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Stammen die Iceland Airwaves aus Akureyri? Der erste Tag

Kulturblick

Stammen die Iceland Airwaves aus Akureyri? Der erste Tag

200.000 naglbítar
Die Formation 200.000 naglbítar begeisterte Festivalgänger in Akureyri. Photo: Gabriele Schneider.

Die Anreise // Ich habe es endlich ausprobiert: Seit Monaten schon sah ich auf dem Flughafen in Keflavík diese Schilder, die in die Richtung weisen, in die man gehen muss, wenn man nach Akrureyri weiterfliegen möchte. Anlässlich der Iceland Airwaves buchte eine solche Verbindung ab Frankfurt und es klappte. Einfach durch die Gepäckaufnahme durch und weiter zum nächsten Check-inn-Schalter. Dumm nur, dass ich mir im Duty-Free-Shop noch schnell alkoholfreie Getränke kaufte, denn Flüssigkeiten über 100 Milliliter sind schließlich im Flugzeug verboten, egal, ob nach oder durch Island. Mit dem Taxi ab Flughafen war die Fahrt nach Akureyri kurz, und sogleich machte ich mich auf zum ersten Abend der Iceland Airwaves. Schließlich war es schon 19 Uhr geworden, seit ich um neun Uhr morgens daheim im Südwesten Deutschlands aufgebrochen war.

Die Premiere // Die Iceland Airwaves finden dieses Jahr zum ersten Mal auch zwei Tage lang in der „Hauptstadt des Nordens“ statt. Ich hatte mich dafür entschieden, das Musikfestival heuer hier, anstatt in Reykjavík zu erleben; als Nordland-Fan war das gar keine Frage gewesen. Der erste Abend, an dem ich noch vier Konzerte in meinem Tagesplan untergebracht hatte, zeigte mir, dass die Entscheidung richtig war. Zunächst hatte ich dieses Jahr beim der Durchsicht des Gesamtprogramms den Eindruck, dass an den Partytagen in beiden Städten fast nur noch Elektropop und Hiphop geboten würden. Doch je länger ich mich mit den Interpreten beschäftigte, desto mehr auch andere Stile fand ich. Und schließlich geht es bei den Airwaves ja auch darum, neben den bekannten Bands auch Neue kennenzulernen, Bands zu erleben, von denen man noch nie hörte und die vielleicht eine Musikrichtung spielen, mit denen man bisher nichts anfangen konnte.

Das Feeling // In meinen Augen fehlte in den letzten Jahren in Reykjavík ein bisschen das Flair, das das Musikfestival in seinen frühen Jahren umgab. Hauptsächlich Hipster aus aller Welt oder Hauptstädter, die des Sehen-und-Gesehenwerdens frönten, zogen ihre Runden, hatte ich immer mehr den Eindruck. Ob ich es auch in diesem Jahr in Reykjavík genauso empfinden würde, werde ich nicht erfahren, denn ich besuche nur den Norden..

In Akureyri jedenfalls ist dem nicht so. Hier fühlte sich der erste Abend wesentlich persönlicher an. Viele Einheimische jeden Alters flanierten zwischen Konzerthaus Hof und den Kneipen Græni Hatturinn und Posthúsbarinn sowie den Veranstaltungsorten der Off-Venue-Shows (Shows außerhalb des öffentlichen Programms) hin und her. Wohl auch, weil auch einige örtliche Bands auftraten. Bei den Besuchern und Künstlern aus Akureyri zeigte sich gewisser Stolz auf „ihre“ Stadt und darauf, dass diese nun wieder zum Iceland-Airwaves-Ort wurde. Wieso wieder? Die Antwort auf diese Frage bekam ich am späteren Abend.

Die Shows // Zunächst führte mich mein Weg ins Konzerthaus Hof zur Rockband 200.000 Naglbítar (200.000 Beißzangen). Die Gruppe besteht seit 1993. Damals hieß sie Gleðitríóið Ásar (frei übersetzt: Das fröhliche Ass-Trio) änderte ihren Namen allerdings bereits zwei Jahre darauf, als die drei Musiker am isländischen Bandcontest Músíktilraunir teilnahmen. Inzwischen haben sie mehrere Alben veröffentlicht und zahlreiche Musikpreise gewonnen.

Schlagzeuger Benedikt Brynleifsson, Bassist Kári Jónsson und Sänger und Gitarrist Vilhelm Anton Jónsson kommen alle aus Akureyri und bilden die Band von Anfang an. „It’s fun to come home; we’re from here”, meinte Vilhelm zu Beginn des Gigs. Immer wieder lieferte er auch Scherze und Sprüche zum Lachen ab, etwa gespielt glamourös „We’re fucking awesome… and we are supermodels too.“

Satten Rock mit Punkeinflüssen erlebten die Gäste im Konzerthaus, und sie konnten auch immer wieder die außergewöhnliche Stimme des Sängers in ganz unterschiedlichen Stücken genießen, etwa die langgezogenen, teils hohen Töne im Stück Lítill fugl (kleiner Vogel), das man hier nachhören kann.

Auch brandneue Songs hatten die Beißzangen mitgebracht. Im Publikum saßen viele Isländer, vor allem alte Bekannte aus Akureyri, aber auch viele Gäste aus dem Ausland. Die Bands an diesem Abend fragten immer wieder ab, woher ihre Gäste kamen.

Aber Rock im Konzerthaus? In Island ist das keine Seltenheit. Schon die Heavy-Metal-Formation Skálmöld konzertierte vor einigen Jahren mit dem Sinfonieorchester Islands in und auch in Akureyi stellt die selbe Formation in Hof ein neues Album vor. Bei beiden Gelegenheiten, saßen die Besucher während des Konzerts, hatten wohl aber den gleichen Spaß wie andere, sind sich isländische Konzertgänger sicher.

Der Vorteil von Shows im Sitzen ist, so saggen viele, dass dorthin auch Leute kommen, die ansonsten nie ein Rock-Konzert besuchen würden.

Hier ein Beispiel für ein Stück der "Beißzangen" und hier ein älterer Titel der Formation.

In Græni Hatturinn trat gestern Abend Milkywhale auf. Die Gäste tanzten, sprangen und hüpften. Genau wie Sängerin Melkorka Sigríður Magnúsdóttir, die die Band gemeinsam mit Árni Rúnar Hlöðverssson bildet, der auch als Teil der Formation FM Belfast bekannt ist. Melkorka ist am ehesten in die Kunstgattung Singdancer einzuordnen.

Milkywhale ist eine Elektronikpop-Band und besteht seit 2015. Der Auftritt war eine gekonnte Mischung aus Gefühl und Aktion von Melkorka, die sich schnell aufs Publikum übertrug.

Milkywhale hat auch außerhalb Islands viele Fans, wie Melkorkas Handzeige-Umfrage verriet.

Hier ein Beispiel für einen Milkywhale-Song.

Beim Locationwechsel begegnete ich auf der Straße einem Ehepaar, das mich dringlich aufforderte, in einer halben Stunde in Posthúsbarinn zu kommen, denn dort träte ihr jüngster Sohn auf. Eigentlich wollte ich die Veranstaltung gar nicht besuchen, denn Hiphop ist nicht wirklich mein Fall. Aber dass die Eltern des Rappers so herzlich über ihren Sohn sprachen, machte mich neugierig.

KÁ-Aká heißt der 23-Jährige, und seine Eltern beschrieben ihn, außer, dass sie sein Talent lobten, als „echten Wikinger“, blond und von kräftiger Statur. „Und er hat kein Tattoo“, meinte seine Mutter, doch der Vater schränkte schmunzelnd ein: „Das weiß man nicht, wie lange das noch so ist.“

Halldór Kristinn Harðarson, wie KÁ-Akás bürgerlicher Name lautet, lockte vor allem Jugendliche und junge Erwachsene an, sowohl aus der Stadt, dem restlichen Island, aber auch einige Mädchen aus dem Ausland waren darunter. Die weiblichen Fans jubelten dem in Island bekannten und beliebten Musiker begeistert zu, die Jungs kaum minder. Kaum, dass KÁ-Aká die kleine Bühne betrat, tanzten und rappten alle mit und sangen auch die meisten Texte mit.

Vísir bezeichnete KÁ-Aká letztes Jahr als die „größte Hoffnung des nordländischen Rap“. Der junge Musiker versucht nämlich, dem Rap in seiner Heimatstadt Akureyri wieder mehr Power zu geben, denn diese war eine Zeitlang ein wenig eingeschlafen.

KÁ-Aká ist auch ein guter und sympathiegewinnender Musiker. In den Texten seiner Lieder verarbeitet er eigene Themen, allerdings weniger krass oder hart wie manche Kollegen.

Entstehung der Iceland Airwaves // Auch Halldórs großer Bruder, erzählen seine Eltern, ist Musiker und war quasi bei der Geburtsstunde der Airwaves dabei. 1999 war ein einmaliges Musikfestival in Akureyri geplant, bei dem er einer der Interpreten war. Doch Sturm tobte über dem Land und sei so stark gewesen, dass andere Künstler nicht von Reykjavík nach Akureyri fliegen konnten. Darum fand das Festival kurzerhand in einem Hangar des Reykjavíker Flughafens in statt. „Daher kommt auch der Name des Festivals“, so Harðar, der Vater der Musikersöhne. Und aus dem einmaligen Festival entwickelte sich dann das jährliche, das heuer erstmals in seine Heimat zurückkehrte.

In Hof besuchte ich abschließend noch Ásgeirs (tatsächlicher Name: Ásgeir Trausti Einarsson) Auftritt in Hof. Ásgeir ist ein Singer-Songwriter, der schon zahlreiche Preise gewonnen hat. Mit seiner eindrücklichen (manche sagen auch: weinerlichen) Stimme trug er mit Band seine melancholischen Stücke in oft fast völliger Dunkelheit, gepaart mit hin und wieder aufleuchtenden wasserartigen Lichtsäulen vor. Der auch im deutschsprachigen Raum sehr beliebte Künstler tourt demnächst auch durch Deutschland und Österreich.

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