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Wenn sich das Butterfass erbricht

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Wenn sich das Butterfass erbricht

1876_82_oswald

Ich bin ein großer Fan von historischer Reiseliteratur. Wie gut, dass es im Internet einen großen Fundus eingescannter Reisebeschreibungen aus dem 18. und dem 19. Jahrhundert gibt.

Mit ihnen kann ich mich auf Zeitreise nach Island begeben, den Spuren eines britischen Dandys oder einer gereizten deutschen Weltenbummlerin folgen, in die Rolle von Naturforschern schlüpfen oder mit Literaturfreunden die Stätten der Sagas erkunden.

Ich bestaune die Ausrüstung der Abenteurer, verfolge ihre Vorbereitungen für die Expedition ins „Landesinnere“. Ein Führer muss in Reykjavík angeheuert und Pferde gekauft oder gemietet werden. Gute Sättel sind wichtig. Wer am falschen Ende spart, bekommt die Auswirkungen bald unangenehm zu spüren. Zwei Reit- und ein bis zwei Packpferde pro Person sind das Minimum.

Die Reisenden suchen zum Übernachten meist Pfarrhöfe auf, wo die kleinen Torfkirchen als Gottes- und Gästehäuser dienen. Wer kein Zelt mitführt, muss damit rechnen, eine Nacht in einer badstofa, dem Gemeinschaftsraum eines Bauerngehöfts, verbringen zu müssen. Auf der Suche nach dem „unaussprechlichen Ort“, wird man, wie der Reisende Winkler 1858 bemerkt, „einfach vor die Haustür gewiesen“ und „kann den Standpunkt nach Belieben aussuchen“.

1861_vogtKirche als Schlafsaal (Illustration aus Carl Vogt: Nord-Fahrt, 1863)

Für prominente Gäste stehen keine Kutschen bereit – auch sie müssen stundenlang im Sattel sitzen, denn befahrbare Wege gibt es nicht. Selbst die so genannten Poststraßen im späten 19. Jahrhundert sind nur holprige Feldwege.

Eine nicht zu große Reisekarawane kann unter guten Gelände- und Wetterbedingungen 50 Kilometer pro Tag schaffen. Gefürchtet sind die Moore, aber der Schrecken aller Schrecken für Mensch und Pferd sind die reißenden Flüsse.

1868_paijkullFlussüberquerung (Illustration aus C.W. Paijkull: A Summer in Iceland, 1868)

Wie gut, dass es da einen gibt, der Brúará, Brückenfluss heißt. Halldór Laxness erzählt im Roman Islandglocke von einer natürlichen Felsenbrücke, die die Frau eines Bischofs von Skalholt zu Beginn des 17. Jahrhunderts abreißen ließ, damit das Bettelvolk nicht zum Bischofssitz gelangen konnte.

Eine schwankende Holzbrücke ersetzte später den Steinbogen. „Diese Brücke reicht aber keineswegs über die ganze Breite des Flusses, sondern nur über einen in der Mitte des Bettes befindlichen Abgrund“, lese ich in der Reisebeschreibung von Preyer und Zirkel.

1834_barrowBrúará (Illustration aus John Barrow: A Visit to Iceland, 1835)
Wer die Brúará glücklich überwunden hatte, war schon fast am Gebiet der Geysire angelangt. Bei dieser Expedition war ein Zelt ein absolutes Muss. Man schlug es direkt neben dem Großen Geysir auf, um auch ja nicht den Ausbruch der launischen Springquelle zu verpassen.

Wenn sich das kochende Wasser ganz aus dem Becken zurückgezogen hatte, stiefelten die Reisenden todesmutig darin herum und spazierten auf dem Rand des Schlundes auf und ab. Manch einer ritzte seine Initialen in einen Stein des Beckens, das – wenn es sich wieder mit Wasser gefüllt hatte – auch als Kochstelle diente. Ein Lammviertel war in zwanzig Minuten gar. Zum gelungenen Dinner stieß man mit Geysirwasser an oder verarbeitete es zu Tee oder Kaffee.

1858_winkler_2Nach der Eruption des Großen Geysirs (Illustration aus: G.G. Winkler: Island, 1861)

Wenn es zu keinen schweren Unfällen kam, ist das wohl nur der Trägheit des Geysirs zuzuschreiben. Törichte Touristen, die selbst in den Kochtopf gerieten, wären allerdings auch nicht mehr in der Lage gewesen, wie John Barrow zu berichten:

„Wir hatten unterwegs einige Goldregenpfeifer und Brachvögel geschossen, die wir im Becken des Großen Geysirs kochen ließen.“

1890_tweedieKochen im Geysir (Illustration aus Alec Tweedie: A Girl's Ride in Iceland,1895)

Ärgerlicherweise arbeitete der Geysir gerade dann nicht, wenn hoher Besuch anstand. Prinz Napoleon, der Sohn des ehemaligen Königs von Westfalen Jérôme, war in Paris zum Problemfall geworden, er hegte allzu demokratische Gedanken und erwarb sich als General im Krimkrieg lediglich den Spitznamen Plon-Plon. So schickte ihn sein Vetter Kaiser Napoleon III im Jahre 1856 auf Nordmeer-Expedition.

prince_napoleon_wikipediaPrinz Napoleon. Ausschnitt aus einem Gemälde von Jean-Hippolyte Flandrin (Q: wikipedia)

Doch zum Ausbruch des Geysirs kam der Prinz ein paar Stunden zu spät – drei Tage oder länger auf den nächsten zu warten, das erlaubte der Zeitplan von Prinzen und Königen nicht. Die für die Reise engagierten Wissenschaftler waren sicherlich wenig begeistert, am nächsten Morgen schon wieder den zweitägigen Rückweg nach Reykjavík antreten zu müssen. Allerdings konnten sie für die notwendigen Berichte auf die wertvollen Beobachtungen und Schlussfolgerungen von renommierten Kollegen wie Monsieur Bunsen (der mit dem Brenner) zurückgreifen.

Auch Christian IX, der erste dänische König, der der abgelegenen Kolonie Island einen Besuch abstattete, kam nicht in den Genuss eines Geysirausbruches. Christian ritt anlässlich der großen Tausendjahrfeier 1874 nach Þingvellir und dann ins Geysirgebiet. Der dritte Höhepunkt des Golden Circle, der Gullfoss, lag damals noch im touristischen Abseits.

Zum Glück gab es den bei einem Erdbeben Ende des 18. Jahrhunderts entstandenen Strokkur („Butterfass“). Er war zwar nicht so imposant wie der Geysir, brach aber auf Bestellung aus. Man musste nur seinen Schlund mit Steinen, Torf und Grassoden befüllen. Das hatte schon dem dänischen Kronprinzen Frederik viel Vergnügen bereitet.

1858_winklerFütterung des Strokkur (Illustration aus: G.G. Winkler: Island, 1861)

Der sechsundzwanzigjährige Frederik war 1834 nach Fredericia verbannt worden, weil er sich seiner ungeliebten Gattin gegenüber ungebührlich verhalten hatte. Erst einmal aber schickte ihn das Königshaus nach Island – ein Strafaufenthalt, den er auf seine „zu freimütige Sprache bei Hofe“ zurückführte.

Da der Große Geysir ruhte, fütterte man für den Prinzen den Strokkur. Das Schauspiel, das das „Butterfass“ bot, wenn es in einem hohen, schwarzen Strahl alles wieder ausspuckte, war allerdings nicht beliebig wiederholbar. Vom Besuch des „Prinzen Nimmersatt“ bekam Strokkur Verstopfung und war über einen Monat lang unpässlich. Möglicherweise waren die Isländer darüber so sauer, dass Frederik, der 1848 zum König Friedrch VII gekrönt wurde, am Geysir keinen Königsstein wie die drei nachfolgenden Regenten erhielt.

1834_barrow_2Schwarze Eruption des Strokkur (Illustration aus John Barrow: A Visit to Iceland, 1835)

Charles Forbes fütterte 1859 den Strokkur zusätzlich mit einer Hammelbrust, die er in sein Ersatz-Flanellhemd gestopft hatte. Zwei Schneehühner steckten in den Ärmeln. Nach vierzig Minuten wurde der Brite etwas nervös und wollte Torf nachlegen lassen. Doch da erfolgte eine gewaltige Eruption...

1859_forbesTitelseite zu Charles Forbes: Iceland; Its Volcanoes, Geysers, and Glaciers.

Vorsichtshalber verbot man den ausländischen Besuchern der Tausendjahrfeier 1874, vor Ankunft des Königs Christian IX den Strokkur zu füttern. Ganz zuverlässig war auch er nicht – hinterlistigerweise hatte er 1856 solange gewartet, bis Prinz Napoleon hinter einem Hügel verschwunden war, um sich dann mit lautem Getöse zu erbrechen.

Der Reisende ist die Keimzelle der Tourismusindustrie. Findige Einheimische ließen sich bei zunehmendem Touristenstrom Steine und Torf schubkarrenweise bezahlen. Der Bauer vom Haukadalur verkaufte 1894 gar das gesamte Geysirgebiet an einen irischen Whiskyhersteller (1935 ging es in den Besitz des isländischen Staats über). Als ein Erdbeben 1896 den Strokkur für Jahrzehnte versiegen ließ, begann man den Großen Geysir zu schmieren.

„Man kann nämlich bei dem Bauern für 10 Kronen einige Pfund Seife kaufen, und der Geysir soll auf die hineingeworfene Seife wirklich reagieren“, berichtete Paul Herrmann, der 1904 vergebens auf einen natürlichen Geysirausbruch wartete.

1861_vogt1Der Große Geysir (Illustration aus Carl Vogt: Nord-Fahrt, 1863)

In einem Reiseführer von 1975 heißt es noch ganz selbstverständlich: „Wenn die Quelle sich einmal gar zu lahm erweisen sollte, genügt es, ein Stück normaler Waschseife hineinzuwerfen. Das nimmt der Geysir übel und bäumt sich gewissermaßen auf.“

Zunehmendes Umweltbewußtsein stoppte den Unfug, zumal auch große Mengen an Seife nichts mehr halfen. Erst ein Erdbeben im Jahre 2000 belebte den Großen Geysir etwas. Und Strokkur arbeitet auch ohne Torf und Steine wieder zuverlässig.

Bernhild Vögel – [email protected]www.birdstage.net

Hier eine Auswahl von deutschsprachigen Reisebeschreibungen aus dem 18. und 19. Jahrhundert, die man bei books.google.de herunterladen kann (die Jahreszahlen beziehen sich auf das Reisejahr, nicht auf das Erscheinungsdatum): Eggert Olafsen / Biarne Povelsen: Reise durch Island (1752-57). Briefe welche eine von Herrn Dr. Uno von Troil im Jahr 1772 angestellte Reise betreffen. Thienemann / Günther: Reise im Norden Europas, vorzüglich in Island in den Jahren 1820 bis 1821. John Barrow: Ein Besuch auf der Insel Island (1834). Ida Pfeffer: Reise nach dem skandinavischen Norden und der Insel Island im Jahre 1845. Pliny Miles: Streifzüge in Island (ca. 1853). Gustav Georg Winkler: Island. Seine Bewohner, Landesbildung und vulcanische Natur (1858). Willlian Preyer / Ferdinand Zirkel: Reise nach Island im Sommer 1860.

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