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Ordnung ist das halbe Leben - und endet, wenn’s klappt, als Museum

Kulturblick

Ordnung ist das halbe Leben - und endet, wenn’s klappt, als Museum

Ein Zitat von Sverrir Hermannsson. Photo: Gabriele Schneider.

Das Smámunasafn Sverris Hermannssonar in Sólgarδur im Eyjafjord gehört zu den ungewöhnlichsten Museen, die ich kenne. Und auf jeden Fall zu den liebenswertesten.

Sámunasafn. Photo: Günter Schneider

Werkzeuge, Nägel, Schlösser und Schlüssel, Kugelschreiber und Bleistifte, Fläschchen, Dosen und viele, viele weitere ziemlich alltägliche Gegenstände haben dort eine Heimat gefunden. Wohl sortiert und ordentlich präsentiert.

Eine Werkzeugwand. Photo: Gabriele Schneider

Smámunasafn Sverris Hermannssonar, das heißt, korrekt ins Deutsche übersetzt, „Sverrir Hermanssons Museum der kleinen Dinge“, doch die offizielle Bezeichnung aus dem Haus lautet „Das Sammelsurium von Sverrir Hermannsson“. Obwohl der Begriff Sammelsurium für mich suggeriert, dass etwas zusammengewürfelt und im schlimmsten Falle in totaler Unordnung ist, was ich persönlich schade finde. Denn so ist die Sammlung ja keineswegs: Alle Gegenstände sind wohl sortiert und ordentlich ausgestellt auf Brettern, an Wänden, in Glaskästen. Hunderte, vielleicht sogar tausende Nägel in Reih und Glied, hunderte Hämmer an der Wand. Von allem gibt es viele Exemplare, und doch gleicht kein Exponat einem zweiten exakt. Immer wieder zieht es mich eher chaotischen Menschen seit Jahren ins Smámunasafn, und jedes Mal verlasse ich es entspannt und gut gelaunt. Egal, wie gestresst ich das Haus betrat.

Sverrir wertete sein Lebtag nicht, ob nun eine leere Flasche, eine Zange oder Säge, oder vielleicht doch eine Glühbirne oder Gürtelschnalle den meisten „Wert“ besäße, denn für ihn gab es solche Unterschiede nicht. „Für ihn waren alle Dinge, die irgendwo herumlagen, Schätze“, bestätigt Kuratorin Sigriδur Rósa Sigurδardóttir, deren bereits 11. Sommer in der Sammlung demnächst beginnt.

Eine Werkzeugwand. Photo: Gabriele Schneider.

Sverrir wurde 1928 in Akureyri geboren. Er lebte bis zu seinem Tod in der Altstadt von Akureyri. Nach Reykjavík reiste er nur ein einziges Mal in seinem Leben. Denn er hatte seine spätere Frau in den Straßen von Akureyri erblickt. Doch sie war aus Reykjavík. Also musste er sich auf den Weg dorthin machen, um sie zu sich zu holen. Was für eine romantische Liebesgeschichte, denke ich, als Sigriδur Rósa mir davon berichtet, und im gleichen Moment seufzt sie und meint lächelnd: „Ist das nicht eine romantische Lovestory?“

Das Ehepaar bekam eine gemeinsame Tochter. Sverrir sei immer sehr gut zu seiner Frau gewesen, sagte Sigriδur Rósa.

Schon mit sieben Jahren erwachte Sverrirs Faszination am Sammeln. Seine Mutter schenkte ihm damals Schreinerwerkzeug, woraufhin der Junge zwei Entscheidungen traf: Schreiner zu werden und niemals einen Bleistiftstummel wegzuwerfen. Beiden Vorsätze blieb er bis an sein Lebensende treu. Berufsmäßig restaurierte Sverrir alte Häuser und Kirchen in Akureyri und im Eyjafjord, und zwar immer auf die alte Art, mit alten Ersatzteilen, anstatt neue Techniken und Materialien zu verwenden. Dies brachte ihm viele Auszeichnungen und große Bewunderung ein. Von jedem Gebäude, an dem er arbeitete, nahm er ein Stück Holz oder ähnliches mit und katalogisierte es genau. Auch andere Dinge, die er zwischen den Wänden fand, nahm er mit.

Nachdem Sverrir Hermannsson in Rente ging, sortierte er zehn Jahre lang alle seine Schätze in Kisten, so Sigriδur Rósa. „Er wollte immer, dass seine Sammlung irgendwann öffentlich ausgestellt wird.“ Manche Gegenstände bekam er auch von anderen geschenkt oder verkauft. So ist beispielsweise ein alter Frisiersalon im Smámunasafn ausgestellt.

Der Frisiersalon. Photo: Gabriele Schneider

„Der frühere Besitzer kommt einmal im Jahr hierher“, berichtet Sigriδur Rósa. „Als er im letzten Sommer lange nicht auftauchte, machten wir uns große Sorgen. Aber dann kam er doch noch“, meint sie beruhigt.

Sigriδur Rósa und Margrét Aradóttir im Friseursalon. Photo: Gabriele Schneider

Seine ganze riesengroße Sammlung bewahrte Sverrir in seinem Haus in Akureyri auf. 1991 wurden die drei Gemeinden im Eyjafjord, zu denen auch Sólgarδur gehört, zur Gemeinde Eyjafjarδarsveit zusammengelegt. Auch die dortige Schule wurde geräumt, die Kinder besuchten fortan die Schule im größten der Orte. Das Schulhaus stand damit leer. Einige Jahre darauf schenkte der Sammler seine Sammlung der Gemeinde Eyjafjarδarsveit. stellte allerdings die Bedingung, dass die Räume, in denen sie untergebracht würde, groß genug seien. So zog die Sammlung in die ehemalige Schule ein. Zwei Künstler wurden mit der Gestaltung beauftragt, sahen sich die Aufbewahrung beim Sammler daheim an, planten und gestalteten die beiden Ausstellungsräume nach Sverrirs Vorbild. Im Sommer 2003 eröffnete das Smámunasafn. „Sverrir kam zur Eröffnung, und ihm gefiel die Arbeit der Künstler“, so die Kuratorin.

Fünf Jahre lang hatte Sverrir anschließend noch Gelegenheit, sein Museum zu genießen, starb dann im Jahr 2008. „Eigentlich bevorzuge ich den Begriff Sammlung, nicht Museum“, erläutert Sigriδur Rósa. Denn zu einem Museum kämen manchmal weitere Exponate hinzu, das Smámunasafn indes beherberge einzig Sverrirs Sammlung, die ja abgeschlossen sei.

Dass Sverrir einen akribischen Charakter hatte, liegt wohl auf der Hand. Doch Sigriδur Rósa weiß: „Er hatte aber auch einen guten Humor.“

Es ist schwierig, vor seinem ersten Besuch im „Sammelsurium“ zu sagen, ob einem die Sammlung gefallen wird.

In einem der Ausstellungsräume. Photo: Gabriele Schneider

Ich persönlich genieße die zur Schau gestellte Akribie, auch wenn ich genau das vorher niemals für möglich gehalten hätte. Ich liebe die (Un-)Menge an klitzekleien und größeren Gegenständen, die alle etwas Freundliches ausstrahlen. Und das tun auch Sigriδur Rósa und ihre Mitarbeiterin Margrét Aradóttir, die mit Gästen gern über die Sammlung, die Exponate und den Sammler reden, und auch das Café. Dort kann man sich mit Kaffee, heißer Schokolade, aber auch mit leckeren dampfenden Waffeln mit selbstgemachter Rhabarber-Marmelade stärken oder im kleinen Handarbeitsmarkt einkaufen.

Die meisten Besucher seien zwischen 20 und 30 Jahre alt, erzählt Sigriδur Rósa und fügt an: „Jüngere Leute sind an der Sammlung irgendwie interessierter als Ältere.“ Und Kinder, sagt sie, seien in den allermeisten Fällen auch nicht gelangweilt: „Oft kommen sie herein, werfen einen ersten, skeptischen Blick in die Sammlung. Dann sind sie aufgeregt, laufen begeistert von Tisch zu Tisch, von Regal zu Regal, von Wand zu Wand.“

Junge Leute (l.) kommen gern ins Museum. Photo: Gabriele Schneider

Das Smámunasafn hat von Mitte Mai bis Mitte September jeden Tag von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Die Sammlung befindet sich 27 Kilometer südlich von Akureyri, nach Flughafen und Weihnachtshaus auf der rechten Straßenseite. Wer als Gruppe kommt, kann Sigriδur Rósa unter 898 5468 anrufen und einen Termin auch außerhalb der Öffnungszeiten vereinbaren. Und die Kuratorin ist absolut sicher: „Ganz egal, wie alt man ist und aus welchem Land man kommt, im „Sammelsurium“ findet jeder garantiert irgendwas, das ihn anspricht.“

Auch auf Facebook ist Smámunasafn/Sammelsurium zu finden.