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Tanzende Pferde

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Tanzende Pferde

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Es waren beeindruckend schöne und temperamentvolle Pferde, die in der Töltprüfung des Meistaradeild in der Ölfushalle bei Hveragerði ihre Bahnen liefen, eine Cremeschicht südisländischer Pferdezucht, und im Gegensatz zu so manchem kontinental-passigen Sporttölt saßen die Reiter allesamt völlig ruhig im Sattel.

Der Teamwettbewerb Meistaradeild ist unter anderem deshab so spannend, weil sich bei jeder Prüfung andere Favoriten nach vorne arbeiten können – und weil jedes Mal die ein oder andere Überraschung wartet.

Nicht nur eine zum ersten Mal bei dieser Veranstaltungsreihe durchgeführte Dopingprobe ohne Vorankündigung, wie isibless.is berichtet. Die A- und B-Proben wurden zur Untersuchung nach Schweden geschickt.

Vor allem aber durch solche wie den 11-jährigen Sleipnir frá Árnanesi, der sich in allen Prüfungsteilen rund, geschmeidig und weich zu bewegen wusste, und der im Arbeitstempo durch eine dem Idealbild nahekommende Silhouette von unmanipulierter Versammlung auffiel. Der sympathische Fuchs wirkte wie ein Pferd, das man gerne reiten möchte. Die letzte Teilnehmerin, Krít frá Midhjáleigu, war in der Hallenumgebung zwar alles andere als locker, doch beeindruckte die Präzision ihrer runden Bewegungen und wie sie trotz der Aufregung dem Reiter folgte. Geir Leo Arnasons Prüfungsmusik, ein Bluesrocktitel ohne hämmernde Bässe, schien wie für die gangstarke Schimmelstute gemacht.

Sylvia Sigurbjörnsdóttir hatte diesmal Pech, ihr Hrafn frá Breiðholti í Flóa war zu aufgeregt und servierte Taktfehler in den Kurven. Mit 6,43 Punkten schaffte sie es nicht ins Finale. Dennoch bestach auch dieser Ritt trotz der Spannung des Pferdes durch Eleganz auf den Geraden und eine freundliche Kommunikation. Hrafn war das einzige Pferd des Abends, das am Zügel war und nicht mit dem Kopf schnickte.

An letzteres hat man sich vermutlich längst gewöhnt, sonst würden Richter mehr von der Möglichkeit des Punktabzugs Gebrauch machen. Kopfschnickende Pferde äußern ihren Unmut. Sie versuchen, dem Gebißdruck zu entkommen und sich der Reiterhand zu entziehen. Doch den Unmut des Ketil frá Kvistum, der die gesamte Prüfung hindurch nachdrücklich gemaßriegelt wurde, honorierte ein Richter gar mit der Note 7. Ebenso wenig fiel ins Gewicht, daß ein anderes Pferd nach absolvierter Runde hinkend die Bahn verließ. Verdient Zügellahmheit im Schritt eine 7,60?

Insgesamt war dies ein sportlicher Abend. Die Tempounterschiede wurden in der Regel sauber und ohne hässliche Paraden gezeigt, doch vor allem im Arbeitstempo war reichlich Zügeleinsatz zu beobachten und ließ die Leichtigkeit vermissen, mit der manche Pferde im Tölt tanzen können. Die laute Musik verhindert ohnehin, daß man dem Tölt zuhören und entdecken kann, wie beinahe geräuschlos ein wirklich durchlässiges Pferd zu tölten vermag. Stampfende Hufe sind kein Zeichen von Gangqualität. Tanzende Pferde hört man nicht.

Zwei der jüngsten Pferde des Abends bewiesen, daß das auch anders geht. Die 7-jährige Helga-Osk frá Ragnheiðarstöðum unter Jakob Svavar Sigurðsson fiel durch federhafte Elastik auch im Arbeitstempo auf. Die erst 6-jährige Katla frá Ketilsstöðum unter Bergur Jónsson hatte altersbedingt noch keine Kraft für Versammlung, und dementsprechend war ihr Tölt vorhandlastig, jedoch ohne daß der Reiter zu manipulieren versuchte. Sie lief ausgesprochen geschmeidig ihre Runden, und das auf Wassertrense gezäumte Pferdemaul signalisierte Einverständnis mit der Reiterhand. Katla war das einzige Pferd, welches in einer Art freestyle-Traversalschritt ruhig und sauber auf die andere Hand abwendete. Damit stellte Bergur zum dritten Mal ein schön gerittenes Jungpferd vor.

Das Abwenden aller Teilnehmer war an diesem Abend ein kleiner Offenbarungseid für Durchlässigkeit, und für den Spannungsgrad im Pferderücken - eine nur winzige Lektion mit Aussagekraft.

Bei allem Wow-Effekt bietet das Gesamtbild des präsentierten Tölts Anlaß zum Nachdenken, Welche Außenwirkung hat die vielumworbene Gangart des Islandpferdes, wenn sie mit solchem Druck herbeigeritten werden muss? Welches Bild setzt sich da in den Köpfen der Zuschauer fest? Das Bild vom sperrenden Pferdemaul, vom in den Leinen hängenden Reiter? Wo ist die Natürlichkeit der Gangart, die doch jeder reiten können soll, und wo die Leichtigkeit?

Wo sind die tanzenden Pferde hin?

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