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Parasit oder Reiter? Ein Text von Hinrik Þór Sigurðsson

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Parasit oder Reiter? Ein Text von Hinrik Þór Sigurðsson

Hinrik Sigurðsson bei einem Demoritt im Tölt, ohne Kopfstück. Photo: Hinrik Sigurðsson/Facebook

Der nachfolgende Text ist die Übersetzung eines Facebookpostings von Hinrik Sigurðsson. Hinrik ist Trainerabsolvent und Reitlehrer der Hochschule Hólar, der im In- und Ausland unterrichtet. Hinrik hat sich von einem englischsprachigen Artikel inspirieren lassen und ihn nach einem eigenen Erlebnis verwendet.

“Ich möchte mit einer Warnung beginnen, das hier wird sicher eine kleine Meckereinlage und vielleicht verdammt unbequem für manche, und dann gibt es sicher und hoffentlich auch den ein oder anderen, der über diese Dinge auch schon mal nachgedacht hat …

Ein Teil des Artikels stammt aus einem ausländischen Artikel, den ich kürzlich gelesen habe und gut fand, und ich kannte die Bedingungen so gut, dass ich beschloss, das hier niederzuschreiben.

Vor einiger Zeit habe ich einen Reiter beim Training für ein Turnier, möglicherweise für eine Töltprüfung, beobachtet. Jedesmal, wenn aus dem starken Tempo zurückgenommen werden sollte, warf das Pferd den Kopf hoch und ging gegen den Zügel. Der Reiter zwang das Pferd auf kleine Kreise und zog den Kopf des Pferdes soweit zur Seite, bis die Nase an den Steigbügel reichte, dazu drosch er mit der Gerte auf den Hintern den Pferdes und ritt ein paar Kreise mehr, die aber in forschem Tölt, während er so an den Zügeln riegelte, dass der Kopf des Pferdes von rechts nach links wackelte.

Nachdem das Pferd ein derartiges “Training” im Zurücknehmen erhalten hatte, startete der Reiter einen weiteren Versuch. Das Pferd lieferte auch ein gutes Tempoverstärken, doch beim Durchparieren ging wieder der Kopf hoch, wieder ging das Pferd gegen den Zügel. Der Reiter schrie das Pferd an und nahm es wieder in den Schwitzkasten. Er schrie auch seinem Kollegen in der Mitte zu, dass das neue “scharfe” Gebiss, was er gekauft habe, verflucht noch mal überhaupt nicht an dem Pferd funktioniere. Dann riegelte er den Kopf des Pferdes weiter runter und trieb erbarmungslos, als gebe es kein Morgen.

Mich traf der Schlag, wie unglaublich freundlich das Pferd war, das willig versuchte, seine Aufgabe zu erfüllen und die Tempoverstärkungen immer wieder lief, trotz dieser Behandlung durch den Reiter. Es war auch krass zu sehen, dass das Problem welches nach Tempoverstärkung Nr. 2 klar auf der Hand lag, auf jeden Fall der Reiter war, welcher offensichtlich ein selbsternannter Fachmann war, genauso wie der Assistent in der Mitte.

Jedes Mal, wenn das Pferd zurückgenommen wurde, verlor der Reiter sein Gleichgewicht und zerrte im Maul des Pferdes. Das Pferd floh vor dem Schmerz, und der Reiter lehrte es die Machtlosigkeit seiner Reiterei. Der Reiter schaffte es nicht, einen unabhängigen Sitz zu bewahren und klare Hilfen zu geben, und das Pferd zahlte den Preis dafür.

Ich wollte, ich hätte den Mut gehabt, das arme Pferd zu verteidigen, aber ich hatte zu der Zeit nicht genug Selbstvertrauen, mich diesem furchterregenden Reiter entgegenzustellen. Ich sah, wie der Reiter einen Tempowechsel nach dem anderen veranstaltete, und wie er denselben Fehler immer wieder machte, und wie er das Pferd immer wieder für “sein Unvermögen” strafte.

“Hol den Schlaufzügel!” schrie der Reiter seinem Kumpel in der Mitte zu, “er soll den Kopf runtertun.” Mir war zu diesem Zeitpunkt zum Speien zumute, und ich sprach ein stummes Gebet für das arme Pferd, und ging weiter meiner Arbeit nach.

Dieser Reiter war kein Pferdemann, er war ein Parasit. Per definitionem ist der Parasit ein Lebewesen, welches sich am Wirt festsetzt und ihm schadet.

Der Parasit kennt kein Mitleid, und eigentlich ist es ihm vollkommen egal, welche Auswirkungen er auf den Wirt hat. Er nimmt nur, und nimmt, und gibt nichts zurück. Die Beziehung von Parasit und Wirt ist keine Beziehung, vielmehr nimmt und erhält der Parasit alles, nur für seinen eigenen Gewinn und seine Befriedigung.

Parasiten gibt es in unterschiedlichen Ausführungen:

- Cram and Jam (klemmen und treiben), auch bekannt als “Shanghaier”. Der Cram-and-Jam Parasit hält die Zügel so fest wie nur möglich, während er unablässig treibt, um das Pferd “an die Hilfen” zu bekommen und “in den Rahmen” zu stellen, in Panikattacken hebt das Pferd dann manchmal die Vorderbeine höher, was auf den Betrachter faszinierend wirkt, obwohl es dem Pferd schlecht dabei geht.

- Inspektor Gadget Der liebt Ausrüstungsgegenstände und sucht stets nach neuen Schnelllösungen, um das Pferd die Aufgaben ausführen zu lassen, für die es noch nicht bereit ist. Dazu zählen alle möglichen Gebisse, Stosszügel und Zusatzzügel, Hilfszügel, Schlaufzügel und Ausbinder. Ich traf kürzlich einen Reiter, den ich für einen der geschicktesten Reiter des Landes halte, und für einen echten Pferdemann, aber er hatte da wohl einen ziemlich schlechten Tag, denn er nutzte einen Schlaufzügel und zwei Gerten, um sein Pferd zu trainieren.

- Melker oder Riegler. Das sind die, die ihre Hände nicht ruhig halten können, “hochnicken, runternicken”, zur Seite usw., als ob sie eine Kuh melken. Diesen Typ erkennt man leicht, weil die Pferde in der Regel das Maul aufreisen, oder das Kinn auf der Brust tragen, oder den Kopf zur Seite verwerfen. Dieser Parasit hortet Zaubergebisse aller Art und wählt eher knallharte Gebisse, weil die Mäuler seiner Pferde mit der Zeit immer unempfindlicher werden.

- Der Besserwisser. Für gemeinhin eine Person, die entweder schon mal ein paar Reitstunden genommen hat, oder sogar mal ein Turnier gewonnen hat und daher ein selbsternannter Spezialist im Fach geworden ist. Er hat sich sogar an die Fersen derer geheftet, die auf jahrzehntelange Erfahrung zurückblicken, hält sich selbst aber für nicht ganz so gut. Dieser Typ gibt oft Reitunterricht. Ich habe an dieser Gruppe besonderes Interesse, schenke ihr aber nur wenig Glauben.

Und dann gibt es den Wochenendreiter, der den alten Blesi ein- oder zweimal im Sommer von der Weide zieht, um auf seinen Rücken zu klettern und einen knackigen vierstündigen Ausritt auf dem untrainierten Pferd zu unternehmen.

Der echte Trainer hat keine Angst vor den Mühen, die es braucht, um ein guter Trainer zu werden, er investiert viele Jahre der Arbeit darin, ein gutes Gleichgewicht und einen unabhängigen Sitz zu erlangen, er sucht danach, das Pferd zu verstehen, und wenn “Verhaltensprobleme” auftauchen, packt sich der echte Trainer an die eigene Nase und sucht nach Gründen, bevor er körperliche Mängel beim Pferd sucht, welche sein Verhalten erklären sollen.

Der wahre Trainer baut eine Beziehung zu seinem Pferd auf und möchte sichergehen, dass sich das Pferd mit der auszuführenden Arbeit wohlfühlt. Er arbeitet auch damit, das körperliche Vermögen des Pferdes zu verstehen, und möchte, dass das Pferd geistig in der Lage ist, die Aufgaben auszuführen, die von ihm verlangt werden. Er vertraut nicht auf Hilfsmittel, weil er genau weiss, dass Hilfsmittel in 99 Prozent aller Fälle folgendes tun:

1. Schlechtes Reiten verbergen

2. Löcher in der Ausbildung deckeln

3. Das Pferd nötigen, auf Hilfen zu reagieren, obwohl es nicht dafür bereit ist

Es ist daher eine feine Sache, sich diese schwere Frage selbst zu stellen:

Bin ich Parasit, oder bin ich Reiter?

Wenn du das nächste Mal vor einem “Verhaltensproblem” mit deinem Pferd stehst, hilft es, das Gesamtbild zu betrachten. Mache ich was falsch? (Sitz, Hände, Hilfen) Fühlt sich das Pferd schlecht? Habe ich das Pferd körperlich und geistig auf seine Aufgabe vorbereitet? Fordere ich Dinge, die ich selbst nicht kann?

Ich sage nicht, dass wir perfekt sein sollen. Ich habe viele Fehler im Training gemacht und mache immer noch welche. Ich bin bisweilen unfair gewesen und hab das Pferd meine Ohnmacht spüren lassen.

ABER, in all den Jahren, in denen ich Pferde trainiert habe, habe ich mich weitergebildet und lerne in jeder Woche etwas Neues dazu. Ich habe einen offenen Geist und arbeite immer weiter daran, meine Technik zu verbessern, und suche nach Wegen, mich meinem Pferd noch besser verständlich zu machen. Ich versuche immer, daran zu arbeiten, dass sich das Pferd besser fühlt, und noch williger und froher mit mir arbeitet.

Unsere Pferde sind ein Geschenk der Götter, und die meisten zeigen Leistung, bis sie Schmerzen haben, und selbst dann machen sie noch weiter.

Das Mindeste was wir für unsere Pferde tun können, ist das Reiten lernen im Gleichgewicht, mit unabhängigem Sitz und klarer Hilfengebung, ohne auf Hilfsmittel zu vertrauen, um ein angepeiltes Ziel zu erreichen.

Lasst uns aufmerksam sein für das, was das Pferd uns zu sagen hat, und alle haben was davon. Wenn wir Reiter sind, und nicht Parasit, erreichen wir eine Beziehung auf tiefer Ebene zum Pferd, und können uns über viele gute und schöne Jahre mit unserem Pferd freuen.

Das Foto beschreibt auf gute Weise, welche Art von Reiter ich gerne verkörpern möchte."

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