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Studie zur Belastbarkeit von Islandpferden

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Studie zur Belastbarkeit von Islandpferden

Kleines Pferd, grosser Reiter. Schwere Arbeit? Photo: Dagmar Trodler

Nachdem im Rahmen von Tierschutzdiskussionen immer wieder die Belastbarkeit von Islandpferden im Hinblick auf Reitergewicht und Anforderungen bei Turnieren zur Sprache kommt, ist bei der schwedischen Landwirtschaftsuniversität nun eine Doktorarbeit zu genau dem Thema erschienen.

Hier finden Sie eine übersetzte Zusammenfassung:

Das Islandpferd ist weltweit inzwischen in über 30 Ländern vertreten, insgesamt gibt es 250.000 Exemplare der Pferderasse. Das beliebte Gangpferd wird heute sowohl als Ausreitpartner als auch als Turnierpferd trainiert und in beiden Fällen trotz seiner geringeren Grösse sowohl von Kindern als auch von Erwachsenen geritten. Bislang hat es jedoch keine ausreichende Untersuchung über die körperliche Belastung durch Turnier oder Ausritt und die Auswirkungen auf den Pferdekörper gegeben.

Studie I – Körperliche Belastung in der Zuchtprüfung

Seit das Islandpferd vor 1000 Jahren auf die Insel kam, wurde es als Lasttier und mehr noch als Reittier verwendet. Eine organisierte Zucht begann zu Beginn des 20.Jh, ab dem Jahr 1950 kann man von einer Reitpferdezucht sprechen. Hierbei gilt dass, das Pferd leichtfüssig sein soll, weich in den Gängen, taktklar, mit grossen Schritten und Vorhandaktion, sowie über verschiedene Tempi in den einzelnen Gangarten verfügen soll.

In der Studie wurden 266 Pferde in Zuchtprüfungen in Island untersucht. Die Prüfung dauerte im Durchschnitt 9 Minuten, die Pferde wurden 2,9 Kilometer bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 17,8 km/h geritten. Reitergewicht und Ausrüstung machten 27,5% des Pferdegewichts aus. Der durchschnittliche Puls betrug 184 Schläge pro Minute, der höchste lag bei 224 Schlägen, die Durchschnittsmenge an Milchsäure nach der Prüfung betrug 18 mmól/L. Hengste zeigten einen niedrigeren Puls und geringeren Laktatwert als Stuten, obwohl sie schneller geritten wurden. Die Hengste hatten auch einen höheren Anteil an roten Blutkörperchen im Blut als die Stuten. Auch das Alter der Pferde spielte eine Rolle: vierjährige Pferde hatten einen geringeren Anteil an roten Blutkörperchen als ältere Pferde.

Zwischen der Reiteigenschaftsnote und dem Laktatgehalt im Blut gab es ebenso einen Zusammenhang wie zwischen RE-Note und dem Anteil an roten Blutkörperchen. Die RE-Note fiel dort höher aus, wo Laktatgehalt und Anteil von roten Blutkörperchen höher gemessen wurden

Insgesamt zeigten die Untersuchungen, dass die Zuchtprüfung bei Islandpferden eine schwere körperliche Belastung darstellt, und dass ein aerober Stoffwechsel (Verstoffwechselung von Glucose/Fett mit Sauerstoff, alle am Sauerstofftransport beteiligten Organe werden trainiert) positive Auswirkungen auf die Leistung (und die Noten) hat. Dieses Wissen um den aeroben Stoffwechsel kann im Training genutzt werden. In dieser Studie konnten die Pferde nur 5 Minuten nach Prüfungsende beobachtet werden. Von anderen Pferderassen weiss man jedoch, dass Pulsschlag und Laktatgehalt nach etwa einer Stunde wieder ins Lot gekommen sind. Die Muskeln haben ihre volle Kraft nach zwei bis drei Tagen wiedererlangt.

Studie II – Vergleich der Körperbelastung in Tölt und Trab bei gleichem Tempo

Das Islandpferd benötigt für den Tölt in der Regel mehr Training, um taktklar und im Gleichgewicht zu laufen, als für den Trab. Man hielt den Tölt daher stets für anstrengender. Zum ersten Mal wurde das nun näher untersucht. Acht gut trainierte Schulpferde (13-18 Jahre) der Hochschule Hólar wurden von zwei Reitern gleichen Gewichts (27,5% des Pferdegewichts) 642 Meter in verschiedenen Gangarten und Tempi geritten: langsames Tempo (3m/s), mittleres Tempo (4m/s), und gutes Mitteltempo (5m/s), jeweils beide Gangarten in zwei Durchgängen.

Die Lactatausschüttung überstieg die kritische Schwelle von 4 mmol/L erst bei der höchsten geritten Geschwindigkeit von 5m/s. Ein Unterschied zwischen der Belastung in den Gangarten fiel sehr gering aus, deutete jedoch darauf hin, dass für den Tölt mehr anaerobe Arbeit aufgewendet werden muss als für den Trab, was verständlich ist, da die Schrittfrequenz höher ausfällt als im Trab. Hier sind weitreichendere Untersuchungen vonnöten.

Studie III – Belastung im simulierten Speedpasslauf

Der Passwettlauf ist die älteste Turnierform mit Islandpferden, die man kennt, und immer noch ist er beliebt. Anders als bei Wettrennen mit anderen Pferderassen ist die köperliche Belastung und die Dauer der Erholungsphase jedoch noch nie untersucht worden. Für die Studie wurden 100 Meter Speedpass ausgewählt, jedes Pferd musste die Strecke zweimal laufen, unterbrochen von einer dreitägigen Erholungspause. Die Pferde waren bis auf eines alles erfahrene Wettkampfpasser und hatten alle 14 Tage zuvor an einem Passturnier teilgenommen. Zwei Reiter ritten alle Pferde jeweils einmal. Ihr Gewicht samt Ausrüstung betrug 28,1 Prozent des Gesamtgewichtes des Pferdes.

Im Speedpass gibt es zwei Durchläufe, das Pferd kann aus beliebiger Gangart vor der 50 Meter Marke in den Pass gelegt werden. Dann folgen 100 Meter für die Zeitnahme, um einen gültigen Lauf zu erhalten. Die Durchschnittsgeschwindigkeit betrug 10,4 m/s, der Durchschnittspuls lag bei 98% des höchsten Pulses während des Laufes, die Lactatausschüttung betrug 12 mmol/L nach dem ersten Lauf und 18 mmol/l nach dem zweiten Lauf. Es gab einen negativen Zusammenhang zwischen der Laktatausschüttung nach dem zweiten Durchlauf und der besten Zeit des Pferdes aus dem letzten Turnier: je höher der Laktatwert nach dem zweiten Durchlauf lag, desto besser war die Zeit beim letzten Turnier gewesen. Der Prozentsatz der roten Blutkörperchen im Blut lag mit 44% relativ niedrig, wenn man ihn mit dem von anderen Turnierpferden vergleicht (mehr als 60%)

Diese Ergebnisse zeigen, dass der anaerobe Stoffwechsel (ohne Sauerstoffbeteiligung) verantwortlich für den Erfolg eines Pferdes im Passlauf ist. Schnellere Pferde bilden mehr Laktat, was verständlich ist, weil die schnelle Muskelkontraktion ihre Energie aus einem metabolischen Prozess erhält, bei dem sich Laktat bildet. Die Studie zeigte auch, dass der Pulsschlag sich mit steigendem Alter des Pferdes verringerte. Ein hohes Alter könnte daher einen negativen Effekt auf die Leistung des Pferdes (zu anaerob gewonnener Energieleistung) haben, was jedoch keine Altersbegrenzung nach sich ziehen muss, weil der anaerobe Stoffwechsel so wichtig ist. Überdies liegt das Durchschnittsalter der zehn schnellsten Pferde der letzten fünf Weltmeisterschaften im Speedpass um die 13 Jahre. Einer anderen Studie zufolge halten Trainer von isländischen Passpferden ein Alter von 11 bis 16 Jahren für am besten, um Erfolg im Wettkampf zu haben.

Die Pferde in dieser Studie brauchten mehr als 30 Minuten um Puls, Atmung, Milchsäureausschüttung und Körpertemperatur herunterzufahren. Insgesamt zeigte die Studie, dass der Speedpass eine starke körperliche Belastung darstellt, und dass das Vermögen zu rascher Muskelkontraktion und hoher Lactatausschüttung wichtig für den Erfolg ist.

Studie IV – Auswirkung des Reitergewichts auf die Körperbelastung

Bislang war noch nicht untersucht worden, wieviel ein Islandpferd tragen kann. In dieser Studie wurden acht Pferde und ein Reiter in eine Trainingsaufgabe gesetzt, in der sich das Gewicht des Reiters durch das Hinzufügen von Blei von Schritt zu Schritt vergrösserte, zunächst 20% des Pferdegewichts, dann 25%, 30%, 35% und am Schluss wieder 20%. Der letzte Schritt geschah, um die Antwort des Körpers auf die echte Belastung zu erhalten, und nicht auf die angesammelte Belastung durch die vorangegangenen Schritte. Acht gut ausgebildete Schulpferde aus Hólar wurden in allen Gewichtsschritten im schnellen Tölt (5,4m/s) über eine Strecke von 642 Metern geritten, zwischen den Abschnitten gab es fünf Minuten Pause, um das Gewicht zu erhöhen und Blutproben zu entnehmen. Der Puls erhöhte sich mit dem steigenden Gewicht, und die Laktatausschüttung stieg exponentiell. Damit entspricht das Ergebnis denen von Studien bei anderen Pferderassen, in denen jedoch das Tempo erhöht wurde und nicht das Reitergewicht.

Ein Training unterhalb der aerobe Schwelle von 4 mmol/L (Grenzwert, bei dem die Laktatbildung der Eliminierung entspricht) kann über mehrere Stunden durchgeführt werden, wenn es mental möglich ist, ein Training an oder oberhalb dieser Schwelle kann ohne Ruhephasen nur wenige Minuten durchgezogen werden, weil die Arbeitskapazität der beteiligten Muskeln auf die gebildete Laktatmenge reagieren. Wie schnell das Laktat aus den Muskeln eliminiert wird, hängt neben anderen Faktoren davon ab, wie gut ein Pferd trainiert ist.

In dieser Studie sollte der Zusammenhang zwischen Reitergewicht (mit Sattel) und dem Erreichen der aeroben Schwelle aufgezeigt werden. Betrug der Anteil des Reitergewichts 22,7%, lag der Laktatwert im Durchschnitt bei 4 mmol/L. Zwischen den einzelnen Pferden gab es eine grosse Varianz (17,0 bis 27,5%). Es gab keinen Zusammenhang zwischen der Grösse der Pferde und wann sie die Laktatschwelle erreichten, doch fand man einen Zusammenhang zwischen der Bemuskelung des Rückens und dem Erreichen der Laktatschwelle. Dort wo die Rückenmuskeln eher dünn ausfielen (zylindrische Rückenform), erreichten sie seltener die Laktatschwelle. Doch nicht nur die Milchsäureakkumulation stieg mit einem höheren Gewicht von Reiter und Pferd, die Pferde verringerten auch ihre Schrittlänge mit steigendem Reitergewicht, und um das Tempo beibehalten zu können, mussten sie auch die Schrittfrequenz erhöhen. Das bedeutet, dass sie mehr und schnellere Muskelkontraktionen liefern, die ebenfalls Milchsäureakkumulation verursachen. Die Pferde erreichten nach dem Test ihren Ruhepuls und ruhige Atmung nach 30 minütiger Pause, doch der Laktatspiegel war immer noch höher als noch vor dem Test. Die Enzymwerte CK und AST, welche Indikatoren für Muskelschädigungen sind, wurden vor dem Test, sowie ein und zwei Tage danach bestimmt. In den Ergebnissen gab es keine Hinweise darauf, dass der Test die Werte beeinflusste. Alle Pferde wurden vor und nach dem Test (1-2 Tage) tierärztlich untersucht, alle waren vorher wie nachher gesund, es wurden keinerlei Veränderungen gefunden.

Zusammengefasst zeigt diese Untersuchung, dass diese Pferde keine Probleme mit dem Belastungstest hatten und dass sie 22,7% ihres Gewichtes im aeroben Bereich tragen konnten, wobei es eine grosse individuelle Varianz gab. Die Grösse der Pferde spielte dabei keine grosse Rolle bei der körperlichen Antwort auf den Belastungstest, doch möglicherweise könnte eine gut entwickelte Rückenmuskulatur wichtig sein, wenn das Islandpferd einen schweren Reiter über längere Strecken tragen soll.

Zusammenfassung

Die Hauptergebnisse dieser Untersuchung legten nahe, dass die körperlichen Anforderungen (wie etwa in Zuchtprüfungen und Speedpass) anstrengend für das Islandpferd sind, da sowohl aerober als auch anaerober Stoffwechsel zur Energieversorgung der Muskulatur benutzt werden müssen, um sportlich erfolgreich zu sein. Die physiologische Antwort auf die Anforderungen in Zuchtprüfung und Speedpass entsprach in etwa denen, die bei Trabern, Galoppern und Vielseitigkeitspferden vor und nach dem Training gemessen wurden.

Die Ergebnisse dieser Studie können für die Entwicklung weiterer Trainingsprogramme für Islandpferde genutzt werden, damit sie für die Anforderungen in Zuchtprüfungen oder Passläufen besser vorbereitet sind. Es ist wichtig, dass das Risiko für körperlichen oder geistigen Schaden gesenkt wird, um die Belastungsfähigkeit des Pferde steigern zu können.

Die Ergebnisse zeigen auch, dass es je nach den Umständen (Tempo, Reitergewicht) auch ein Freizeitreiter körperlich schwere Arbeit verlangen kann, die sich der Laktatschwelle nähert, wenn er etwa im Mitteltempo Tölt oder Trab reitet, solange das Gewicht von Reiter plus Sattel unter 27% des Gesamtgewichts bleibt.

Sowohl aerober wie anaerober Stoffwechsel sollten trainiert werden, doch sollten Trainer wie Reiter sich bewusst sein, dass ein solches Training das Pferd schneller ermüdet, als wenn es in langsamerem Tempo und mit leichterem Reiter gearbeitet wird.

In allen Tests hatte das Reitergewicht Auswirkungen auf den Puls und die Laktatmenge. Es ist jedoch nicht möglich zu sagen, wieviel Gewicht zuviel Gewicht bedeutet. In allen Versuchen dieser Studie lag das Durchschnittsgewicht des Reiters mit Sattel über 27%, und bei den 25 teilnehmenden Pferden konnte bis auf eine Ausnahme keine Ermmüdung festgestellt werden.

Diese Beobachtung stimmt mit Ergebnissen aus Distanzritten mit ausländischen Pferden überein, wo der körperliche Zustand und die Bemuskelung des Pferdes eine grössere Rolle beim erfolg im Wettbewerb spielte als die Relation zwischen Reitergewicht und Pferd. (hier lag der Prozentsatz bei 15-31%). Eine höhere Fettmasse beim Pferd hat negative Auswirkung auf den Erfolg. Es fehlen jedoch Untersuchungen darüber, wie Körperbau und Bemuskelung sich auf das Tragevermögen des Pferdes auswirken.

In den Untersuchungen, die Tölt und Trab sowie den Passlauf mit dem Reitergewicht in Relation setzten, wurde ein Zusamenhang zwischen der Laktatmenge gleich nach der Belastung und dem Puls des Pferdes 15 und 30 Minuten nach der Belastung gefunden. Je höher der Puls des Pferdes war, desto höher war auch der Laktatspiegel gleich nach der Belastung

Mithilfe dieses Wissens können Trainer und Reiter beurteilen, wie schwer ein Training war. In der vorliegenden Studie wurde bei Pferden mit einem hohen Laktatspiegel (<10 nmol/L) nach der Belastung ein Puls von 70 und mehr Schlägen pro Minute nach einer 15-minütigen Erholungszeit gemessen.

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