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Die zeitlose Gerberin

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Die zeitlose Gerberin

Photo: Lene Zachariassen/privat

In ihrer Werkstatt im Eyjafjörður steht die Uhr auf zehn Minuten nach zehn. Öffnungszeiten gibt es keine. Lene Zachariassen lebt mit den Jahreszeiten und der Natur, Zeit ist Nebensache. Zeit ist viel eher ein Rhythmus, den ihr der Rohstoff vorgibt, mit dem Lene ihre Tage verbringt: die gebürtige Norwegerin ist nämlich Gerberin, die einzige vollberufliche Gerberin ausserhalb des Gerbereibetriebs in Sauðárkrókur.

Vor etwa 35 Jahren war sie als junge Studentin gekommen, um im Rahmen eines Projektes im Svafarðadalur Bäume zu pflanzen. Wie das Leben so spielt, lernte sie einen Mann kennen, und blieb, für lange Jahre als Schafbäuerin im Skíðadalur. Einsamkeit, mangelnde Sprachkenntnis und lange Winterabende brachten sie dazu, sich mit den alten Handwerkstraditionen der Isländer auseinander zu setzen. Spinnen, Weben, die Verarbeitung von Pferdehaar in Flechtarbeiten – und das Nutzen der Häute nach dem herbstlichen Schlachten.

Für die Tochter eines Entwicklungshelfers, die in Afrika aufgewachsen ist, hat die Natur nichts Widerwärtiges, vielmehr tragen alle Dinge unter der Sonne einen Zauber in sich und regen Lenes Phantasie an. Sie fertigt bunte Lampions aus Fischhaut, spinnt Hundehaar, dreht Lederbänder aus gefärbter Kuhhaut und schleppt auch schon mal eine Rentierhaut im Rucksack herunter ins Tal, wenn sie findet, dass das vom Jäger getötete Tier bewahrt werden sollte.

Das Gerbehandwerk hat sie von der Pike auf gelernt. Ursprünglich verarbeitete sie nur die Felle ihrer eigenen Schafe, heute gerbt sie so ziemlich alles, was ihr über den Weg läuft, von der Maus über die Lieblingskuh bis zum Eisbären. Jedes dieser Felle verlangt Respekt und äusserste Hinwendung, immerhin verbringt man ziemlich viel Zeit mit so einem Fell. Sie benutzt keine Maschinen, alles wird von Hand gearbeitet. Oft kennt sie die Tiere selbst, oder weiss Geschichten darüber, kennt den Bauern, der ihr das Fell zum Gerben bringt, und wie er seine Tiere behandelt. Pflanzenreste in der Wolle verraten ihr, wo das Schaf in den Bergen gewesen ist, und manchmal lässt sie die Pflanzen im Fell. Andere Felle schmückt sie nach norwegischer Tradition mit aufwendigen Ornamenten auf der Lederseite.

Manche der Felle davon verkauft sie, manche dieser hervorragenden Arbeiten behält sie auch, oder gibt sie erst weg, wenn ihr der richtige Mensch über den Weg läuft. Persönliche Färbung ist auch Kern ihrer Kurse, die sie immer mal wieder im Land abhält, ob nun für das Flechten von Pferdehaar, oder fürs Gerben. In den zwei Tagen lernt man noch ganz andere Dinge von dieser feinsinnigen Frau mit den grossen, kräftigen Händen, die so Wundersames vollbringen. Vor allem lernt man etwas über sich selbst und über den eigenen Umgang mit dem Tod.

Lene hat nicht nur den Isländern das Gerben ihrer eigenen Felle wieder beigebracht. Die Norwegerin ist auch viele Male nach Ostgrönland gereist, um dort im Rahmen eines Kulturprojektes Frauen die vergessene Handwerkskunst zu lehren. Sie animierte sie dazu, die Wolle der Moschusochsen zu sammeln und lehrte sie das Spinnen des wertvollen Rohstoffs. Die Wolle der Moschusochsen nimmt bis zu 80% Feuchtigkeit auf und ist gleichzeitig eine der leichtesten Wollfasern der Welt. Auch das Gerben der Häute erlegter Moschusochsen stand auf dem Programm.

Wenn du nach Grönland fliegst, musst du Zeit mitbringen, sagt Lene. Du weisst ja nicht, ob ein Schneesturm deinen Flugplan durcheinanderbringt und wie lange du dann in einem Dorf festhängst. Das passt ganz zu ihrer Philosophie der Zeitlosigkeit, die begann, als sie vor vielen Jahren ihren festen Arbeitsplatz verliess und sich der Kunst des Gerbens ganz widmete. Will man sie besuchen, schaut man halt einfach vorbei in der alten Fabrikhalle von Hjalteyri im Eyjafjörður.

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