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Auf den Spuren des sagensammelnden Vorfahren

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Auf den Spuren des sagensammelnden Vorfahren

In Deutschland kennt ihn fast niemand mehr, aber in Island ist der Rechtsgelehrte und Sagensammler Konrad Maurer, der vor über 150 Jahren Island bereiste, immer noch wohlbekannt und zählt zu den prominenten „Íslandvinir“, den Freunden Islands.

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Martin Maurer und die Büste von Konrad Maurer in der National- und Universitätsbibliothek, Reykjavík. Foto: Anna S. Ólafsdóttir.

Dass sich Ururenkel Martin Maurer nun in Island auf die Spuren seines Vorfahrens begeben konnte, verdankt er einem sagenhaften Fund in einem Schuhkarton.

Konrad Maurer, 1823 im pfälzischen Frankenthal geboren, wuchs in München auf und verbrachte zwei Jahre seiner Kindheit in Griechenland. Dem Wunsch seines Vaters folgend, studierte er Rechtswissenschaften und erhielt eine Professur an der Universität München.

Sein besonderes Interesse aber galt der Geschichte, Kultur und Literatur der nordischen Staaten und er spezialisierte sich auch beruflich auf nordische Rechtsgeschichte.

Ab 1856 setzte er sich für die Unabhängigkeit Islands von Dänemark ein und unterstützte Jón Sigurðsson in seinem Kampf für Islands Selbstständigkeit.

1858 bereiste er Island und sammelte, beeinflusst von der Arbeit der Gebrüder Grimm, isländische Volkssagen, die er 1860 publizierte. Sein ausführlicher Reisebericht aber blieb unveröffentlicht. Schliesslich begann der Münchner Skandinavistikprofessor Kurt Schier nach dem verschollenen Manuskript zu forschen.

Im Keller von Maurers Enkel in Augsburg fand sich 1975 ein alter Schuhkarton mit Papieren aus dem Nachlass Konrad Maurers, die Professor Schier zur wissenschaftlichen Auswertung erhielt. Darunter war auch die Reisebeschreibung.

Als der isländische Jurist Jóhann J. Ólafsson zwanzig Jahre später von dem Fund erfuhr, bemühte er sich um Übersetzung und Herausgabe des Reiseberichts. 1997 erschien das Buch unter dem Titel „Íslandsferd 1858“ in Island.

„Die erste Auflage war sofort vergriffen: die Isländer haben ein großes Interesse an allem, das mit der Geschichte ihres Landes zu tun hat. Und mich fasziniert die Geschichte nun genauso“, schreibt Ururenkel Martin in seinem Reiseblog, der Martin's Tuckerbag („Proviantsack“) heisst und das interessierte Publikum nahezu täglich mit frischen Reiseeindrücken beliefert.

Hier berichtet Martin auch, die Bayerische Akademie der Wissenschaften, deren Mitglied Konrad Maurer war, beabsichtige die Reisebeschreibung von 1858 nächstes Jahr herauszubringen.

Zusammen mit seinen Eltern Wolfgang und Ingrid kam der 38-jährige Softwareingenieur Martin Anfang Juli 2011 nach Reykjavík. Die Maurers trafen Jóhann J. Ólafsson, Árni Björnsson und weitere Kenner des Werkes von Konrad Maurer.

Martin stiess bei seiner anschliessenden Rundreise durch Island nicht nur auf Orte, sondern auch auf Menschen, die eine Verbindung zu seinem Vorfahren haben. Sigurdur Gudmundsson zum Beispiel lud ihn ins Finanzministerium ein, wo er stellvertretender Generaldirektor ist. Sein Ururgrossvater Ólafur Ólafsson war der Führer von Konrad Maurer gewesen.

Das Reisen in Island im 19. Jahrhundert erforderte expeditionsmässige Vorbereitungen. Es gab weder Überlandstrassen noch Brücken und alle Strecken mussten zu Pferde oder zu Fuss bewältigt werden. Ohne einen Führer, der sichere Furten und Übernachtungsplätze kannte und für Proviant sorgte, konnte sich kein Reisender auf den Weg machen.

Es gab keine Gästehäuser oder gar Hotels; man nahm die Gastfreundschaft von Pfarrern und Bauern in armseligen Torfgehöfen in Anspruch oder schlug sein Zelt in der Einöde auf. Für den Notfall gab es weder Rettungsteams und ärztliche ärztliche Versorgung auf dem Lande. Die Hauptstadt zählte im Reisejahr Konrad Maurers noch nicht einmal 1.500 Einwohner.

Nachfahre Martin braucht keinen Führer und ist mit einem kleinen Mietwagen unterwegs. Auch er erfährt aus Reiseführern, Prospekten und Informationstafeln vor Ort einiges über die alten Volkssagen.

Doch die Geschichte vom Teufel, der im Reimwettbewerb mit einem Isländer unterlag und sich daher von einer Klippe auf der Snaefellshalbinsel stürzen musste, die wurde Konrad Maurer genauer erzählt. Der trollähnliche Teufel hatte nämlich darauf spekuliert, dass die Isländer auf das Wort túngl (Mond) kein Reimwort haben. Der pfiffige Gegner aber hatte eine Lösung parat, zerlegte das Wort úlnlidur (Handgelenk) geschickt in zwei Teile und bediente sich der Alltagsaussprache des Wortes.

Unter den damaligen Reisebedingungen war es sicherlich einfacher als heutzutage, sich die Sagengestalten Islands, Trolle, Elfen (Elben), Wiedergänger und andere Geister vorzustellen. Merkwürdiges allerdings erlebte auch Martin in Nordisland, als ein Fluss neben der Ringstrasse plötzlich bergauf zu fliessen schien.

Wassergeister, so hatte Konrad Maurer in seinem Werk „Isländische Volkssagen“ festgehalten, „lassen sich genetisch ganz entschieden den Elben anreihen“ und treten als Wasserpferde, Ungeheuer (skrímsl) und in verwirrend vielen anderen Gestalten in Erscheinung.

Auch wenn die wenigsten Isländer Mitte des 19. Jahrhunderts noch an Sagengestalten glaubten – die meist mit bestimmten Orten verknüpften Volkssagen waren ihnen präsent und auch Konrad Maurers „trefflicher Führer“ Ólafur Ólafsson, „Häusler zu Reykjavík“, wusste über Sagas und Volkssagen bestens Bescheid.

Er erzählte Maurer, der Sagaheld Grettir habe einst einen steilen Berg zwischen dem Hvalfjördur und dem Skorradalur überquert und daraufhin die Worte gesprochen: „Lítid er thad, sem gangandi manninn dregr ekki“ (Es gibt wenig, was einen zu Fuss gehenden Mann nicht beschwert"). Daher habe der Berg Dragi seinen Namen. Diese Äusserung kommt in der Saga selbst nicht vor, ist aber sprichwörtlich geworden und auch mit einem anderen Ort verknüpft.

Dass neben den schriftlich niedergelegten Sagas auch die mündlich überlieferten Volkssagen Islands überlebten, daran hat der deutsche Forscher Konrad Maurer, der auch den isländischen Sagensammler Jón Árnason ermutigte nicht aufzugeben, einen bedeutenden Anteil.

Hier können Sie das Buch Konrad Maurers „Isländische Volkssagen der Gegenwart“ im PDF-Format herunterladen (Download-Button rechts oben).

Und hier finden Sie den Reiseblog von Martin Maurer

Einen auch visuellen Einblick über Islandreisen im 19 Jahrhundert vermittelt die englischsprachig Internetseite „Travels in 19th Century Iceland

Bernhild Vögel

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krimi2013_seelenGruseliger, härter, blutiger! – Nur so gelangen die als Thriller ausgewiesenen Romane auf die besten Plätze in den Auslagen der Buchhandlungen. „Unbedingt lesen” empfiehlt ein schillernder Aufkleber auf dem Cover der Seelen im Eis.