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Von Geigen und Liebesbeziehungen: Jón Marinó

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Von Geigen und Liebesbeziehungen: Jón Marinó

Photo: Dagmar Trodler

“Ich baue nicht gerne Geigen auf Bestellung.” Merkwürde Worte aus dem Mund eines Geigenbauers, doch Jón Marinó Jónsson übt seinen Beruf mit grosser Leidenschaft aus, und genau das schätzen seine Kunden an ihm.

Dabei ist der sanfte Hüne schon als Jugendlicher in seinem Heimatort Keflavík ausgelacht worden, wenn er von seinem Wunsch sprach, aus dem Holz der Bäume etwas zu schaffen. In Keflavík, wo weit und breit kein Baum zu sehen war! Er wurde also Schreiner, machte seinen Meister und verlor auch 1993, als eine erste Wirtschaftskrise Island lähmte und er beim US-Heer jobben musste, seinen Traum nicht aus den Augen.

Im Jahr 2000 graduierte er nach dreijähriger Ausbildung am renommierten Lincolncollege für Geigenbau im britischen Newark-on-Trent und begann neben dem Schreinerberuf in der heimatlichen Garage, Instrumente zu bauen und zu reparieren. Die Nachfrage wuchs, und heute ist Jón einer von zwei Geigenbauern in Island, und der Einzige, der sich dem Bau von mit Streichinstrumenten und klassischen Gitarren ganz dem inländischen Markt widmet. Dies jedoch völlig unprätentiös und ohne aufwendiges Marketing. Die Gemeinschaftswerkstatt mit Gitarrenbauer Gunnar Örn Sigurðsson in der Brautarholt 22 hat Flair, hier gehen Musiker des isländischen Sinfonieorchesters ebenso ein und aus wie Studenten und Bandmitglieder.

Jón Marinó sieht sich als Handwerker. “Ich baue Geigen,” lächelt er, “Musik machen die anderen damit. Die Geige klingt ja auch bei jedem anders.”

Er lauscht dem Holz, kann es lesen wie ein Buch. Ein Geigenbauer verbringt viel Zeit damit, das Holz zu beklopfen, bevor und während er es bearbeitet. “Dicke, Dichte und Weichheit des Holzes schaffen den Ton. Ich weiss nie vorher, wie die Geige wird. Deshalb müssen Geige und Bogen nach Fertigstellung ihren Besitzer finden. Wie man einen Ehepartner findet. Die meisten Musiker haben eine Geige fürs Leben.”

Seine Augen fangen an zu strahlen, während er das sagt, und man glaubt ihm sofort, dass er sich jeden einzelnen Morgen darauf freut, in die Werkstatt zu kommen.

“Das ist es, was ich wirklich will: Geigen bauen. Alles hat Schwingung. Das Holz, die Saite, der Bogen, der Körper des Musiker. Sie müssen miteinander harmonieren. Mit einer Geige geht man tatsächlich eine Liebesbeziehung ein. Was für ein Zauber ist das bloss?” lächelt Jón, für den es immer noch spannend ist, die Saiten auf das fertiggestellte Instrument zu ziehen oder zu erleben wie sich der Ton einer Holzplatte mit ihrer Bearbeitung verändert.

Geigenbau ist ein sagenhaftes Handwerk. In zeitaufwendiger Handarbeit werden aus unscheinbaren Holzplatten tausende von Spänen gehobelt und ein ätherisch-dünner Hohlraum geformt. “Ein falscher Handgriff und alles ist dahin.” sagt er und legt drei schmale Holzbeitel auf den Tisch. “Mehr als die braucht man eigentlich nicht.” Naja, etwas mehr schon, vor allem aber viel Erfahrung.

Den Rest erledigt die Zeit. Alte Geigen, so sagt er, haben Geschichte und Musik in ihrem Holz, die Zeit habe das Holz ausgeglichen und 'weise' gemacht, die Musik vieler Hände ihre individuelle Schwingung gestaltet. Und er erzählt von einer Stradivari, die er einmal zur Reparatur bekommen hatte. “Da war viel Musik drin, die war so fein, die zitterte förmlich über meiner Stimme.”

Eine neue Geige aber müsse diese Erfahrung erst sammeln. Ein bis zwei Jahre brauche sie allein, um sich zu öffnen. Seine Kunden sind oft junge Musiker, die in ihre erste Geige investieren. “Eine grosse Entscheidung. Das ist wie eine Familie gründen, du hinterlässt als Erster deine Spuren und prägst das Instrument.”

Aber bei aller Bescheidenheit ist Jón Marinó auch Künstler, der für visual artists schon Bügelbretter in Streichinstrumente verwandelt hat, und der an seinen Geigen nur arbeitet, wenn er auch guter Dinge ist. Er meditiert vor Beginn eines jeden neuen Projektes und findet es auch nach all den Jahren immer noch schwer, eine fertige Geige zum Verkauf anzubieten. “Sie sind wie meine Kinder,” gibt er zu. “Ich bin ein schlechter Geschäftsmann.”

Bis zu vier Monate dauert es, bis so ein Streichinstrument fertig ist. Da der Terminkalender für Reparaturen und Restaurationen voll ist, schafft er selten mehr als vier oder fünf Instrumente pro Jahr.

Ein kleiner, feiner Qualitätsbetrieb also, denn bei der Triennale von Cremona, einem internationalen Geigenbauwettbewerb, hatten seine Instrumente Höchstnoten für den Klang erhalten. Doch damit rückt Jón Marinó erst ganz zum Schluss unseres Gesprächs raus. Bei Liebesbeziehung spielen Noten eh keine Rolle.

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