Reykjavík
0°C
N

Am Meer und anderswo

Kulturblick

Am Meer und anderswo

Im so genannten Land der Dichter und Denker haben Gedichte keine Hochkonjunktur, führen – im Gegensatz zum Land der Edda und Sagas – meist ein Schattendasein. Allenfalls in besonderen Lebenslagen, wenn es um Sterben, Geburt, Liebe geht, erhofft man sich in Deutschland Trost oder Ausdruck im Gedicht, doch auch dann wird in der Regel nicht mehr selbst gedichtet, sondern man blättert in einem Gedichtband oder begibt sich auf Suche nach etwas „Passendem“ ins Internet.

In Island dagegen gehört das Dichten und das Gedicht seit jeher zum täglichen Leben und Überleben. „Meine Mutter war arm und konnte mir nichts geben außer Poesie“, erinnert sich Thorsteinn frá Hamri, und Halldór Laxness hat einst diese Erfahrung auf den Punkt gebracht: „Wer nicht in der Poesie lebt, überlebt hier auf Erden nicht“. Angesichts des menschlichen Elends inmitten von Kriegen und Fluchten mag manchem dieser Ausspruch als arrogant erscheinen; jedoch hat Laxness wohl kaum damit ausdrücken wollen, Verse könnten Brot oder Behausung ersetzen.

Beim ersten Kennenlernen ist ein Gedichtband eine Stadt gesehen vom Meer

Du segelst die Küste entlang Straßen öffnen sich und Sunde

und wahrscheinlich ist es schon Zeit

einen Hafen aufzusuchen

Treten wir mit diesen Versen von Baldur Óskarsson ein in den Gedichtband Am Meer und anderswo, erschienen in der Silver Horse Edition und herausgegeben von Wolfgang Schiffer.

Herausgegeben ist etwas untertrieben, denn Wolfgang versammelt hier eine Auswahl seiner Übersetzungen isländischer Lyrik und Kurzprosa, die er in Zusammenarbeit mit isländischen Freunden im Laufe von mehreren Jahrzehnten erarbeitet hat und die in verschiedenen Publikationen, vor allem der Zeitschrift Die Horen, veröffentlicht wurden.

Marketa und Wolfgang Schiffer auf der Leipziger Buchmesse 2016. Foto: Bernhild Vögel.

Am Meer und anderswo ist bereits letztes Jahr erschienen, ich habe mir die Vorstellung des Bandes aber aufgehoben, denn nun kann ich sie mit einer Gratulation kombinieren: Wolfgang Schiffer feiert am 5. Mai 2016 seinen 70. Geburtstag.

Der Pionier des isländisch-deutschen Literaturaustauschs war in den Augen von Halldór Laxness noch ein Grünschnabel, als er 1982 erstmals nach Island kam, um den Literaturnobelpreisträger zu interviewen. Dass dies gründlich misslang, hat Wolfgang mir vor drei Jahren in einem gelungenen Interview für den IR-Kulturblick berichtet. Jedoch nahm der WDR-Hörspieldramaturg vor 34 Jahren die Erkenntnis mit, dass Laxness zwar der berühmteste, aber längst nicht der einzige Schriftsteller auf der abgelegenen Nordatlantikinsel war. Und kurz nach seiner Rückkehr markierte ein lakonischer Anruf, der die Ankunft eines Isländers namens Franz in Köln ankündigte, den Beginn eines ambitionierten Unternehmens: Wolfgang und der neu gewonnene Freund Franz Gíslason machten sich zusammen mit dem Literaturwissenschaftler Sigurður A. Magnússon ans Werk, isländische Nachkriegsliteratur – Lyrik, Prosa und Dramatik – in Deutschland bekannt zu machen.

Franz Gíslason, ca. 1986. Aus: Die Horen 143, Foto: Anita Schiffer-Fuchs.

Der daraus 1986 entstandene Horen-Sonderband 143 Island: Wenn das Eisherz schlägt ist immer noch eine der fundiertesten Anthologien isländischer Literatur des 20. Jahrhunderts und erlebte drei Auflagen. Vor über 30 Jahren standen die Herausgeber noch vor einem Problem, das heute zum Glück nicht mehr existiert: „Es gibt im deutschsprachigen Raum nur wenige versierte literarische Übersetzer aus dem Isländischen“, schrieb Wolfgang im Eisherz-Vorwort. Unter den mühsam zusammengesammelten deutschen Mitarbeitern waren Freizeitübersetzer, aber auch einige Profis wie der immer noch unermüdliche Laxness-Übersetzer Hubert Seelow. Wolfgang wagte sich damals noch nicht ans Übersetzen, jedoch zeichnete sich dies schon in folgender Vorbemerkung ab: „Alle Übersetzungen wurden am Ende von Franz Gíslason und mir diskutiert und gegebenenfalls abschließend redigiert.“

Island, seine Sprache, seine Literatur, seine Natur, seine Menschen ließen Wolfgang fortan nicht mehr los. Neben seiner Arbeit als Hörspielredakteur beim WDR und eigener literarischer Produktion begann er nun selbst, aber immer in Zusammenarbeit mit Freund Franz, isländische Lyrik zu übersetzen. Und dies stets gemäß seinem schon im Eisherz gesetzten Motto So originalgetreu wie möglich und so frei wie nötig. Als erstes nahmen die beiden Freunde eine Auswahl aus dem Werk von Stefán Hörður Grímsson in Angriff. Der 1992 bei Kleinheinrich erschienene zweisprachige Band Geahnter Flügelschlag ist 2013 in erweiterter Form wieder aufgelegt worden (siehe Kulturblick-Besprechung).

1991 verlieh die damalige Staatspräsidentin Vigdís Finnbogadóttir Wolfgang für seine Verdienste um die Vermittlung isländischer Literatur anlässlich eines der damals üblichen Künstler- und Schriftstellertreffen auf ihrem Amtssitz Bessastaðir das Ritterkreuz des Isländischen Falkenordens. Die Zusammenarbeit mit Franz Gíslason fand vor zehn Jahren ein trauriges Ende, denn kurz bevor der isländische Freund zu Wolfgangs 60. Geburtstag anreisen wollte, verstarb er. Seither sind die Theaterwissenschaftlerin und Regisseurin Sigrún Valbergsdóttir und der in Düsseldorf lebende Künstler Jón Thor Gíslason Wolfgangs Translationsgefährten – selbstverständlich auch bei etlichen Texten des Sammelbandes Am Meer und anderswo.

Wolfgang Schiffer, ca. 1986. Aus: Die Horen 143, Foto: Anita Schiffer-Fuchs.

Hier stoße ich auf eine Reihe von Autoren, die mir durch Wolfgangs Tätigkeit bekannt geworden sind, allen voran die sogenannten Atomdichter, zu denen auch Stefán Hörður zählte, und ich finde Texte von Sjón und Óskar Árni Óskarsson, deren Prosa ich sehr schätze.

Die 22 Autoren und Autorinnen des Bandes sind zwischen 1906 und 1981 geboren, neun von ihnen – darunter alle acht Männer aus den Geburtsjahrgängen vor 1940 – sind nicht mehr am Leben. Vilborg Dagbjartsdóttir (Jg. 1930), die einzige Frau in dieser Männerriege der Wegbereiter der literarischen Moderne und streitbare Feministin, verfasste mehrere Lyrikbände und Kinderbücher, übersetzte Kinderliteratur und übte verschiedene Funktionen im isländischen Kulturbetrieb aus. Ihr folgten zahlreiche Autorinnen nach, im vorliegenden Band sind das insbesondere Ingibjörg Haraldsdóttir und Linda Vilhjálmsdóttir. Zu nennen wären in diesem Zusammenhang auch Steinnun Sigurðardóttir und Gerður Kristný, deren lyrisches Werk aber, wie Wolfgang in seinem Vorwort schrieb, „in der Regel in Händen anderer, ‚fester‘ Übersetzer ist“.

Ich möchte hier kurz Hallgerður Gísladóttir vorstellen, die 2007 mit 54 Jahren nach langem Kampf gegen eine Krebserkrankung verstorben ist. Sie hatte Geschichte und Anthropologie in Winnipeg und Reykjavík studiert und arbeitete am Isländischen Nationalmuseum. Hallgerður veröffentlichte Bücher über Esskultur und untersuchte zusammen mit ihrem Mann, dem Geologen Árni Hjartarson, von Menschen hergestellte Höhlen. Drei Jahre vor ihrem Tod kam ihr erster und einziger Gedichtband Í Ljós heraus. Am Meer und anderswo enthält einige ihrer von Wolfgang Schiffer und Franz Gíslason übersetzten Gedichte, darunter:

Aufwachen

Beim Aufwachen flüchten sich

die Nachtmahre

mit dunklen Schleiern

eilends vor dem Tag

in unbekannte Flüchtlingslager

und lösen sich auf

wenn ihre Gesichter enthüllt werden

Fotos von Wolfgang Schiffer aus „Am Meer und anderswo“.

Ich kann einen Band, der weit über einhundert Texte verschiedener Autoren enthält, nicht „besprechen“, ich kann nur ein Gedicht, ein Kurzprosastück nach dem anderen entdecken und die Empfehlung aussprechen: Es lohnt sich, liebe Leser, eine solche Entdeckungsreise zu unternehmen! Zum Beispiel mit der jüngsten Autorin Kristín Eiríksdóttir, die in Kalvin und ich Sätze schreibt wie: „Mein Schädel ist innen tapeziert, eine Million verschiedene Muster, die mich manchmal geisteskrank machen.“ Oder mit Sjón zurückzublicken auf „Tage wie schnelle Eidechsen“.

Wolfgang Schiffer feiert zwar am Himmelfahrtstag seinen 70. Geburtstag, dies aber ist für ihn kein Grund, sich zur Ruhe zu setzen. So war er, wie er auf seinem literarischen Blog Wortspiele berichtet, vor kurzem wieder in Island, um die deutschsprachige Fassung des Gedichtzyklus Þorpið / Das Dorf von Jón úr Vör, die er zusammen mit Sigrún Valbergsdóttir erarbeitet hat, für eine Hörfassung aufzusprechen. Denn Jón úr Vörs 100ster Geburtstag soll im Heimatdorf des Dichters, in Patreksfjörður, nächstes Jahr ganz groß gefeiert werden. Wolfgang wird dabei sein und ich hoffe, dass auch ich die Gelegenheit habe, dazuzustoßen. Berichten werde ich in diesem Rahmen freilich nicht mehr darüber, denn jede Tätigkeit hat ihre Zeit. Mit diesem Beitrag beende ich mein langjähriges ehrenamtliches Engagement für den Kulturblick der deutschen Iceland Review Online.

Ich sende Wolfgang herzliche Geburtstagsgrüße und bedanke mich bei ihm und den anderen Vermittlern isländischer Literatur und natürlich all den isländischen Autorinnen und Autoren, von denen ich einige persönlich kennen lernen durfte, für spannende, heitere, gedankenreiche und inspirierende Lektürestunden. Ich hoffe, liebe Leserinnen und Leser, dass ich einige Gedanken und Anregungen an Sie weitergeben konnte und sage takk fyrir athyglina. Bless, bless!

---

PS: Wir sind eingetreten in Am Meer und anderswo mit den Anfangszeilen aus einem Gedicht von Baldur Óskarsson; treten wir aus mit dem Schluss des Gedichtes Buchformat von Kristján Kristjánsson:

Die Wörter sind die Straßen

die Kais, die Küste,

die Schiffe, die Städte; alles

was ich kenne.

Und die Gedichte –

die Gedichte sind das Sternensystem

---

Bernhild Vögel – [email protected] www.birdstage.net

---

Wolfgang Schiffer (Hrsg.): Am Meer und anderswo. Isländische Autoren in deutscher Übersetzung. Lyrik und Kurzprosa. Silver Horse Edition 2015, 156 Seiten, 16,80 Euro.