Reykjavík
11°C
SE

Mit den Augen von Einheimischen

Kulturblick

Mit den Augen von Einheimischen

Heiðar Hrafn Halldórsson (l.) und Francesco Perini zeigen Besuchern ihre Stadt. Photo: Gabriele Schneider.

Ich kenne Húsavík wie meine Westentasche, meine ich. Dennoch freue ich mich auf die neue Stadtführung und bin mir sicher, dabei noch etwas dazuzulernen. ​Unser Stadtführer Francesco Perini meint skeptisch: „Du wirst das bestimmt alles schon wissen.“ Dem ist freilich nicht so, denn Francesco Perini und Heiðar Hrafn Halldórsson, die im Wechsel durch die Stadt führen, haben den Spaziergang professionell, mit viel Liebe und Insiderwissen ausgearbeitet. Eine Stunde lang führen sie Urlauber durch das Zentrum Húsavíks, zeigen, erzählen, erklären und überraschen mit Bildern, die offenbaren, wie der Ort früher einmal aussah. Damals, als noch kaum Häuser standen, nicht einmal die Kirche, der heute belebte Hafen nicht mehr als „kaum vorhanden“ war etwa. Die Führer begleiten die Teilnehmer durch die Straßen, zu Sehenswürdigkeiten oder an Stellen, von denen aus man einen wundervollen Blick über Húsavík hat. Sie plaudern über die Ortsgeschichte, Kultur, Tourismus, über Sport oder sehenswerte Museen. Davon gibt es gleich drei in der kleinen Stadt: Das „Safnahús“ über die Ortsgeschichte, die lokale Tier- und Pflanzenwelt und regionale Kunst, das Walmuseum und das Exploration Museum, in dem sich alles um Raumfahrt und die Erforschung der Pole dreht.

Das Altarbild der Kirche Húsavíkurkirkja. Die Führungen beginnen vor der Kirche Húsavíkurkirkja mitten in der Stadt, neben dem Buchladen und oberhalb des Hafens. „Sie ist das Wahrzeichen von Húsavík und der Stolz der Einwohner“, erklärt Francesco. Dass das Altarbild des Gotteshauses von einem regionalen Künstler stammt, die Geschichte der Auferweckung des Lazarus zeigt und der Maler sie in nordisländische Landschaften versetzte, weiß ich bereits. Aber dass er Menschen aus Húsavík in den auf dem Bild Dargestellten malte, ist mir neu. Dass nicht alle von ihnen begeistert über diese Art von Verewigung waren, verstehe sich von selbst, bemerkt Francesco schmunzelnd. Der Park Skrúðgarðurinn ist ebenfalls ein zentraler Punkt der Führung. „Viele wissen gar nicht, dass es ihn gibt“, bedauert unser Stadtführer. 500 Bäume und noch viel, viel mehr Blumen sind dort seit Jahrzehnten zu finden, dazu idyllische Fleckchen und zahllose Enten. Durch den Skrúðgarður schlängelt sich auch das Flüsschen Buðará. Am unteren Ende des Parks verschwindet es plötzlich in der Erde. Und kommt nie mehr ans Tageslicht. Zumindest nicht sichtbar, mündet es doch unterirdisch geradewegs im Hafen ins Meer. Francesco zeigt ein Foto aus der Zeit, als die Buðará noch oberirdisch durch den Ort weiterfloss, wo heute Häuser stehen. Er erzählt, konkret geplant und beschlossen sei es, die Buðará wieder ans Tageslicht zurückzuholen, wofür einige Häuser verschwinden müssten und durch neue, das Ortsbild aufwertende ersetzt würden. Allerdings befänden sich nicht genügend Mittel im Stadtsäckel, so dass das Datum der Renaturierung derzeit noch ungewiss sei.

Blick aus den Kirchenfenstern auf den Hafen von Húsavík. Stark verbreitet hat sich in den letzten Jahren der Bestand an Engelwurz (Angelica archangelica) in ganz Island und auch im Húsavíker Park. Francesco erzählt die kurzweilige Geschichte eines verurteilten Mörders in früheren Zeiten, dem es mithilfe einer List gelang, vor seiner Hinrichtung auszubüxen und überlebte, weil neben seinem Versteck Engelwurz wuchs. Zahlreiche weitere Geschichten und „Fun Facts“ haben Francesco und Heiðar neben Informationen und harten Fakten über ihre Stadt auf Lager. Francesco Perini aus Italien lebt seit einigen Jahren in Island und ist Manager des im letzten Jahr eröffneten Húsavík Hostel sowie Kurator des Exploration Museums. Heiðar Hrafn Halldórsson ist Marketingmanager und Kapitän beim Walbeobachtungs-Unternehmen „Húsavík Adventures“. Außer während seiner Studienzeit in Reykjavík lebte er immer in Húsavík. Bis vor Kurzem arbeiteten die beiden jungen Männer für die Tourist Information in Húsavík und entwickelten dort als Angebot der Einrichtung gemeinsam das Konzept der Stadtspaziergänge „Húsavík Walking Tours“. Doch dann wurde die Tourist Information geschlossen. Heiðar und Francesco wollten die Idee nicht sterben lassen und führen Besucher nun als Privatpersonen durch die Stadt. „Denn Húsavík hat so vieles zu bieten“, wissen sie. Weit mehr als Walbeobachtungs-Fahrten mit einem der vier ortsansässigen Uunternehmen. In den zurückliegenden Jahrzehnten erarbeitete sich Húsavík den Ruf der „Walbeobachtungs-Hauptstadt Islands“, oft sogar Europas. Darum kämen zwar viele Urlauber dorthin, doch oft nur für eine Nacht oder zwei und häufig nur, um in Booten Wale in der Bucht Skjálfandi zu beobachten. „Wir wollen, dass Leute auch wegen anderer Sehenswürdigkeiten kommen. Doch von denen wissen viele gar nichts. Das möchten wir ändern“, betont Heiðar. Die spannenden und unterhaltsamen einstündigen Führungen in englischer Sprache finden dienstags, freitags und sonntags ab 11:30 Uhr statt. Startpunkt ist vor der Kirche. Die Führungen sind kostenlos, denn Heiðar und Francesco sind angetrieben von Idealismus, der Liebe zu ihrer Stadt und dem Wunsch, diese bei mehr Menschen bekannt und beliebt zu machen. Über ein kleines Trinkgeld freuen sich die beiden indes. Wer eine Privat- oder Sonderführung wünscht – auch, weil er vielleicht nicht gar zu gut zu Fuß ist – kann eine solche unter Telefon 666 9662 oder 866 7100 buchen. ​Informationen finden Interessierte auch auf Facebook.