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Zungenfehler. (Ein Kommentar)

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Zungenfehler. (Ein Kommentar)

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Es war nur eine kleine Meldung auf der unübersichtlichen Webseite der FEIF, welche wohl kaum die Runde gemacht hätte, wenn die isländische Reitmeisterin Mette Manseth sich nicht öffentlich gewundert hätte, warum nach zwei Jahren des Verbots eine umstrittene Gebissart wieder zugelassen werden soll. Mettes Beobachtungen von der letzten WM, die sie in ihrem Brief formuliert, lassen darauf schliessen, dass wir im Spitzensport auch weiterhin nicht vom “feinen Reiten” sprechen dürfen.

Die Antwort der FEIF auf Mettes Brief steht nun da als Respektlosigkeit in mehrfacher Hinsicht.

Sie ignoriert ganz offen die im Jahr 2012 mit grossem Aufwand und persönlichem Engagement betriebene Studie von einem Team rund um Dr. Sigríður Björnsdóttir an 424 Turnierpferden beim Landsmót und Íslandsmót – beides keine Dorfturniere, sondern Wettkämpfe auf Weltklasseniveau – und argumentiert, dass “Kontrollen während der vergangenen zwei Jahre keine ausreichende Grundlage böten, die Gruppe der Hebelgebisse mit Zungenfreiheit generell zu verbieten”.

Diese Aussage wirft Fragen auf. Wieviele Pferde sind kontrolliert worden? Wieviele Maulverletzungen sind gefunden worden? In welchen der zahlreichen FEIF-Mitgliedsstaaten wurden welche Verletzungen festgestellt?

Statt ihre Entscheidung mit Fakten zu untermauern, schiebt die FEIF den schwarzen Peter auf den Reiter, in den allermeisten Fällen in seinem Fach gut ausgebildet, turniererfahren und hochdekoriert, der nicht in der Lage sein soll, sein Pferd sachgerecht auszurüsten und mit Unterstellungen wie “Passt das Gebiss?” oder “Ist der Zügel richtig eingehakt?” auf Anfängerniveau geschoben wird.

Wo sind denn die Ringstewards, die auch schon vor der Gebissdiskussion die Aufgabe hatten, das Tun und Wirken von Reitern auf dem Abreiteplatz zu überwachen? Hat die FEIF es möglicherweise in der Vergangenheit versäumt, die Position ihrer Ringstewards zu stärken, weswegen sie niemand ernst nimmt? Ein falsch verschnalltes Gebiss oder ein in die Ohren eingehakter Zügel sollte den Abreiteplatz doch gar nicht erst verlassen können.

Und dann warten wir gespannt darauf, wie Funktionäre der FEIF kontrollieren wollen, ob ein Reiter überhaupt die nötige Erfahrung für den Gebrauch eines Gebisses mitbringt.

Mal ganz im Ernst. Niemand zweifelt mehr die reiterlichen Fähigkeiten von Leuten an, die es bis zur Weltspitze geschafft haben, vielmehr ist wohl auch dem letzten Beobachter des Turnierbetriebs klar geworden, dass vor allem Notengebung und die fehlende Umsetzung der Richtlinien dafür verantwortlich sind, wie Turnierteilnehmer ihren Zügel hinter einem Gebiss verwenden. Auf gut deutsch gesagt: zieht man am Zügel, erreicht man Aufrichtung und mehr Vorhandaktion, das gibt dann höhere Noten.

Genau dieser Umstand wird ebenfalls in der Studie zu Maulverletzungen kritisch angemerkt: “Die Ergebnisse werfen auch Fragen auf zur Kopf- und Genickhaltung, die von Turnierpferden verlangt wird.

Vor allem aber ist die FEIF-Antwort respektlos dem Pferd gegenüber, welches einmal mehr eben nicht unseren Zweifel geniesst, sondern wieder warten und leiden muss, bis ein Turniertierarzt die offene Verletzung entdeckt, die möglicherweise ja nur das Ergebnis einer Serie von Misshandlungen durch ein Gebiss ist, welches wissenschaftlich belegt als Übeltäter längst identifiziert werden konnte.

Das Pferd hat ganz offensichtlich eine kleinere Lobby als seine Zungenfreiheit. Es bekommt stattdessen ein Leckerli aus dem “Wir wollen alle schöner reiten”-Sack zwischen die Zähne geschoben, ohne zu verstehen, warum ihm vor wenigen Minuten noch ein Gebiss Schmerzen auf den Laden zugefügt hatte.

Wenn die FEIF es wagt, in ihrer Entscheidung eine veröffentlichte Studie an mehr als 400 Turnierpferden im Spitzensport einfach zu ignorieren, hat sie den Pferden gegenüber die Verpflichtung, jetzt in Vorlage zu treten, und ihrerseits flächendeckend in allen Mitgliedsstaaten eine Maulkontrollstudie durchzuführen, um die isländische Studie entweder zu widerlegen oder zu einem Ergebnis zu kommen, welches die unseligen Zungenfreiheitsgebisse endgültig von der Tagesordnung unserer sportlichen Wettkämpfe verschwinden lässt.

Dagmar Trodler

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