Reykjavík
-3°C
NE

RIFF 2012 – Eine kleine isländische Filmschau

Kulturblick

RIFF 2012 – Eine kleine isländische Filmschau

riff01Um es gleich vorweg zu sagen: den großen isländischen Spielfilm gibt es dieses Jahr nicht beim RIFF, dem Reykjavík International Film Festival, das am vergangenen Wochenende begann und noch bis Sonntag, 7. Oktober, dauert.

Djúpið (Die Tiefe) von Baltasar Kormákur hatte beim tiff, dem Filmfest in Toronto, Anfang September Premiere und ist am 21. September in den isländischen Kinos angelaufen. Die Zeitpläne für den Kinostart, die von komplexen Marketing-Strategien beeinflusst werden, und das Festival passten nicht zusammen, bedauerte Atli Bollason, der Pressesprecher des RIFF.

riff_djupidKinowerbung für Djúpið in Reykjavík. Foto: bv.

Ich konzentrierte mich auf den Programmteil Icelandic Panorama, d. h. isländische Filme und Kurzfilme sowie Produktionen mit isländischer Beteiligung, die allerdings nicht unbedingt einen Islandbezug haben. Bei Mona, dem ersten Spielfilm der lettischen Dokumentarfilmerin Inira Kolmane sind nur die Kompositionen von Hilmar Örn Hilmarsson isländisch. Es ist eine Parabel über Männer, ihre Sex- und Liebessehnsüchte, über Gewaltphantasien und Bestialität.

The Prophecy of the Seeress (Völvuspá), ein Film von Laurie Schapira, einer Psychoanalytikerin vom C. G. Jung Institute in New York, versucht einen Brückenschlag von der Welt der nordischen Götter zur isländischen Wirtschaftskrise. Das hätte interessant werden können, doch die Handlung ist simpel gestrickt: Ein Manager eilt kurz vor dem Bankenzusammenbruch zu einer Wahrsagerin, die ihm die Tarotkarten legt und sich dabei in die Seherin des eddischen Poems Völuspá verwandelt. Doch der Manager, der die letzte Tarotkarte nicht sehen und vom Untergang der Götterwelt nichts wissen will, eilt hinaus und stirbt auf offener Straße.

Margrét Vilhjálmsdóttir, die die Wahrsagerin/Seherin spielt, ist eine bekannte Schauspielerin, der nachgesagt wird, sie habe im vergangenen Jahr ihr Weißweinglas über dem Haupt von Jón Ásgeir Jóhannesson, einem der führenden Krisenverursacher, ausgeleert. (Der Mann hat auch schon eine Schneeballattacke überlebt.)

Die Götterdarsteller, allen voran Ingvar Eggert Sigurðsson (Kommissar Erlendur in „Nordermoor“ und Páll in „Engel des Universums“) als Odin, werden aufwendig ausstaffiert und zu unheilvoller Musik in Szene gesetzt – ein stereotyper Mix aus Wagner-Inszenierung (19. Jhd.), Hollywood und Saga-Museums-Kostümierung. Dazu wird das geheimnisvolle mittelalterliche Gedicht von der Entstehung der Welt, der Welt der Götter und ihrem Untergang in leicht verdaulichen Häppchen erzählt – immer schön passend zu den Tarotkarten.

riff_prophecyAus dem Trailer zu Prophecy of the Seeress (Weissagung der Seherin),

Gegen Ende verschlingen Zoowölfe Fleischstücke, ein Drache (Marke Schleich o. ä.) fliegt über Reykjavík hinweg und von der Leinwand sprüht die Lavasimulation. Manchem hat's gefallen; für mich waren das 40 Minuten schwer erträglichen Kitsches – ich hätte in der Zeit einen besseren Film sehen können.

Einen Film wie Tralalà beispielsweise, eine poetische Dokumentation über Island, seine Natur und Mythologie, seine Menschen und Probleme kurz vor der Wirtschaftskrise im Jahre 2008. Die italienischen Regisseure Nicolò Massazza und Iacopo Bedogni, die manchmal beängstigend nah mit der Kamera an die Menschen herangehen, setzen beim Zuschauer einiges an Vorwissen voraus.

riff_tralalaAus dem Trailer zu Tralalà.

Vor „Prophecy“ lief – ebenfalls in halber Spielfilmlänge – Eitur í Æðum (Poison). Möglicherweise hat man die Filme nicht nur wegen der Länge zusammengespannt, sondern weil auch Lýður Árnason ein Regisseur ist, der im Hauptberuf als Arzt arbeitet. Das Filmteam drehte eine Woche lang auf Hornstrandir, dem weglosen Nordteil der Westfjorde. Dafür, dass das Budget für diesen Fernsehfilm sehr begrenzt war, ist das Ergebnis beachtlich. Eine unsentimental erzählte Geschichte über die Rache eines alten Doktors, der sich eigentlich in den einsamen Fjord zurückgezogen hatte, um seinem Leben mit Gift ein Ende zu setzen.

Es ist nicht der erste isländische Film, der Selbstmord im Alter thematisiert – man denke nur an Síðasti bærinn (The Last Farm) von Rúnar Rúnarsson.

riff_sailclothAus dem Trailer zu Sailcloth.

Auch der in der RIFF-Reihe Icelandic Shorts gezeigte Film Sailcloth von Elfar Aðalsteins mit John Hurt ist ein bewegender und mehrfach preisgekrönter Beitrag zu diesen Thema. Man kann sich diesen Film, der ganz ohne Worte auskommt, nun auch im Bordprogramm von Icelandair ansehen.

Lässt man ein paar Dokumentationen unberücksichtigt, thematisiert ein Drittel der in der RIFF-Reihe Icelandic Shorts gezeigten Kurzfilme Probleme des Alterns. Während ihre Kinder und Enkel das städtische Leben vorziehen, verharren die Alten auf dem Land. Der Zusammenhalt der Generationen, der in der kleinen isländischen Gesellschaft so wichtig ist, löst sich, Familien zerbrechen. Das beunruhigt nicht nur alte Menschen, sondern auch junge (zu denen die meisten Kurzfilmer zählen).

Der 24-jährige Filmschüler Andri Freyr Ríkarðsson hat mit Yfir horfinn veg (Memory Lane) eine Erzählung des Amerikaners Kent Nerburn verfilmt, eine Geschichte über einen jungen Taxifahrer und eine alte Frau, die sich in ein Hospiz fahren lassen will, dann aber ihre Meinung ändert.

riff03Im Festival-Kino Bío Paradís. Foto: bv.

In Brynhildur og Kjartan (In Sickness and in Health) erzählt Ásthildur Kjartansdóttir von einer Frau, die nach einem von ihrem Ehemann verursachten Sturz auf seine Hilfe angewiesen ist – doch er ist an Alzheimer erkrankt.

Einsamkeit im Alter wird in den Kurzfilmen Anima und Einn á báti (Guðlaugur) thematisiert. Urna ist ein in schwarz-weiß gehaltener einminütiger Film über einen alten Mann, der die Asche seiner Frau nach Hause bringt und den Teekessel auf den Herd stellt. „Eine beeindruckende Meditation über Sterblichkeit und den Kreislauf des Lebens“, lobt The Hollywood Reporter den Film des jungen Regisseurs Ari Alexander Ergis Magnússon.

Doch nun zu einem heitereren Thema: Als die jungen kanadischen Regisseure Jonah Bekhor and Zach Math vor ein paar Jahren von der Suche des Direktors des Penismuseums nach einem Ausstellungsstück der Spezies homo sapiens hörten, eilten sie nach Húsavík. The Final Member (Lokalimurinn) ist eine absolut skurrile 75-minütige Dokumentation geworden, die von der Gegensätzlichkeit der porträtierten Personen lebt. Und es bestätigt sich hier einmal wieder, dass das Leben die merkwürdigsten Geschichten schreibt.

riff_redasafnSigurður Hjartarson (Mitte) im neuen Penismuseum in Reykjavík. Links das neueste Exponat vom Ren. Foto: bv.

Und diese geht so: Penismuseums-Direktor Sigurður Hjartarson (Siggi) will sich langsam zur Ruhe setzen, zuvor aber möchte er sein Lebenswerk mit einem menschlichen Exponat krönen. Einer der aussichtsreichsten Post-Mortem-Spender ist Páll Arason, ein über 90-jähriger Isländer, ehemaliger Touristenführer und Schützenjäger, dessen Glied allerdings altersbedingt stetig schrumpft und Gefahr läuft, weniger als die „gesetzliche Mindestlänge“ aufzuweisen (da war einmal zu Sagazeiten eine Frau, die wegen Kürze auf Scheidung klagte).

So kommt der amerikanische Farmer Tom Mitchell gerade recht, der unbedingt der erste sein will, dessen Geschlechtsteil ins Museum wandert. Doch langsam wird Siggi die Sache unheimlich – Tom traktiert ihn fast täglich mit Emails, Fotos und Anweisungen für die Ausstellung. Und: Der „Exhibitionist“ will sich von seinem mit Stars and Stripes dekorierten Penis „Elmo“ bereits zu Lebzeiten trennen. Nur so glaubt er seinen Nachruhm auch richtig genießen zu können … Iceland Review-Leser wissen, zu wessen Gunsten der Wettkampf ausging.

Nach der Premiere von „Final Member“ gab es eine Feier im Penismuseum, das im vergangenen Jahr nach Reykjavík umgezogen ist (Laugarvegur 116, kurz vor dem Busbahnhof Hlemmur). Die Museumsleitung hat inzwischen Sohn Hjörtur übernommen, doch Siggi nimmt weiterhin Anteil am Wachsen des Museums und zeigte mir stolz die jüngste Neuerwerbung, einen ziemlich haarigen Renpenis.

Ich ließ mir ein paar leckere Ren-Kjötbollur aus der Küche seiner Schwiegertochter schmecken, fragte aber lieber nicht nach, ob Fleisch und Glied vom selben Tier stammten. Ich überlegte aber, ob ich nicht einen Kurzfilm über den Vorschlag einiger Bürger von Mosfellsbær machen sollte, statt des von der Gemeinde geplanten Wildtiermuseums ein Vulvamuseum einzurichten. Geldgeber und Produzent werden hiermit gesucht.

Bernhild Vögel – [email protected]www.birdstage.net

More Reviews

Hören Sie gut zu!

Kulturblick

Hören Sie gut zu!

By Bernhild Vögel

In Berlin konnten wir Jón Gnarr schon zuhören, als er sein neues Buch vorstellte.

Kulturblick

Der gestohlene Fluss

By Bernhild Vögel

bc_portrait„Ob wir machen CO² in die Luft oder Ozon, das stört die Erde nicht! Die läuft weiter. Aber wir sterben.“

Kulturblick

Island-Thriller

By Bernhild Vögel

krimi2013_seelenGruseliger, härter, blutiger! – Nur so gelangen die als Thriller ausgewiesenen Romane auf die besten Plätze in den Auslagen der Buchhandlungen. „Unbedingt lesen” empfiehlt ein schillernder Aufkleber auf dem Cover der Seelen im Eis.

Kulturblick

Geahnter Flügelschlag

By Bernhild Vögel

shg_coverGeahnter Flügelschlag von Stefán Hörður Grímsson ist ein Geschenk, das wir uns selbst oder anderen machen können.