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Die Bergfrau

Kulturblick

Die Bergfrau

Es ist Tradition, dass eine als Fjallkonan bekleidete Frau am isländischen Nationalfeiertag ein Gedicht vorträgt. Denn Fjallkonan, die Bergfrau, ist die allegorische Figur, die Island verkörpert. In obiger Form ziert sie eine englische Ausgabe von Jón Arnasons Volkssagen von 1866, gezeichnet von dem deutschen Illustrator J. B. Zwecker nach genauen isländischen Vorgaben: Fjallkonan sitzt am Strand vor nächtlicher Bergkulisse, umspült von Wellen, die ihr Runenrollen zutragen, drei Flammen lodern aus ihrer Eiskrone. Rabe und Schwert zur Rechten, Worte und Zeichen in der Linken.

Fjallkonan / Die Bergfrau heißt auch Ingibjörg Hjartardóttirs jüngster Roman, der nun in Übersetzung von Tina Flecken auf Deutsch vorliegt.

Ingibjörg Hjartardótttir und Tina Flecken auf der Leipziger Buchmesse 2016. Foto: Bernhild Vögel.

Die Icherzählerin Rikey kommt nach fast 50 Jahren zurück in ihr Heimattal im Norden Islands. Ihre Mutter wird zu Grabe getragen, doch die Gedanken der Tochter sind beim geliebten Vater, der von einer Lawine getötet wurde, als sie zehn Jahre alt war. Ríkharður hieß er und die fünf Töchter bekamen alle R-Namen: Rannveig, die älteste, gefolgt von den in kürzestem Abstand auf die Welt gekommenen Ragna und Rakel, dann Ríkey und vier Jahre später das Nesthäkchen Rán. Nun, bei der Beerdigung der Mutter, sind außer der Erzählerin nur noch die damaligen Konfirmationsmädchen Ragnar und Rakel anwesend. Und Halbbruder Tómas.

Der Vater war in derselben Kirche beerdigt worden:

„Rikey schaute an die Decke, betrachtete die Sterne, die unter der Kuppel befestigt waren, und meinte, sie unter dem Trommeln des Regens erzittern zu sehen. Sie blickte zu ihrer Mutter. Ihr Gesicht war nicht mehr verhärtet wie die gesamte vergangene Woche, es hatte sich entspannt, der Ausdruck von Trauer, Wut und Verzweiflung war verschwunden, aber durch nichts anderes ersetzt worden. Sie saß wie erstarrt da, den Blick auf ihre schwarze Lacktasche gerichtet. Ríkey musterte die Tasche. Ein Regentropfen fiel darauf und zerplatzte. Sie schaute wieder zur Decke und suchte nach der undichten Stelle, entdeckte aber nirgendwo einen Riss.“

Die Ereignisse in den 1960er Jahren werden aus Ríkeys Sicht, aber in der dritten Person erzählt – das markiert eine Distanz zwischen dem Gestern und Heute, denn Ríkey hatte nach ihrem etwas frühen Erwachsenwerden geschworen, sich aus dem Tal fernzuhalten.

Das fiktive Tal ist zweigeteilt – Niðurdalur unten, zum Framdalur führt eine steile Straße:

„Als wir oben auf dem Hügel angelangt sind, liegt der Stausee vor uns. Keine Höfe, keine Wiesen, nur die weißen Berge.Sie ragen spitz aus dem Wasser, das sich über die Landschaft breitet, die es nicht mehr gibt. Guðlaugur hält am Straßenrand, und wir steigen schweigend aus. Ich schaue auf das Tal und versuche mich zu erinnern, wie es hier früher ausgesehen hat.“

Blick von Dalvíks Friedhof Richtung Svarfaðardalur. Foto: Bernhild Vögel.

Selbstverständlich habe ich in der Geschichte auch Kindheitserlebnisse verarbeitet“, berichtet Ingibjörg bei der Vorstellung ihres Romans auf der Leipziger Buchmesse. Sie ist mit ihrer Zwillingsschwester im Svarfaðardalur aufgewachsen, einem Tal, das sich von Dalvík aus zehn Kilomenter weit in die Tröllaskagi-Halbinsel erstreckt. In dessen Seitental Skíðadalur hatte im November 1955 eine Lawine den Vater von fünf Kindern im Alter zwischen acht Monaten und 12 Jahren getötet, darunter die dreijährige Steinunn, die Ingibjörg kennen lernte, als sie in den 1960er Jahren die Internatsschule Húsabakki besuchte.

Sind es im Roman Ríkey und ihre vier Schwestern, deren Vater von einer Lawine verschüttet wurde, so kommen auch zwei fröhliche Zwillingsmädchen im Buch vor, deren lebenslange Leidenschaft der Vogelwelt gilt. Sie stopfen Vögel aus und fragen die etwa gleichaltrige Ríkey unbekümmert in einem Zuge, ob die Beerdigung ihres Vaters schön gewesen sei und ob sie ihre Eiersammlung sehen wolle. Die berührende Geschichte von den Schwänen, deren vom Hochwasser bedrohtes Nest Rettungsaktionen und Anteilnahme im ganzen Tal auslöst, gehört sicherlich zu den Episoden, die aus den Kindheitserinnerungen von Ingibjörg schöpfen.

In Sigurgeirs Vogelmuseum am Mývatn. Foto: Bernhild Vögel.

Die Zwillinge sind für Ríkey wichtig, denn nach dem Tod des Vaters ist erst einmal niemand da, der ihr beisteht – die Mutter fällt komplett aus:

„Ríkey hatte das Gefühl, der Herd starre sie an, kalt und traurig, als warte er darauf, dass jemand ihn wärmte. Sie fand, dass Mama dem Herd immer ähnlicher wurde.

Ríkey nahm den Feuerhaken und schürte die Glut von gestern. Der Herd wurde warm und zugleich fröhlicher und schien richtig glücklich zu sein, als Ríkey den großen Wasserkessel daraufstellte. Vielleicht wäre es möglich, Mama auch anzuschüren. Der Herd war schon rostig, und die rostbraune Farbe breitete sich auf der schwarz glänzenden Fläche aus. Wie lange es wohl dauerte, bis Mama anfing zu rosten?“

Die Zwillinge leben im Niðurdalur im geräumigen Haus des Bezirksverwalters, das selbstverständlich mit elektrischem Licht ausgestattet ist. In Rikeys Elternhaus wie im gesamten Framdalur aber gibt es noch keinen Strom, abends wird die Öllampe entzündet. Ríkeys Vater war maßgeblich am Widerstand gegen die Pläne beteiligt, den Fluss im Framdalur aufzustauen und dort ein Wasserkraftwerk zu errichten, um den erhöhten Stromverbrauch in der Region zu befriedigen.

In den 1950er Jahren waren die ersten größeren Wasserkraftwerke in Island mit Marshallplanmitteln errichtet worden, so das Kraftwerk am Fluss Laxá im Aðaldalur auf der anderen Seite des Eyjafjords. Die Pläne für weitere Staustufen in den 1960er Jahren stießen zunehmend auf Widerstand der Bauern und Fischer der Mývatnregion und kulminierten 1970 in Laxárdeilan, im spektakulären Kampf gegen die dritte Staustufe in unmittelbarer Nähe des Mývatn, bei dem die Staumauer mit Dynamit gesprengt wurde, ein „Terrorakt“, der dem See und seiner einzigartigen Flora und Fauna das Leben rettete. Im Film Hvellur (Knall) berichten Zeitzeugen und damalige Akteure darüber (hier der Link zum Trailer).

Am Fluß Laxá im Aðaldalur. Foto Bernhild Vögel.

Ingibjörg spielt auf solche historischen Ereignisse an, aber so, wie sie davon erzählt, haben sie nicht stattgefunden. In der Geschichte bricht der Widerstand der Bewohner zusammen und sie müssen das Tal verlassen. Die zurückgekehrte Ríkey, deren Elternhaus irgendwo in den Wassermassen des Stausees versunken ist, möchte wissen wie der pyramidenförmige Berg heißt, dessen mächtige Wand sich aus dem See erhebt.

„,Sag bloß, das weißt du nicht mehr!‘ Guðlaugur schaut mich verwundert an. ,Das ist Fjallkonan, die Bergfrau, der Berg, an dem dein Vater umkam.‘“

Ingibjörg komprimiert Elemente der Geschichte Islands in den letzten fünfzig Jahren zur Geschichte von Dorfbewohnern, deren Schicksal von der Bergfrau beeinflusst wurde. Und so kommt vieles vor, vom Kampf gegen einen Staudamm bis hin zu einem Schiffsunglück im Fjord. An manchen Stellen wirkt das etwas konstruiert, ein kleines Manko, das aber durch lebhaft erzählte und oft sehr anrührende Episoden wettgemacht wird.

Das Personenregister zu Beginn lässt schon erahnen, dass es im Roman zahllose menschliche Verwicklungen gibt, Beziehungen zerbrechen, Ehepartner werden betrogen, gleichgeschlechtliche Liebe sucht gesellschaftliche Akzeptanz, Kinder werden geliebt, vernachlässigt oder gar weggegeben.

Werfen wir zum Schluss einen Blick auf die Homepage des Svarfaðardalur, wo Ende letzten Jahres ein Bericht erschien unter dem Titel „Mama und Bergfrau in Mutter&Sohn-Präsentation. Auf dem ersten Foto sehen wir Ingibjörg, die im Tal Imba frá Tjörn genannt wird, beim Signieren ihrer neu erschienenen Fjallkonan, auf dem zweiten ist sie mit Freundin Steinunn abgebildet, und auf dem letzten Bild sehen wir sie zusammen mit ihrem Sohn Hugleikur Dagsson, dem bekannten Cartoonisten, der sein neues Buch Mamma vorstellt. Auch im vierten Band seiner Graphic Novel-Reihe Endir hat er sich ganz auf das Schreiben konzentriert und das Zeichnen Pétur Antonsson (Bildmitte) überlassen. Mamma ist die Geschichte einer alleinstehenden Mutter, deren Kind größer wird und immer größer …

Seinen sarkastischen Humor, den manche für zynisch halten, habe er wohl von seiner Mutter, sagte Hugleikur einmal in einem Interview. Ingibjörg, die viele Jahre im Ausland und in Reykjavík verbracht hat, lebt wieder in ihrem Heimattal. Die Bergfrau ist nach Die andere Tochter ihr vierter Roman.

Bernhild Vögel – [email protected]www.birdstage.net

Ingibjörg Hjartardottir: Die Bergfrau – Fjallkonan, Übersetzung aus dem Isländischen von Tina Flecken, Salon LiteraturVerlag 2016, 250 Seiten, 16,90 €.