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Weihnachtsgeschichte

Kulturblick

Weihnachtsgeschichte

Rentiere.
Frei lebende Rentiere. Photo: Gabriele Schneider.

​Die folgende Weihnachtsgeschichte schrieb unser Leser Günter Schneider.

2015 fuhr er erstmals zum Kárahnjúkar-Staudamm im Osten Islands. „Es war schrecklich, vom wunderschönen Hochland direkt auf ein Areal zu fahren, das anmutet wie eine Weltraumsiedlung“, erinnert er sich. In diesem Sommer fuhr er erneut hin, um sich zu traurig zu vergewissern, dass er nicht geträumt hatte, dass die unberührte Natur, aus der durch den Bau des Staudamms unter anderem auch viele Rentiere vertrieben wurden, wirklich zerstört ist. Der Autor wirft die Frage auf, was wohl wäre, wenn alle Rentiere der Welt gemeinsam für einen angemessenen Lebensraum streiken würden, anstatt die Schlitten der Weihnachtsmänner zu ziehen.

Streik der Rentiere ​Nach neuestem Stand im Streik der Rentiere mit den Menschen ist noch keine Einigung in Sicht. Die Weihnachtsmänner haben bereits ihre Schlitten voll bepackt und warten auf allen Tundren der nördlichen Welt auf ihre Zugtiere, die Rentiere und Karibus. Es muss etwas Schlimmes passiert sein, wenn ausnahmslos alle, ja alle Rentiere ihre Dienste ablehnen, in Kanada, Russland, Norwegen, Schweden, Grönland, Island. Doch was ist geschehen? Im Sommer können die Rentiere weite Strecken umherziehen und finden reichlich Nahrung: Gras und Kräuter. Doch im Winter sind sie auf ganz bestimmte Gebiete angewiesen, wo sie noch Moos, Rentierflechte und Pilze finden. Solch geeignete Lebensräume sind selten. ​Eines der größten Naturschutzgebiete im Osten Islands wählten Rentiere als ihr sicheres Winterquartier. Nahrung war genügend vorhanden, Flusstäler, Senken und Felsnischen boten Schutz vor Kälte und Wind. ​Auch im Jahre 2003 zog es die Rentierherden nach den langen sommerlichen Wanderungen wieder dorthin. Alles hatte sich verändert. Überall neben einem neu geschaffenen Fahrweg lagen Baumaterialien herum, ein Lastwagen mit Zementsäcken rauschte an ihnen vorbei. Kaum war dieser verschwunden, transportierte ein knatternder Hubschrauber an riesigen Seilen hängende Stahlgestänge hoch über ihren Köpfen.

Staudamm.Kárahnjúkar-Staudamm. Foto: Gabriele Schneider. ​Unruhe und Angst breitete sich in der Herde aus. Doch sie wagten sich noch einige Kilometer vorwärts, bis sich ihnen ein Bild der Verwüstung und Zerstörung bot. Bagger schaufelten Erde und Steine umher, hoch in der Luft schwenkten Kräne Baustoffe herum, Arbeiter bauten an einer Staumauer, dem Kárahnjúkar-Staudamm. Hilflos mussten die Tiere zusehen, wie der Mensch rücksichtslos das Land für seine Zwecke ausnutzte, obwohl dieses Gebiet als größtes, unberührtes Naturschutzgebiet ausgewiesen war.

Staudamm.Kárahnjúkar-Staudamm. Foto: Gabriele Schneider. Die Rentiere wissen heute, dass das Stauwerk nicht rückgängig gemacht werden kann, dafür streiken sie auch nicht. Sie wissen auch, dass hauptsächlich die Kinder bestraft werden, wenn die Weihnachtsmänner auf der ganzen Welt ihre Geschenke nicht ausliefern können. Sie wollen mit diesem Streik bekunden und aufmerksam machen, dass auch sie ein Recht haben, auf dieser Insel zu leben, denn gegen Ende des 17. Jahrhunderts haben die Norweger auf sieben Schiffen ihre Vorfahren zur Linderung der Hungersnot nach Island gebracht, Ein größerer Teil musste sterben, damit Menschen überleben konnten. Ein kleinerer Teil der Rentiere überlebte, vermehrte sich und konnte im Laufe der Zeit immer mehr Herden bilden, die besonders im Osten und Nordosten ihre Reviere fanden. Die wild und frei lebenden Rentiere wissen auch, dass sie viele Freunde unter den Menschen haben. Also wagen sie sich an diesem Tag in ihre Nähe, schlagen im Takt ihre Geweihe aneinander und machen so aufmerksam auf ihre Not und auf den Grund ihres Streiks. Allmählich versammeln sich viele Rentierfreunde. Dazwischen auffallend viele Kinder, nicht fröhlich und ausgelassen wie fast immer, nein, sehr, sehr traurig und ernst.

Rentier.Rentier im Haustierzoo in Reykjavík. Foto: Gabriele Schneider. Die Erwachsenen haben bald die Forderungen der Rentiere begriffen: Diese wollen in Zukunft sichere Wintergebiete haben, wo sie genügend Futter und Schutz finden. Um was die Kinder bitten, ist klar: „Zieht bitte wieder die Schlitten der Weihnachtsmänner! Millionen Kinder auf der ganzen Welt werden es euch danken.“ Unter den Erwachsenen machen sich einige Abgeordnete des Parlaments Alþingi bemerkbar. Sie rufen laut: „Wir Rentierfreunde haben für morgen eine wichtige Sitzung im Parlament einberufen. Eine Mehrheit, das wissen wir, stimmt unserem Antrag zu: Ihr Rentiere, unsere Freunde, bekommt eure sicheren Winterquartiere. Wo ihr euch in Zukunft in den Wintermonaten versammelt, dort sollen eure Schutzgebiete sein.“ Die Menschen jubeln, klatschen, die Rentiere springen, stampfen, hüpfen. ​Doch plötzlich stieben die Tiere in alle Richtungen auseinander. Es müssen schließlich alle Rentiere und Karibus in den nordischen Tundren benachrichtigt werden! Und es dauert nicht lange, bis alle Weihnachtschlitten mit Zugtieren bespannt sind. Nun aber schnell zu den wartenden Kindern! Aber was wäre gewesen, wenn sich Menschen und Rentiere nicht hätten einigen können?