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Atomare Sprengkraft von Grashalmen

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Atomare Sprengkraft von Grashalmen

atomdichter00_bvAnfang der 1950er Jahre gab es in Island einen großen Skandal: Maßten sich ein paar Jüngelchen in ihrer Neuerungssucht doch tatsächlich an, die altehrwürdigen Stab- und Endreime zu missachten und „formlos“ zu dichten.

„Niemals!“, schrien die Traditionsbewahrer, beriefen sich auf den edlen Skalden Egill und Nationaldichter Jónas Hallgrímsson. Einer wünschte sich in brutaler Naivität gar einen Hitler, um mit solch entarteter Kunst aufzuräumen.

Und ein anderer fluchte laut: „Mögen die Trolle alle diese Pfeifgrashalme zu sich holen!“

Zuerst hatte ich mich verlesen und fragte mich, wo in aller Welt in Island giftige Pfeilgras-Halme wachsen. Zu solch wütenden Angriffen, die uns heute völlig absurd vorkommen, passte das Wort. Ýlustrá heißt es im Isländischen. Da sind weder illustre Dichter noch Pfeilgräser mit gemeint, ýlu-strá sind Grashalme, die man zum Pfeifen zwischen die Daumen klemmt.

Wer waren diese „Flachpfeifen“, die etliche Isländer Anfang der Fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts am liebsten zu den Trollen geschickt hätten?

Dieser Frage widmet sich der 2011 von Eysteinn Þorvaldsson und Wolfgang Schiffer herausgegebene Band der Literaturzeitschrift DIE HOREN. Er heißt: Bei betagten Schiffen. Islands „Atomdichter“.

atomdichter01_bv„Bei betagten Schiffen / wartete ich auf Überfahrt / mit der Brandung Wunder- / Lied im Ohr“ (Stefán Hörður Grímsson)

Atomdichter. Man assoziiert Kernspaltung, Atombombe, aber auch Expressionismus, Sprachexplosion. Das Wort taucht zuerst 1948 in Halldór Laxness' Roman Atomstation auf.

Es ist die Zeit, in der in Island heftige Auseinandersetzungen über die Frage geführt werden, ob und in welchem Umfang die USA die Insel als Militärstützpunkt oder gar als Lager atomarer Waffen nutzen dürfe. Ein atomarer Schlagabtausch zwischen Ost und West scheint unvermeidlich. Und Island mittendrin?

Benjamin, der Atomdichter in Atomstation, „war noch so jung, dass sein Gesicht elfenbeinfarben war und nur schwachen Flaum auf den Wangen hatte, das Jugendbildnis eines ausländischen Genies …” Er brauche nur darauf zu warten, dass der Geist über ihn komme und müsse an seinen Gedichten nicht arbeiten, erklärt er und textet munter:

„Ich breche aus zu dir, ich breche ein

durch Atom und Sonne, Erde, Mondenschein.“

Nur von seinem Anspruch her unterscheidet sich Benjamin von einem durchschnittlichen Isländer, der sich auf das Reimhandwerk versteht und zu jeder passenden Gelegenheit einen Vierzeiler, vísa genannt, aus dem Stegreif verfassen kann.

Theatralisch kündigt er seinen Selbstmord an: „Ich habe alle Bilder aus Buchenwald gesehen, sagte Benjamin. Es ist nicht mehr möglich Dichter zu sein.“ Laxness lässt hier seinen Atomdichter einen europäischen Nachkriegsdiskurs wiedergeben (interessanterweise ein Jahr bevor Adorno seine provokante These formulierte).

Doch Expressionismus, Dadaismus, Surrealismus, schwedischer Modernismus – all die Ausdrucksformen der europäischen Lyrik der ersten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts waren an Island spurlos vorübergegangen. Woran sollten die jungen isländischen Dichter nach dem Zweiten Weltkrieg anknüpfen?

„Der Planet dreht sich und die Länder jagen einander.

Friedlos ist die Spindel

die den dünnen Faden spinnt.“

So heißt eine ungebundene Strophe im Gedicht Schwarzelfentanz von Stefán Hörður Grímsson.

atomdichter02Atomversammlung. Karikatur in der Satirezeitschrift Spegillinn (Der Spiegel), April 1952.
„Atomdichter“ war neben „Pfeifgrashalmen“ ein Schimpfwort im Arsenal der Formbewahrer. In ihren Augen war derjenige ein Atomdichter, der traditionelle Formen und Rhythmen nicht beherrschte, unlyrische Worte verwandte und sich Moden des Auslands zu eigen machte.

Die so Gescholtenen jedoch nahmen die Bezeichnung an. Fünf junge Männer, lose verbunden, ohne Manifest bildeten den Kern der Atomdichter.

Stefán Hörður, 1920 geboren, war der älteste und hielt sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser. Der jüngste, Sigfús Daðason (Jahrgang 1928) hatte sich gleich nach dem Abitur nach Frankreich aufgemacht und kehrte erst nach acht Jahren zurück. Hannes Sigfússon jobbte als Hilfsleuchtturmwärter auf dem Reykjanesviti, bevor er nach Norwegen zog.

atomdichter03_bv„Sieh wie er sich erhebt ein auf den Hinterbeinen stehendes Ross“ (Hannes Sigfússon) Reykjanesviti an der Südspitze von Reykjanes.

Jón Óskar hatte an der Musikschule in Reykjavík studiert und arbeitete als Lehrer, Musiker und als Redakteur der Literaturzeitschrift Birtingur, die von 1953 bis 1968 von Einar Bragi herausgegeben wurde. Einar hatte in Schweden studiert und sich 1952, als die Beschimpfungen ihren Höhepunkt erreichten, zum Fürsprecher der Atomdichter gemacht, bevor er als fünfter Mann zu ihnen stieß.

Wenn Sie von Einar beispielsweise besonders wilde, „revolutionäre“ Gedichte erwarten, werden Sie sanft enttäuscht:

„Ruhen in Schweigen und wachsen: Frühlingssamenkorn

und selber die Erde sein, die es schützt,

Regen Sonne und Wind, Himmel Erde und Meer …“

Die Atomdichter waren sozialistisch und gegen die amerikanische Truppenpräsenz eingestellt. Die Gedichte von Sigfús Daðason sind eher philosophisch als politisch. Jón Óskar schrieb zwischen 1946 und 1953 einige Gedichte gegen die amerikanische Stationierung. In Island im September 1951 heißt es:

„Die Schritte deiner Liebsten hörst du nicht

denn fremde Truppen

haben die Stille der Nacht durchbrochen.“

Meist geht es auch bei den Atomdichter um Liebe und Natur, die traditionellen Themen der Lyrik. Die moderne städtische Welt mit Straßenfegern und Autos beginnt erst zögerlich, sich Ausdruck zu verschaffen.

Stefán Hörður hat im Rückblick formuliert: „... die Formrevolution selbst war kein ausländischer Eindringling, wie so viele meinten, obwohl die ausländische Gedichtrevolution natürlich einen sehr großen Einfluss hatte. Entwicklung in der Dichtung muss immer aus der einheimischen Gedichttradition hervorgehen.“

atomdichter04_bv„Selbst gemachte Fesseln / sind die sichersten Fesseln“ (Sigfús Daðason)

Der Horen-Band Bei betagten Schiffen wurde realisiert von einer deutsch-isländischen Clique hartgesottener Lyrik-Fans, wie es Steinunn Sigurðardóttir so nett formuliert hat. Eine einzigartige Dokumentation, von der Herausgeber Wolfgang Schiffer hofft, dass ein isländischer Verlag sie im Original veröffentlicht.

Sie versammelt Gedichte der Atomdichter, ihrer Wegbereiter und Mitstreiter, die leidenschaftlichen Diskussionen der Fünfziger Jahre, Portraits, Rezensionen, Interviews und Texte uns wohlbekannter isländischer Gegenwartsautoren wie Einar Kárason, Kristín Steinsdóttir oder Einar Már Guðmundsson. Sie schreiben eigens für diesen Band über die Bedeutung der Atomdichter für ihren eigenen Weg und die Entwicklung der isländischen Literatur.

Hannes Sigfússon beispielsweise, der nach 25 Jahren aus Norwegen zurückkehrte, wurde für Jón Kalman Stefánsson, seinen Großneffen, wegweisend. Vor allem Hannes' hartnäckige Suche nach Antworten habe ihn immer wieder fasziniert, schreibt Jón Kalman und zitiert die Verse:

„Und wir fragten: Welche Worte leben

welche Worte schlafen

in der Erde dieser langen Winter.“

„Die alte traditionelle Gedichtform ist nun endlich tot“, hatte Steinn Steinarr, der wichtigste Wegbereiter der modernen isländischen Lyrik, in einem Interview 1950 festgestellt.

Andri Snær Magnason, Verfasser der Bónus-Supermarkt-Gedichte, hat sich intensiv mit den alten Volksdichtungen beschäftigt und schreibt im Schlussbeitrag des Horen-Bandes:

„Rímur dienten dem Zeitvertreib, endlose Strophenfolgen, in denen Helden fremde Länder bereisen und mit Trollen und Riesen kämpfen … Die rímur transportierten eine andere Sprache: Wörter, Metaphern und Deklinationen, die man in der Alltagssprache nie hörte, klangen den einfachen Leuten früher tagtäglich in den Ohren.“

Der Supermarkt-Dichter lernte die Wut der Menschen verstehen, deren abgeschiedene Welt vergangen war und die die Atomdichter daher bezichtigten, ihnen die Reimkultur weggenommen zu haben.

Im 21. Jahrhundert besinnt man sich wieder auf die totgesagten Formen – nicht um von Neuem in ihnen zu dichten, sondern um sie als lebendiges Erbe zu bewahren.

So inspiriert der alte Sprechgesang der rímur heute Musiker wie Sigur Rós. Und die ehemals so viel geschmähten Atomdichter sind längst anerkannte Wegbereiter der Moderne.

Text&Fotos: Bernhild Vögel [email protected]www.birdstage.net

Bei betagten Schiffen. Islands „Atomdichter“. Zsgest. von Eysteinn Þorvaldsson und Wolfgang Schiffer. die horen, 56. Jahrgang, Band 2 /2011, Ausgabe 242, 424 Seiten, 19,80 Euro.

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