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„Liebe Isländer“

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„Liebe Isländer“

liebe-islander_huldar-breidfjordAls in Island lebender Ausländer kann man sich nur schwer vorstellen dass es Einheimische gibt, die ihr Land nicht kennen. Die sich nur in den Bars und Shops auf dem Laugarvegur herumtreiben und gepflegt langweilen. Auf dieser spannenden, naturschönen, wundervollen Insel?!

Der Literaturwissenschaftler und Journalist Huldar Breidfjörd ist einer von ihnen. Bis er eines Tages den Entschluss fasst, diesen Zustand zu beenden, seine Insel kennenzulernen und ein Buch darüber zu schreiben.

Er startet seine Reise in einer Jahreszeit, wo kein normaler Mensch freiwillig vor die Tür geht, geschweige denn eine unnötige Autofahrt unternimmt.

Freund und Begleiter auf dem Trip ist ein uralter Geländewagen, den er als Wohnmobil umfunktioniert, denn – typisch Isländer – muss er den Harten geben und plant, im Januar statt in Hotels in seinem Auto zu kampieren.

Ein wenig weinerlich ist dieser Typ ja schon, unmännlich und gar nicht so, wie man sich einen Wikinger vorstellt, der sich aufmacht, der grausamen Natur zu trotzen, wie es seine Vorväter vor tausend Jahren schon taten.

Man nimmt auch ein wenig fassungslos zur Kenntnis, dass es blanke Langeweile ist, die diesen Warmduscher aus seiner Reykjavíker Bar in den eisigen Januar treibt, der – machen wir uns doch bitte nichts vor – der allerletzte Monat in Island ist, wo man ernsthaft auf Reisen geht.

Alles ist leidinlegur – langweilig, wie der Isländer das Gegenteil von skemmtilegur – unterhaltsam, bezeichnet: Strassen, Landschaft, Wetter. Und Menschen? Menschen trifft man kaum.

Ganz grossartig beschreibt Breidfjörd, wie unglaublich schwierig es sich selbst für einen Einheimischen gestaltet, mit den eigenen Landsleuten ins Gespräch zu kommen, und wie lange es dauert, bis er hinter die Regeln von Kommunikation und gesellschaftlichem Umgang kommt.

Er nimmt uns mit an bizarre Orte in den Westfjorden, wo Verkäuferinnen menschenleere Dörfer bewachen und ihr Leben „völlig in Ordnung“ finden, er zeigt uns Haushalte, wo das Fernsehen als Kaminersatz fungiert und wo man lernt, wie Gesellschaft auf dem Lande funktioniert – nämlich völlig anders als wir es uns jemals ausmalen würden – und er schreibt detailbesessene Drehbuchanleitungen für Gespräche mit wortkargen Landbewohnern.

Natürlich bricht ihm das Auto unterm Hintern zusammen. Natürlich beherrschen amüsante Werkstattabenteuer so einige Buchseiten, natürlich haben Hotelbetten eine grössere Anziehungskraft als die Pritsche des Lappländer-Jeeps – das haben wir ja alles geahnt.

Dennoch schmökert man sich mit einer Mischung aus ungläubigem Kopfschütteln und liebevollem Lachen durch die Geschichten und Stories einer real existierenden Welt, die ein sehr eigenwilliger Forschergeist aufgestöbert hat.

Dem Buch fehlt jegliche Naturverbundenheit und Islandromantik, wie man sie als Tourist suchen mag. Stadtmensch Huldar hat keinen Draht zur Natur.

Das Buch ist ja auch kein Reiseführer, nicht einmal ein Reisebericht im herkömmlichen Sinn. Selbst die Sinnsuche des Erzählers tritt in den Hintergrund – jeder weiss von sich selber, dass man auf Reisen immer mit sich selber konfrontiert wird und das Nachdenken beginnt.

Huldar schafft nicht einmal das besonders überzeugend, wie er nach einer Nacht nackt vor dem Fenster seines Hotels am Mývatn feststellen muss.

Sein Blick ist so sehr von praktischen Problemen bestimmt, dass man fast Mitleid empfindet darüber, wie er Dinge zu hassen beginnt, für die andere viel Geld hinlegen um sie zu erleben. Die Verpackung der angeblichen Zauberinsel Island in launische Bemerkungen lässt einen immer wieder loslachen, oder grinsend nicken, weil man ähnliches erlebt hat.

Trotzdem kommt er dem Leben immer näher, je mehr sich seine Reise dem Ende neigt. Er würde Leben und Menschen finden, wenn er nur die Zeit hätte, ein paar Tage in Küchen zuzubringen.

In den Küchen trifft man sie, und es bleibt eine Kunst, in diese Küchen zu gelangen: mal ist es einfach und man wird eingeladen, mal schlagen sie einem die Tür vor der Nase zu.

„Dieser ständige Kampf um Nähe und Distanz, ist vielleicht so ähnlich, wie Isländer zu sein,“ schreibt Huldar an seinen Freund Stebbi, und seine Vision von einer Beziehung zur schüchternen Verkäuferin, die „immer starrköpfig, verschlossen und unberechenbar bleiben wird“, ist das passende Bild dazu, denn: „Du weisst, du bist im Grunde genauso.“

Und so ist am Ende dieses Buches ein leises, herb-charmantes Lied über Huldar Breidfjörds Landsleute entstanden, dessen Melodie noch lange in den Ohren des Lesers nachklingt.

Der Roman „Liebe Isländer“ von Huldar Breidfjörd ist 2011 im Aufbau-Verlag erschienen. ISBN 978-3-351-03341-5

Dagmar Trodler[email protected]www.dagmartrodler.de

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