Reykjavík
-1°C
SSE

Lohndumping in Reittourbetrieben untersucht

Nachrichten

Lohndumping in Reittourbetrieben untersucht

Photo: Dagmar Trodler

In der isländischen Reittourismusbranche werden nicht immer tarifgerechte Löhne gezahlt. Eine entsprechende Erhebung hat das Magazin Stundin nun mit einer fingierten Bewerbung durchgeführt. Eine fiktive Sara Larsen aus Dänemark hatte sich bei einer Reihe von isländischen Reittourunternehmen schriftlich als Rittführerin beworben, die Antwortschreiben wurden von Stundin ausgewertet.

Wie das Magazin berichtet, luden unter anderem die Unternehmen Sólhestar in Borgargerði, Geysir Hestar im Bláskógabyggð, Hestasport in Varmahlíð und Alhestar in Þorlákshöfn Sara ein, bei ihnen zu einer Bezahlung weit unter dem gesetzlichen Mindestlohn zu arbeiten.

Bei den Unternehmen gab es Schichten mit täglich bis zu 10 und mehr Stunden Dienst, einen freien Tag pro Woche, mancher Arbeitgeber will auch erst mal drei Wochen lang schauen, ob der Bewerber sich für die harte Arbeit eignet.

Bei der Unterbringung finden sich vom Doppelzimmer bis zum Recht auf ein eigenes Bett alle Varianten. Ein Unternehmer bietet Unterkunft in seiner eigenen Wohnung an, Badbenutzung inklusive.

Die Bezahlung variiert von monatlich 30.000 ISK (247 EUR) plus Verpflegung über 80.000 ISK (658 EUR) mit vielleicht etwas mehr in der Hochsaison (Verpflegung etc. muss auf diesem Hof selber gekauft werden), mancher zahlt 120.000 ISK (987 EUR). In einem Fall wird kein Lohn, dafür gutes Essen und Unterbringung angeboten, da beides in Island sehr teuer sei, ausserdem gehöre man zur Familie. Andere Unternehmen können nur bezahlen, wenn der Betreffende etwas länger dort arbeitet, oder die Arbeit wird "bei den Pferden helfen" genannt und nicht bezahlt. Auch Arbeitskräfte, die über einen Schüleraustausch, oft aus den nordischen Ländern kommen, werden nicht bezahlt. Mancher meldete seine Angestellten in Island auch erst nach einer Beschäftigungsdauer von drei Monaten an. Ein Anbieter macht kein Hehl daraus, dass die unterbezahlte Arbeit verantwortungsvolle und schwere Aufgaben beinhaltet.

Im Link kann man einige der in englischer Sprache verfassten Antwortschreiben der Unternehmen nachlesen.

Nur wenige Unternehmen boten eine tariflich korrekte Entlohnung an, darunter Íslenski Hesturinn, Vík Horse Adventure, Abbi Island, Traðir og Eldhestar.

Stundin hat die Lohnkosten zweier Unternehmen miteinander verglichen. Bei Sólhestar und Íslenski Hesturinn sind jeweils 12 Personen beschäftigt, die Lohnkosten bei Erstgenanntem liegen bei 17 Mio ISK, Íslenski Hesturinn hat Lohnkosten von 55 Mio ISK. Es fehlen also 38 Mio. ISK - nicht nur in der Tasche der Pferdemädchen.

Der isländische Gesetzgeber lässt Freiwilligenarbeit nur dann zu, wenn es sich um Beschäftigung im humanitären Sektor handelt, für Hilfsorganisationen, in Naturschutzverbänden oder für Arbeiten, die sonst niemand übernehen würde.

Auf der Webseite der isländischen Arbeitnehmerbewegung Alþýðusamband Íslands wird darauf hingewiesen, dass unbezahlte Beschäftigung in einem wirtschaftlichen Arbeitsverhältnis – also Produktion und Verkauf von Waren oder Dienstleistungen mit dem Ziel, Profit zu erwirtschaften und mit anderen Unternehmen in der gleichen Branche in Wettbewerb zu treten – ein untragbares Lohndumping darstellt. In dem Zusammenhang werden Reittouranbieter besonders als Beispiel für wirtschaftliche Betriebe genannt, in denen häufig unbezahlte Beschäftigung gegen alle Regeln verstösst.

Unterkunft und Verpflegung können natürlich einen Teil des Lohnes darstellen, indem der Arbeitgeber die Kosten dafür vom Lohn abziehen darf. Dies ist jedoch nur sehr begrenzt und im Rahmen des geltenden Tarifvertrags möglich, wenn ein Arbeitsvertrag unterschrieben wurde und ein entsprechender Lohnzettel mit sämtlichen aufgeführten steuerlichen Abzügen ausgehändigt wird.

Werden Kost und Logis vom Lohn abgezogen, bedeutet dies für den Staat Mindereinnahmen, wie Sveinn Elís Hansson in einem Text des Kvennablaðið vorrechnete, denn der Arbeitgeber führt nur vom ausgezahlten Lohn Steuern und Lohnnebenkosten an den Staat ab. Am Ende bedeutet das für den Beschäftigten weniger Geld, etwa aus der Rentenkasse. Ein dreimonatiger Pferdemädchenjob mag da nicht ins Gewicht fallen, er gewährt jedoch die gleichen Rechte wie eine jahrelange Anstellung.

Hier und hier kann man die Rechte von Arbeitnehmern in Island in englischer Sprache nachlesen.

Hier gibt es den Tarifvertrag aus der Landwirtschaft, der für Beschäftigungsverhältnisse auf Gestüten und Höfen herangezogen werden kann.

Das Thema Lohndumping im Pferdebereich war schon im Jahr 2016 in den isländischen Medien aufgetaucht.

More news

Booking.com

Please consider supporting Iceland Review

IR Online

€3

Support

per month
IR Online

€5

Support

per month
IR Online

€10

Support

per month
IR Magazine

€55

For 6 Issues

per year

DIE IN DIESER RUBRIK VERÖFFENTLICHTEN BEITRÄGE GEBEN NICHT ZWANGSLÄUFIG DIE MEINUNG DER REDAKTION ODER DES HERAUSGEBERS WIEDER.