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"Du kannst Brillianz nicht üben"

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"Du kannst Brillianz nicht üben"

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Unprätentiös - humorvoll - gradlinig. Peter de Cosemo mag die "kleinen Pferde".Photo: Dagmar Trodler.

Während Island im Fieber des Meistaradeild glüht und Tölt in Schräglage feiert, gab es zwischen den windumtosten Hügeln des südisländischen Rangárþing ytra ein Treffen zur Entdeckung der Langsamkeit.

Der britische Ausbilder Peter de Cosemo reist seit etwa zwei Jahren nach Island, um hier mit einer kleinen Reitergruppe die Basis der Reitkunst zu trainieren und Pferde zur Ruhe zu bringen, damit sie ihren Körper zu benutzen wissen, wenn das Tempo erhöht wird.

Er bezeichnet sich scherzhaft als “Eheberater” - ihn interessiere keine Vorgeschichte, er analysiere das, was er präsentiert bekommt, und er weiß sofort, wie weit er zurück in den “Kindergarten” gehen muss, um strauchelnde Pferde geradezurichten.

"Wenn die Dinge schwierig sind, mach es einfach”, ist sein Leitspruch. Er glaubt, dass Reiter ihre Pferde mit Anweisungen überfrachten und dabei das Ziel aus den Augen verlieren. Auf einer mit Mehl markierten Zirkellinie lehrt er seine vierbeinigen Schüler durch simple Übungen, das Gleichgewicht zu finden, und die Zweibeinigen, ihre Pferde dabei gefälligst nicht zu stören, “neutral” zu sein, und den Zügel korrekt zu gebrauchen, statt zu lenken.

“Das Kilo Mehl war die großartigste Investition in meinem Pferdeleben,” grinst er.

Seine Sicht aufs Pferd ist nicht nur von britischem Humor, sondern vor allem von großem Verständnis für die Probleme des Vierbeiners geprägt. Wenn das Pferd “Panik oder Ablenkung erfindet” und aus der Bahn gerät, ist es Aufgabe des Reiters, auf der Zirkellinie zu sitzen, und nichts anderes. “Du sitzt auf der Linie, und der Job des Pferdes ist es, unter dir zu bleiben.” Klingt einfacher als es aussieht.

“Slow down” ist das daher Motto des Tages. Weg vom Tun und Machen auf dem Pferd, hin zum Entdecken und 'Machen-lassen'.

Peter lässt die Pferde denken und möchte, dass sie jeden Schritt erleben und begreifen. “Das ist wie Tanzen lernen,” sagt er. “Da übst du auch jeden einzelnen Schritt.” Und so findet ein Großteil des Unterrichts im wahrsten Sinne des Wortes in Schritten statt. Zwei Schritte – halt. Vorhandwendung – Schritt – halt. Schritt – halt. Nur Geduld, und kein Treiben, nur ein Anklingeln will er sehen. “It will happen.” versichert er. Und so ist es.

Die Islandpferde - Weltmeister im Vorwegnehmen und Weglaufen – finden in dieser Zirkelschule zur Ruhe und zu ihrer eigenen Hinterhand, ganz ohne komplexe Lektionenabfrage und Verwirrung auf Hufschlagsfiguren. Und so manchem Pferd entweicht an diesem Sonntag ein erleichterter Seufzer, als es den Kontakt zur Hand entdeckt und aus großgewordenen Schritten sauber durchparieren kann.

Soviel ist sicher: es muss sich schön anfühlen, wenn man schön aussieht.

Für den Reiter gilt das gleiche. Wer im Trab von seinem Pferd mitgenommen werden möchte, darf sich nicht vor seinem Pferd befinden. Erst in der Langsamkeit kann man sich treffen und gemeinsam losreiten. Das Ergebnis ist ein Pferd, das uns hebt und groß werden lässt.

Für Peter der größte Vertrauensbeweis. Ein rundes Pferd ist verletzbar, weil es alle Verteidigungsmechanismen, wie etwa den Fluchtinstinkt ablegt. Dazu braucht es echten Mut, meint der Brite. Seiner Ansicht nach steckt hinter den meisten Fällen von Steifigkeit kein Unwillen, sondern pure Verteidigung, aus Sorge um die eigene Sicherheit.

Diese Idee legt eine ganz besondere Verantwortung in unsere Reiterhand.

Organisatorin Svanhildur Hall von Úrvalshestar arbeitet mit Peter seit Jahren zusammen und hat bei ihm in den USA Pferde trainiert. Sie ist vollkommen überzeugt von seinem Weg mit Pferden. Peters Grundlagenschule leistet ihr hervorragende Dienste in der Ausbildung ihrer eigenen Pferde, und sie sagt, die Kunden wüssten derart ausgebildete Pferde sehr zu schätzen. Der Weg der kleinen Schritte diene vor allem dem Tölt, polstert ihn, macht ihn leichter und schöner.

Ihre Unterrichtseinheit auf einem fünfgängig veranlagten Mausfalben thematisiert Schritttraversalen und Angaloppieren und man bekommt eine Ahnung davon, zu welch großartiger Schönheit Peters Arbeit ein Islandpferd bringen kann – wenn man ihm einfach genug Zeit gibt.

Drei Jahre hat sich die kleine, feste Teilnehmerrunde vorgenommen und in Abgeschiedenheit und ohne großes Brimborium ihre Kurse abghalten. Im kommenden Jahr, so der Plan, sollen dann Ergebnisse vor einem größeren Publikum in Island gezeigt werden.

“Du kannst Brillianz nicht üben,” sagt Peter. “Aber du kannst Elemente und Grundlagen dafür lernen.”

Hier findet man Peters blog mit lesenswerten Artikeln.

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