richardsson hinein – aber da ist er schon mit Batti in die Tabuzone, ins US-amerikanische Hoheitsgebiet eingedrungen.

Die Gebäude der ehemaligen US-Airbase Keflavík werden heute zivil genutzt. Foto/Montage: Bernhild Vögel.

Der US-Luftwaffenstützpunkt bei Keflavík (1951 errichtet und 2006 aufgelöst), dessen Schlagbaum die beiden im dritten Teil passieren, war Pazifisten, linken Natogegnern und sittenstrengen wie konservierungsfreudigen Politikern gleichermaßen ein Dorn im Auge. Seit 1955 strahlten die Militärs dort ihr eigenes Fernsehprogramm aus, das zuerst nur in unmittelbarer Umgebung empfangbar war, schließlich aber im gesamten Südwesten des Landes. Das „Amifernsehen“ führte dazu, dass viele Isländer bereits Jahre, bevor RÚV 1966 die ersten Fernsehbilder ausstrahlte, einen Schwarz-Weiß-Fernseher besaßen.

Zehn Jahre später entbrannte eine erbitterte Debatte um die Einführung des Farbfernsehens. Um Ríkharður etwas auf die Folter zu spannen, hatte Batti ihm bei der Unterredung erst einmal berichtet, wie es zu den derzeitigen Importbeschränkungen für Farbfernseher gekommen war. Er bezog sich dabei auf ein Zeitungsinterview mit Halldór Laxdal, ungekrönter Radiokönig des Fernsehzeitalters, Inhaber der Kette Radíóbúðin, und zugleich bekennender Maoist und Castro-Anhänger.

„Keine Sendung mehr verpasst“ - Präsentation von Nordmende-Radios bei Radíóbúðin (Tíminn, 22.8.1976).

Ich durfte den Roman schon kurz vor seinem Erscheinen lesen, jedoch enthielt die Fassung keine Angaben zum Autor. Der Roman fesselte mich so, dass ich erst einmal gar nicht daran dachte, mich über den Autor zu informieren. Aber ich hatte keinen Zweifel daran, dass es ein älterer Schriftsteller sein müsse, der die Mitsiebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts mindestens als junger Erwachsener erlebt hatte. Amüsiert stellte ich bei der Lesung auf der Leipziger Messe fest, dass es Soffía, der Kulturreferentin der Isländischen Botschaft in Berlin, die die Vorstellung von November 1976 moderierte, ebenso ergangen war. Und so nahm sie mir auch gleich meine Frage aus dem Mund: „Warum, Haukur, lässt du deinen Roman in einer Zeit spielen, in der du noch gar nicht geboren warst?

Haukur ist ein Schriftsteller der „nachwachsenden“ Generation der Fünfunddreißig- bis Vierzigjährigen, zu denen u.a. Guðrún Eva Mínervudóttir, Eiríkur Örn Norðdahl und Óttar M. Norðfjörð gehören. November 1976 ist zwar Haukurs erster Roman, aber der 37-jährige Literaturwissenschaftler und Radiomoderator ist kein unbeschriebenes Blatt, was heißt, dass er schon einiges Geschriebene veröffentlicht hat – u.a. eine Abhandlung über Halldór Laxness letzte Romane, einen Gedichtband und Essays.

Haukur Ingvarsson und Soffía Gunnarsson im Gespräch auf der Leipziger Buchmesse 2016. Foto: Bernhild Vögel.

Soffías Frage traf Haukur nicht unvorbereitet, sicherlich wurde sie ihm in Island, wo der Roman 2011 erschienen ist, schon öfters gestellt. Sinngemäß antwortete er: „Man weiß vieles über die Zeit die man selbst erlebt hat und auch so einiges über weiter zurückliegende Zeiten – aber die Jahre, bevor man auf die Welt kam, die sind eine Art Blackbox, die sind seltsamerweise völlig ausgeblendet und darum interessierten sie mich besonders.

Das Ergebnis, das Haukur in der Black Box gefunden und ans Tageslicht gezogen hat, kann sich sehen lassen: Eine Geschichte, die den Mikrokosmos eines Reykjavíker Mehrfamilienhauses in einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs beschreibt, in der die Menschen in vielerlei Hinsicht ihre Sehgewohnheiten ändern – eine Geschichte, geistreich, humorvoll erzählt und voll Empathie mit denjenigen, die nach Fluchtwegen aus ihren Käfigen Ausschau halten.

Der Übersetzer Benedikt Grabinskis hat den Roman entdeckt und die rührige Verlegerin Margitt Lehbert von der Edition Rugerup dafür begeistert. Benedikt, der bereits die Andri-Tetralogie von Pétur Gunnarsson übersetzt hat, die voller Sprachwitz zwei Nachkriegsjahrzehnte durchstreift, ist meiner Ansicht nach genau der richtige Übersetzer für November 1976.

Verlegerin Margitt Lehbert und Haukur Ingvarsson auf der Leipziger Buchmesse 2016. Foto: Bernhild Vögel.

Ich schließe meine Vorstellung mit einem Zitat aus dem Kapitel, dass uns Batti als Übersetzer zeigt. Nur einen einzigen Leserbrief im Morgunblaðið hat er als Reaktion auf seine fantasievollen Krimi-Übertragungen erhalten, die er auch mit blumigen Titeln wie „Es wächst eine Blume“ versehen hat. Batti kämpft gegen seine Eitelkeit an, bis sich Verleger Jónas meldet.

„Aber nach einem Gespräch mit Jónas, in welchem dieser ihn herzlich zu seiner Ehrung beglückwünschte und berichtete, er habe den Leserbrief ausgeschnitten und in seinem Büro an die Wand gehängt, beschloss Batti, einen kleinen Rahmen für den Zeitungsausschnitt zu kaufen. Und nun stand dieser auf dem Schreibtisch links neben der Schreibmaschine und erinnerte ihn verlässlich daran, dass irgendwo da draußen zumindest ein Mensch war, der seine Arbeit zu schätzen wusste.“

Bernhild Vögel – [email protected]www.birdstage.net

Haukur Ingvarsson: November 1976, übersetzt von Benedikt Grabinski, Edition Rugerup 2016, 210 Seiten, 17,90 Euro.