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Heringsschuppe in der Stirnlocke

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Heringsschuppe in der Stirnlocke

heringsschuppe01„Wer leise Töne und alte Schwarzweissfotos mag, wird Gefallen an diesem Buch finden“ – diesen Satz notierte ich, nachdem ich „Das Glitzern der Heringsschuppe in der Stirnlocke“ von Óskar Árni Óskarsson etwa zur Hälfte gelesen hatte. Ein etwas hilfloser Satz, denn noch fehlte mir der rote Faden. Dann kamen die Stichworte „Kaleidoskop“ und „Miniaturen“ hinzu und signalisieren, dass ich mich allmählich in das Buch hineinfand.

Welche falschen Erwartungen erschwerten mir anfangs den Zugang? Titel und Titelbild hatten mich wohl auf eine Familiensaga eingestimmt. Eine Saga, die teilweise in Siglufjördur spielen sollte, dem Ort im Norden Islands, der mich im Winter so begeistert hatte.

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Ausblicke in Siglufjördur. Foto: bv.

Doch das Buch heisst auf Isländisch „Silhouetten einer Reise“ (Skuggamyndir úr ferdalagi) und dieser Titel passt sicherlich besser zu meinen Stichworten als zu meinen Erwartungen.

Der Autor unternimmt im Sommer 2005 nach einer schweren Erkrankung eine Reise durch Nord- und Ostisland auf den Spuren seiner Familie und seiner Kindheit.

Kurze Kapitel mit Beobachtungen und Erinnerungen führen quer durch die Zeit, eingestreut sind Zitate aus Büchern und Briefen.

Im Zentrum stehen die früh verwitwete Grossmutter Stefanía, die in Siglufjördur Heringe einsalzte und ihre Kinderschar durch eisig kalte Frostwinter brachte, sowie ihr Bruder Magnús. Unter dem Künstlernamen Örn Arnarson veröffentlichte er einen einzigen Gedichtband, „Illgresi“ (Unkraut), der ihn landesweit berühmt machte.

Anfänglich folgen wir der Reiseroute des Autors. Im zweiten Teil, der sich vornehmlich mit Magnús beschäftigt, finden wir uns plötzlich in Hafnafjördur wieder (also bereits im Grossraum Reykavík).

Hat der Autor seine Reise beendet ohne uns Leser davon zu unterrichten? Nein, er meldet sich noch einmal auf dem Rückweg nach Reykjavík von einem Zwischenstop im Südland. All das verwirrte mich. Auch die alte Karte auf der Innenseite des Einbandes ist zwar schön anzusehen, dient aber kaum der örtlichen Orientierung.

Zurück in Reykjavík hat Óskarsson eine letzte Begegnung mit dem Freund Geirlaugur Magnússon, den er zu Beginn seiner Reise in Saudárkrókur besucht hatte. Der Lyriker, der lange gegen seine Krebserkrankung angekämpft hat, liegt im Sterben.

Es ist ein Foto von diesem Freund, das mir den Zugang zum Buch eröffnet hat: Geirlaugur beim Mitternachtsspaziergang mit Kerze. Doch die Nacht ist taghell, darüber können auch die beleuchteten Häuser und Strassen von Saudárkrókur im Hintergrund nicht hinwegtäuschen.

Geirlaugur wendet dem Betrachter den Rücken zu, man sieht aber die kleine Kerze, die er vorsichtig durch die Nacht trägt. Licht ins Dunkel kann sie nicht bringen – und auch eine Schattensuche scheint vergeblich.

Und dennoch: Man darf nicht nachlassen zu suchen – das signalisiert mir Geirlaugurs Haltung und hilft mir, mich stärker auf die skizzenhafte Struktur des Buches einzulassen.

Ich folge seinen Spuren im Internet. Geirlaugur Magnússon – keiner der bekannteren isländischen Schriftsteller – lebte als Lehrer, Übersetzer und Publizist in Saudárkrókur und hatte einige Gedichtbände veröffentlicht.

War Lehrer, Mentor und Freund von Gyrdir Elíasson, der bis 1982 in Saudárkrókur die Schule besucht hatte und dessen Buch „Eichhörnchen auf Wanderschaft“ ich kürzlich hier im Kulturblick vorgestellt habe.

Geirlaugur Magnússon hatte in den 60er Jahren in Moskau und Prag studiert. „... unsere Revolutionen / die grünen, die roten, die melodienreichen / so nah das fern Herbeigesehnte“ heisst es in seinem Gedicht „Genosse Sperling“, das mit den Worten beginnt „Bewahre deine Fussspuren und meine Flügelschläge“. Zerplatzte Illusionen, beharrliche Hoffnung, Erinnerungen...

Doch ich schweife ab.

Man muss sich bei Óskarssons Texten auf die „Heringsschuppe“ einlassen, auf die kleine Form, auf knapp erzählte Episoden – ob es sich um eine tragische Begebenheit wie den Tod des Urgrossvaters oder eine lustige Geschichte wie die vom Lakritze-Dreirad handelt.

Das von Betty Wahl sorgsam übersetzte und vom Transit-Verlag ansprechend gestaltete Buch hat sogar einen Anmerkungsteil, der jedoch – zumindest für das deutsche Lesepublikum – unvollständig ist. Nichts findet sich darin über Geirlaugur Magnússon oder Jón Gunnar Árnason.

Fast jede und jeder Islandreisende kennt die Skulptur Sólfar („Sonnenfahrt“) in Reykjavík, doch wem ist schon der Name des Künstlers Jón Gunnar Árnason geläufig?

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Sólfar („Sonnenfahrt“) in Reykjavík, Foto: bv.

Nonni, wie er als Kind genannt wurde, war der Vetter von Óskar Árni Óskarsson, und in der Mitte des Buches findet sich eine schöne Episode zu Stefanía, Magnús und Nonni und ein eindrucksvolles Foto des Sonnenfahrt-Künstlers.

Ich habe diesmal, was ich sonst vermeide, während der Arbeit an der Buchbesprechung eine andere gelesen, geschrieben von dem jungen isländischen Literaturwissenschaftler Hjalti Snaer Aegisson.

Er vermerkt, dass acht der 60 Kurzprosatexte bereits in früheren Veröffentlichungen Óskarssons auftauchen. In Deutschland würde man einen Autor gleich der Einfallslosigkeit und des Text-Recyclings bezichtigen.

Auch Aegisson stellt die Frage, ob es sich hier um alten Wein in neuen Schläuchen handele, verneint aber energisch. Es gehe um eine andere Perspektive, um Re-Interpretation und neue Zusammenhänge.

Wir haben keine Möglichkeit, dies nachzuvollziehen, da es die erste Übersetzung eines Buches von Óskarsson ins Deutsche ist, aber ich finde, es ist auch nicht wichtig.

Wichtig ist mir, dass Aegisson meine Empfindungen beim Lesen des Buches genau trifft. Ich schliesse deshalb meine Besprechung mit der Übersetzung des Schlusses seiner Rezension (der wiederum Verse von Óskarsson einschliesst):

„Óskar Árni Óskarsson nimmt uns mit auf eine Reise windwärts voran von einer Empfindung / zu einer anderen – von ihm begleitet kommen wir zu immer neuen Türen und

mit einem Mal

öffnen sich die Türen

zwischen Welten,

wie es in dem alten Gedicht heisst,

der Welt so viel grösser

als in deiner Erinnerung.“

Bernhild Vögel – [email protected]www.birdstage.net

Hier, auf der Seite von Sagenhaftes Island, lesen Sie mehr zum Autor Óskar Árni Óskarsson.

Und hier finden Sie ein paar Notizen zu dem ebenfalls im Transit-Verlag erschienenen Roman „Taxi 79 ab Station“ von Indridi G.Thorsteinsson.

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