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Das Gleißen der Nacht

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Das Gleißen der Nacht

sjon_gleissenWer hat nicht schon von einer paradiesisch einsamen Insel geträumt? Aber wohl kaum von einem baumlosen Stück Fels im Nordatlantik. Dorthin nimmt uns Sjón mit in seinem Roman „Das Gleißen der Nacht“, hinein in ein faszinierendes Reich der Erinnerungen, Träume und Visionen.

Ich hatte etwas gezögert, das Buch zu lesen, von dem der Autor selbst angekündigt hatte, es sei in einem ganz anderen Stil geschrieben als „Schattenfuchs“, das wirklich ein Meisterwerk ist.

In der Tat, „Das Gleißen der Nacht“ ist umfangreicher, reiht assoziativ einen Gedanken an den anderen, malt Bilder in einer barocken Sprache und ist dabei von einem klaren, strengen Aufbau getragen. Doch was passiert in dem Roman, der weitgehend auf einer einsamen Schäre spielt?

Jónas Pálmason, den sie den Gelehrten nennen, lebt dort in der Verbannung und spricht in Ermangelung anderer Gesellschaft mit Bruder Fjölmóður, dem Meerstrandläufer. Es ist der Tag der Tag-und-Nacht-Gleiche im Herbst 1635 und wir erfahren, wie alles anfing mit der Gelehrsamkeit.

Jónas Großvater unterhielt auf seinem Hof in den Westfjorden auch eine Schreibwerkstatt. Viele Bücher trafen dort ein, darunter auch Schriften von Paracelsus. Hier erlebte der kleine Jónas auch, wie sich seine Großeltern dreißig Jahre nach der Reformation der „Freizügelei“ widersetzten.

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Marienstatue auf Videy. Foto: bv.

Für die Isländer war die von den Dänen gewaltsam durchgesetzte Reformation zunächst ein „Kulturschock“. Man hatte ihnen die Marienverehrung, ihre nationalen Heiligen und die kirchlichen Zufluchtsstätten genommen. Die Klöster hatten sich um die Kranken und Alten gekümmert; ihre Zerstörung führte im stadtlosen Island zur Verschärfung der sozialen Probleme. Verarmte und Kranke, die bettelnd durch die Landesteile zogen, standen plötzlich vor verschlossenen Türen.

„Nun war die große Freizügelei ausgerufen, und was einer hatte, gehörte ihm allein, nur ihm und den Seinen. Die anderen mochten essen, was der gefrorene Boden hergab“, erinnert sich Jónas.

Und dann erzählt er im zweiten Teil des Romans, zur Sommersonnenwende des Jahres 1636, von seiner Frau Sigga und wie er einen Wiedergänger auf Snæfellnes mit Gedichten bezwang.

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Sjón, „ein Mann von gut vierzig Jahren ..."

Bis ein Mann kommt, „ein Mann von gut vierzig Jahren, in einem Mantel aus steingrauem oder grau gesprenkeltem Tuch und einer Kappe von gleichem Material und Farbe. Und unter dem Schirm der Mütze blitzt ein Auge, das funkelt wie eine gläserne Sonne.“ Er kommt, um Jónas Pálmason nach Kopenhagen zu versetzen und ihn auf den letzten Seiten wieder in seine historische Gestalt als Jón lærði Guðmundsson, Jón den Gelehrten, zu verwandeln.

Sjón benutzt diesen Alias-Trick nicht als Freibrief für Schwadronieren oder Überheblichkeit, er hat sich intensiv mit Biografie und Werk des Jón lærði beschäftigt und entwickelt aus diesem Verständnis heraus respektvoll die Figur des Jónas, sein Weltbild, seine Fantasien und Träume.

Jón lærði Guðmundsson (1574-1658) wurde in den Westfjorden geboren, er war Autodidakt, der sich mit den Wundern der Natur, der Heilkunst, mit Runen und Mythologie beschäftigte, zudem ein begabter Maler und Schnitzer. Die Forschung bescheinigt ihm eine Affinität zum Katholizismus, eine Portion des damals üblichen Aberglaubens, aber auch einen ungewöhnlichen Skeptizismus.

In seinem Gedicht Fjölmóður (Jón führte den unscheinbaren Vogel in seinem Signet) beschreibt er das grausame Massaker an baskischen Walfängern, dessen Zeuge er 1615 wurde. Damit zog er sich den Zorn des Amtsmannes Ari Magnússon zu. Er floh aus den Westfjorden auf die Snæfellsnes-Halbinsel, wo der Propst Guðmundur Einarsson aus Staðarstaður sein weiterer Erzfeind wurde. Auf dem Alþingi 1631 wurde Jón lærði schließlich wegen Zauberei und Häresie geächtet und in die Verbannung geschickt.

Oddur Einarsson, der kurz zuvor verstorbene Bischof von Skálholt, der auch für die Westfjorde zuständig war, hatte die Verfolgung von Zauberern und Hexen befürwortet, doch weder in seiner Amtszeit noch in der seines nachfolgenden Sohnes brannten in der Diözese Scheiterhaufen.

Erst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts fanden sich in Westisland, insbesondere in den Westfjorden, ein paar Pröpste und Amtmänner, die meinten, ein Stück europäischer Unkultur nachholen zu müssen. Die lutherischen Hexenjäger ließen 18 Männer und eine Frau wegen Zauberei verbrennen. Und das makabererweise zum Teil noch während der Amtszeit des gelehrten Bischofs Brynjólfur Sveinsson, der ein Gegner der Zaubererverfolgung war und unter dessen Schutz Jón lærði nach 1638 an seinen wissenschaftlichen Werken arbeiten konnte.

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Blick von Húsey über den Héraðsflói. Rechts am Horizont das Inselchen Bjarnarey. Foto: bv.

Doch zurück zur Verbannungszeit, über die es offensichtlich so gut wie keine schriftlichen Zeugnisse gibt. Jón verkroch sich auf das ostisländische Eiland Bjarnarey zwischen Vopnafjörður und dem Héraðsflói. Neun Hektar klein, dreihundert Meter in jeder Himmelsrichtung, wegloses Festland in verlockender Nähe, doch kein Boot, um die Distanz zu überwinden.

Sjón stattet die karge „Kinderinsel“ mit ein paar Schafen, einem Mäuschen und einer kümmerlichen Hütte aus, in der ein halb verheiztes Bettgestell steht und ein halber Sack Mehl.

Den Mittelteil des Buches bildet der Aufenthalt von Jón alias Jónas in Kopenhagen, wo er dem großen dänischen Naturforscher Ole Worm begegnet, ein Zwischenspiel voller Komik, in dem Jónas nicht selbst zu Wort kommt, sondern unter Beobachtung des Autors steht.

Nach dem vielversprechenden Aufenthalt in Dänemarks Hauptstadt landet Jónas doch wieder auf Bjarnarey und taucht am kürzesten Tage des Jahres 1637 bei klirrender Kälte ab, um auf dem Meeresgrund mit dem vor Jahrzehnten erschlagenen und ins Meer geworfenen Kapitän des baskischen Walfängers ein kurzes Gespräch in dem damals von den baskischen Fischern entwickelten „Esperanto“ aus lateinischen, spanischen und englischen Brocken zu führen.

Das ist eine der Passagen im Buch, wo Sjón den Barock mit den Mitteln des Surrealismus ergründet. Und im letzten Kapitel, zur Tag-und-Nacht-Gleiche im Frühling 1639, lässt er die ganze Insel singen und klingen, ihren goldenen Felsen und ihre Goldhöhle. Doch Jónas ist kein Prospero.

Es gelingt Sjón hervorragend, die schwierige Balance zwischen sprachgewaltigen Visionen und historischer Realität zu halten, zwischen Komik und Tragik, zwischen den Ausflügen in die Naturgeschichte und Weltsicht des 17. Jahrhunderts und der Schilderung der leiblichen Beschwernisse und seelischen Nöte, die den alternden Gelehrten plagen.

Sjón ist fasziniert von Jón lærðis Forschergeist, der nicht nach Unterschieden in der Natur suchte, sondern nach ihren Ähnlichkeiten: Sowohl die Ratte wie die Biene sind Kurzhaarige. „Und genau darin besteht auch die Wirklichkeit des Gedichtes und des Romans, besonders im Surrealismus: Wege zu finden, um Widersprüche aufzulösen“, sagte der Autor in einem Interview mit Pétur Blöndal.

Immer wieder klingt im „Gleißen der Nacht“ das im Prolog so fulminant inszenierte Motiv der menschlichen Gier an, einer Gier, die keine Rücksicht, sondern nur ICH kennt. Ein paar Tage, nachdem Sjón das Manuskript beim Verlag abgegeben hatte, platzte die isländische Bankenblase. Weihnachten 2008 stand Rökkurbýsnir ganz oben auf der Bestsellerliste im krisengeschockten Island. Für mich ein absoluter Lesehöhepunkt zum Ende des Sagenhaften Island-Jahres 2011.

Bernhild Vögel – [email protected]www.birdstage.net

Sjón: Das Gleißen der Nacht Aus dem Isländischen von Betty Wahl S. Fischer Verlag, 288 Seiten, 18,95 Euro

Hier finden Sie Informationen zu Sjón und seinem Werk, und hier ein Interview mit Sagenhaftes Island. In diesem Artikel über Jón finden Sie eine Luftaufnahme von Bjarnarey.

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