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"Islandpferde sind nicht anders"

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"Islandpferde sind nicht anders"

Hat das Jungpferd an der Longe seine Balance gefunden, kann es sich mit dem Ausbalancieren eines zusätzlichen Faktors befassen: dem Reiter.Photo: Dagmar Trodler

An einem windigen Sonntagmorgen galoppierte ein Islandpferd einen Hügel hinauf und fand seinen Takt im Galopp. Ein wenig seltsam fühlte sich der Reiter im leichten Sitz, den er zuvor in der Reithalle eingeübt hatte, das gab er offen zu. Doch bot ebendieser einigen Pferden in Trab und Galopp neue Möglichkeiten für ihre fragile Balance.

Leichter Sitz und Hinterbeine sortieren waren die Hauptthemen des Wochenendkurses mit dem britischen Ausbilder Peter de Cosemo, der erneut zu Svanhildur Hall nach Holtsmúli gekommen war, um Islandpferdereiter die basics von Biomechanik und Körpersprache, wie er es selbst bezeichnet, zu lehren.

Es ist stets die Politik der kleinen Schritte, die den Erfolg seines Unterrichts ausmachen. Was im Schritt schon nicht klappt, braucht man im Trab gar nicht erst zu versuchen. “Lieber einen schlechten Übergang korrigieren, als einen schlechten Trab,” findet er. Probleme potentierten sich doch nur in der höheren Gangart. Seine Analysen von Steifigkeiten in der Hinterhand verblüfften einmal mehr – schaut man mit seinem Auge, werden Probleme weiter vorne auf einmal sonnenklar.

Mit simpelsten Übungen wie dem Verschieben eines Hinterbeins für einen Schritt, bevor man aus dem Zirkel wechselt, lernt das Pferd, seine Beine zu sortieren, dabei hilft der Reiter vorne, indem er die “Zügel-Tür” nach außen hin öffnet, um die Beine “wie einen riesigen Korb voller Wäsche” beisammenzuhalten und auszubalancieren.

“Die Pferde wissen gar nicht, wie weit sie ihre Hinterbeine beugen und ihre Schultern anheben können,” sagte Peter, “Weil sie nie darum gebeten werden.” Und statt sie durch mit dem Zügel hingezerrte Dressurübungen nur noch weiter zu versteifen, schickt er seine Schüler auf Quadratvolten und Wechselkreise um Kaffeetassen herum, mit Fokus auf einzelnen Schritten, die mit dem Hinterbein beginnen.

“Versuch mal, wie wenig du machen kannst. Und nicht, wie viel du tun musst.”

Schon das Jungpferd müsse seiner Meinung nach lernen, vor dem Übergang weich zu sein und den Rücken zu runden, um den Reiter auf gesunde Weise tragen zu können. Vorher brauche man doch gar nicht losreiten. Und er demonstriert an einem Junghengst aus Svanhildurs Zucht auf beeindruckende Weise, wie er Jungpferde anarbeitet. An der Longe lernen sie, ohne Hilfszügel, nur durch Körpersprache und klassisches Überstellen im Vorwärts-abwärts das “Privileg des Kopf-senkens”. Erst wenn sie in dieser Haltung offensichtlich zuhause sind, steigt der Reiter auf und wird longiert, ohne selbst zu agieren. Das Pferd hat damit nur eine neue Aufgabe: die zusätzliche Last auszubalancieren. Ganz langsam verabschiedet sich der Longeur.

Und wie überall sonst gilt: ein “Übergang” kann nur funktionieren, wenn die Fundamente sitzen: wenn das Pferd die Sache grundsätzlich mit seinem ganzen Körper verstanden hat. Und Pferde vergessen - das vergessen die Reiter oft. "Ganz gleich wie bescheiden du dich fühlst - versuch was zu arbeiten," rät er, "reite 5 Minuten, nur Schritt und Halt," damit der Pferdekörper die Erinnerung an das Reitergewicht nicht vergisst.

Wehrt es sich vorne, hat es seine Balance längst verloren. Peter benutzt Worte wie defensive (sich verteidigend) und worried (besorgt), wenn er Wehrhaftigkeit beschreibt. Sein Diktus spiegelt das tiefe Verständnis für die Probleme des Pferdes mit seinem Reiter. Wenn das Pferd hingegen offen und weich ist, "dann müssen wir am höflichsten sein". Diese Art der verständnisvollen Sprache verändert unmittelbar die Herangehensweise an Projekte und Probleme.

Am Zügel ziehen ist niemals Option. “Wenn du den Zügel brauchst, um das Tempo zu regulieren, kannst du ihn für nichts anderes benutzen”, sagt Peter. Ein loser Zügel dürfe mitnichten 'schneller' bedeuten, sondern diene einzig der Überprüfung von Balance.

Am Ende schwingt er sich auf die übereifrige Fünfgangstute einer Teilnehmerin und bringt sie durch konzentriertes “Minimal-Reiten” in einen nahezu lautlosen, federnden Schwebetrab, der sich neben einem Warmblut sehen lassen konnte.

“Das war 'delicious'!” schwärmt er. “Islandpferde sind nicht anders. Nur ganz normale Pferde.”

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