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Rückblick: 100 Jahre Bierdebatte

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Rückblick: 100 Jahre Bierdebatte

Soll in Zukunft Bier auch in Supermärkten verkauft werden? Diese und andere angesichts der Krise belanglose Fragen standen auf der Tagesordnung, als das isländische Parlament im Januar 2009 nach der Weihnachtspause wieder zusammentrat.

Von Bernhild Vögel.

Tausende erboste Isländer zogen vor das Althingi-Gebäude und forderten lautstark von den Volksvertretern, sich mit Wichtigerem zu beschäftigen: Die Kochtopf-Revolution begann.

Auch wenn sie jetzt zur Unzeit kam, so bewegt die Bierfrage doch seit hundert Jahren die Gemüter in Island. 1909 hatte das Parlament auf der Grundlage einer Volksabstimmung beschlossen, die Einfuhr alkoholischer Getränke zu verbieten. Das bedeutete ein absolutes Alkoholverbot, denn es gab 1909 in Island keine einheimischen Brauereien oder Brennereien. Doch reichten die vor dem Verbot importierten Alkoholbestände noch aus, um den Bedarf bis 1915 zu decken.

Die Zeit der absoluten Prohibition in Island dauerte nur sieben Jahre. 1922 ergab sich die wirtschaftliche Notwendigkeit, spanischen Wein zu importieren, um Fisch nach Spanien exportieren zu können.

Die Alkoholliebhaber, die sich keinen Wein leisten konnten, behalfen sich ohnehin mit illegaler häuslicher Schnaps- und Bierherstellung. Nach einer weiteren Volksbefragung wurde 1934 die durchlöcherte Prohibition aufgehoben. Allerdings blieb es beim Bierverbot.

Bier sei eine Einstiegsdroge, die jugendliche Arbeiter zum Konsum von härterem Alkohol verleiten würde – das war das wichtigste und jahrzehntelang wiederholte Argument der Biergegner. Ein sozialistischer Parlamentsabgeordneter argumentierte 1934:

„Diejenigen mit dem geringsten Einkommen, die unter den ärmlichen Bedingungen leben, neigen sehr dazu, ihr Elend mit Alkohol zu betäuben ... Isländer sind nicht in der Lage, Alkohol wie zivilisierte Menschen zu konsumieren, sie sind von Natur aus zu sehr Wikinger, Alkohol erregt sie und macht sie brutal. Das Parlament sollte sich verhalten wie ein Vater zu seinem Kind.“ (zitiert nach einer Studie von Helgi Gunnlaugson und John F. Galliher aus dem Jahre 1986)

Während sich das aufstrebende Bürgertum für die Aufhebung des Bierverbotes aussprach, waren sich Bauernvertreter und sozialistische Arbeiterbewegung in der Ablehnung einig.

Dennoch gab es legale Brauereien. 1913 war die Brauerei Egils gegründet worden, die für den einheimischen Markt Leichtbier mit einem Alkoholgehalt von 2,25 Prozent herstellen durfte.

In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Bierverbot immer mehr durchlöchert. Die Brauereien erhielten die Erlaubnis für den Export und den Bedarf der US-Luftwaffenbasis in Keflavík zu produzieren.

Seeleute und das Personal der Fluggesellschaften durften Bier für den persönlichen Verbrauch einführen. Später deckten sich Reisende in Duty-Free-Läden mit Bier ein.

1983 gab es unter Federführung des Morgunbladid eine grosse, aber erfolglose Kampagne für einen Bier-Volksentscheid. Damals kam ein Bierersatz bestehend aus Leichtbier und Schnaps in den Kneipen in Mode.

Erst 1989, vor zwanzig Jahren, fiel das Bierverbot. Dieses historische Ereignis wird nun jedes Jahr am Biertag (1. März) gefeiert. Seit 1989 ist der Pro-Kopf-Verbrauch von Alkohol in Island von 4,5 auf etwa 7 Liter reinen Alkohols pro Jahr angestiegen (in Deutschland liegt er bei 10,5).

Allerdings ist Bier mit einem Alkoholgehalt über 2,25 Prozent nur in den staatlichen Alkoholläden „Vínbúd“ erhältlich.

Bereits 2007 hatte das Parlament debattiert, ob Bier und Wein künftig in Lebensmittelgeschäften und Supermärkten verkauft werden darf. Wann das Bier wieder auf der Tagesordnung des Althingi stehen wird, ist nur eine Frage der Zeit.

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