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„Wolfgang ist gekommen!“

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„Wolfgang ist gekommen!“

wolfgang_schifferWolfgang Schiffer hat viel zu erzählen, wenn es um isländische Literatur geht. 1982 kam der damals 36-jährige Hörspielredakteur des WDR zum ersten Mal nach Island, um Halldór Laxness zu interviewen. In einem ersten Gespräch fragt Bernhild Vögel nach, wie es dazu kam und was daraus folgte.

bv: Du hast in einem Interview gesagt, dass Du sehr früh isländische Sagas gelesen hast. Als Jugendlicher schon?

Wolfgang: Wenn ich mich recht erinnere, stieß ich zum ersten Mal auf die Existenz der Isländer Sagas, als ich mich in der Schule mit dem Nibelungenlied zu beschäftigen hatte. Das muss in den ersten Jahren der 60er gewesen sein. Zu meinem Glück gab es in dem damals gerade zur Kleinstadt mutierten Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, einen engagierten Buchhändler, der meine frühe Literatur-Begeisterung sehr unterstützte und mir einen Teil dieses Lesestoffs zur Verfügung stellte.

bv: Die alte Thule-Ausgabe?

Wolfgang: Das kann die frühe Thule-Ausgabe gewesen sein, vielleicht waren es auch schon die ersten Bände der später ja kommentierten Sammlung. Jedenfalls waren die ersten und zunächst auch einzigen, die ich las, die Grettis Saga, die Saga vom Skalden Egill und die Njáls Saga.

bv: Worin bestand die Faszination?

Wolfgang: Fasziniert haben mich an diesen Geschichten die Geschehensdichte, die Darstellung der umfangreichen, dramatischen Sozialgeflechte, die Direktheit ihrer Darstellung und die große Lakonie, mit der oftmals selbst schlimmste Dinge erzählt wurden. Und ich glaube vor allem, wie das Fehlen einer übergeordneten Exekutive im damaligen Rechtssystem den Einzelnen oder ganze Sippen in die Pflicht nahm. Später, Anfang der 80er, als ich mich erneut damit beschäftigte, kamen der Genuss an der literarischen Raffinesse indirekter Charakterzeichnung, der Dialogqualitäten und der Dramaturgie, an den Schnitttechniken usw. hinzu.

bv: War das nicht ziemlich verpönt in den 1968ern? Weder ich noch meine belesensten Freunde haben damals Sagas, Poetik-Edda oder Snorri gelesen.

Wolfgang: Dass es in der Tat verpönt war, diese alte Literatur zu lesen, konnte ich anfangs nicht feststellen, denn es gab nur wenige, denen ich mein literarisches Interesse überhaupt offenbaren konnte – später jedoch – ich hatte mich inzwischen auch an den hier damals zugänglichen Romanen von Halldór Laxness begeistert und arbeitete als Hörspiel- und Literaturredakteur im Radio – als ich eine Hörspielbearbeitung und –produktion der Njáls Saga in Auftrag gab, wurde ich, dessen Sozialisation als 68er ein jeder kannte, von manchen geradezu automatisch in eine „rechte Ecke“ gestellt… Island, das war doch das Land, in dem die Nazis den reinen Arier gesucht hatten! Ich bin fest davon überzeugt, dass es diese Berührungsangst nach den Instrumentalisierungsversuchen durch den Nationalsozialismus war, die dazu geführt hat, dass uns in Deutschland für lange Zeit nach dem 2. Weltkrieg die zeitgenössische isländische Literatur weitgehend vorenthalten blieb.

bv: Du hast Dich schließlich selbst auf Literatursuche nach Island begeben ...

Wolfgang: Umso größer war dann meine Überraschung, aber auch mein Gefühl von Mangel, als ich im Zusammenhang mit einem verabredeten, größeren Interview mit Halldór Laxness bei meinem ersten Islandbesuch 1982 auf eine allein quantitativ riesige Fülle an isländischen Romanen, Erzählungen und Gedichten stieß, von deren Autorinnen und Autoren ich hier noch nie etwas gehört hatte. Davon wollte ich mehr kennenlernen – und der sinnvollste Weg hierzu schien mir zu sein, es auch anderen zugänglich zu machen. Und so kam es in Zusammenarbeit mit den isländischen Freunden Sigurður A. Magnusson und Franz Gíslason 1986 zur Herausgabe der Anthologie Island – Wenn das Eisherz schlägt in der Edition die horen, die erstmals eine Auswahl aktueller zeitgenössischer Texte aus Island versammelte, aber auch einen Aufriss der zeitgenössischen Literaturgeschichte Islands bot.

Und hieran knüpften sich weitere Anthologien an, doch auch Publikationen von durch Franz Gíslason und mich übersetzten Auswahlbänden einzelner Lyriker wie Stefán Hörður Grímsson (dessen Band Geahnter Flügelschlag im Verlag Kleinheinrich in diesem Jahr in einer erweiterten Ausgabe neu erscheinen wird) und Snorri Hjartarson, aber auch die Organisation eines großen isländischen Kulturfestivals, das 1990 unter dem Titel Die Isländer kommen über 250 Exponate der bildenden Kunst, Filme, Musik und zahlreiche Autoren in Köln und umgebenden Städten vorstellte. Und im Gegenzug konnte ich zusammen mit meinem Freund Franz Gíslason auch zwei Anthologien deutschsprachiger Lyrik und Kurzprosa in isländischer Übersetzung herausgeben, die bei Mál og menning erschienen sind.

bv: Halldór Guðmundsson schreibt in seiner Laxness-Biografie, dass der Achtzigjährige nicht mehr so große Lust auf Interviews hatte. Kamst Du denn überhaupt mit einer brauchbaren Tonaufnahme von Deiner ersten Islandreise zurück?

Wolfgang: Nein. Halldór und seine Frau Auður Sveinsdóttir hatten mich zwar zu sich nach Hause, nach Gljúfrasteinn eingeladen und ich wurde mit Lammbraten und Rotwein auch fürstlich bewirtet, aber als ich an den Anlass meines Besuches erinnerte, führte mich Halldór zwar in sein Arbeitszimmer, blieb aber auf all meine Fragen recht wortkarg. In keinem Fall reichten seine Antworten zu einem sendbaren Interview, sie dienten allenfalls als Beweis, überhaupt dort gewesen zu sein. Nachdem ich mich von dem ersten Schock erholt hatte, schlug ich vor, wieder die Tafel im Wohnzimmer aufzusuchen, und dort saßen wir noch lange Zeit und unterhielten uns bei einer Kanne Kaffee bald erneut aufs Lebhafteste, grad so, als habe es diese lästige Unterbrechung nie gegeben.

bv: Trotz des Schocks eine wichtige Begegnung?

Wolfgang: Im Rückblick: Es war ein sehr schöner, ein reicher und nachfolgend ein noch reicherer Tag, den Auður und Halldór dem, wie sie mich nannten, jungen Freund aus Deutschland beschert hatten. Noch reicher deshalb, weil mein Bekenntnis, keinen weiteren schreibenden Isländer persönlich zu kennen, ihn oder Auður sofort zum Telefon greifen ließ, und noch für denselben Abend war ein Treffen mit einer Kollegin aus der Theaterbranche arrangiert. Sigrún Valbergsdóttir, so hieß die Dame, die sich meiner annehmen musste (sie und ihr Mann Gísli Már, der heutige Verleger von Ormstunga, zählen heute zu meinen besten Freunden), reichte mich weiter, und so lernte ich noch viele kennen in den Tagen, die mir bei meinem ersten Aufenthalt in Reykjavík verblieben: Schriftstellerinnen und Dichter, Theater-, Film- und Radiomacher, Malerinnen, Schauspieler und Übersetzer. Ja, und diesen ersten, Halldór Laxness ursächlich zu verdankenden Begegnungen habe ich es u. a. zu verdanken, dass Island eine Neugierde in mir weckte, die mich bis heute nicht los lässt.

bv: Ich bin sicher nicht die einzige, deren erste Laxness-Lektüre Am Gletscher war (die in den 1990ern erschienene TB-Ausgabe mit dem Snaefellsjökull-Cover). Auch viele unserer Leser kommen über das Interesse an Land und Natur zur isländischen Literatur. War das bei Dir umgekehrt?

Wolfgang: Ja. Ich bin wohl eher durch die Literatur zu Land und Natur gekommen. Jedenfalls weiß ich sicher, dass ich mir vorher keine Fotobände angeschaut habe, die ein entsprechendes Faszinosum ausgelöst hätten. Andererseits: ich kenne keine isländische Literatur, die nicht, auch wenn sie noch so viel Welt enthält, von der isländischen Natur durchweht wäre. Und natürlich habe ich mich nachfolgend bei manchen Reisen durch und um die Insel auch von dieser begeistern lassen. Und doch sind die Menschen, die in und mit ihr leben, und ihr großes kreatives Potential stets prägender geblieben.

Deine Erwähnung von Halldórs Am Gletscher ist allerdings eine schöne Koinzidenz. Denn es war eine von mir in Auftrag gegebene Hörspielbearbeitung dieses mich in den Bann schlagenden Romans (damals hieß er allerdings noch entsprechend dem Originaltitel Seelsorge am Gletscher), die mich 1982 nach Island und zu meiner ersten Begegnung mit dem Nobelpreisträger führte.

bv: Du hast einen großen Beitrag dazu geleistet, dass Island hierzulande als Literaturland wahrgenommen wird. Sicherlich ein langer kontinuierlicher Prozess bis hin zum Sagenhaften 2011?

Wolfgang: Ob dies ein großer Beitrag war, müssen andere beurteilen. Und wie auch immer, er verdankt sich vor allem den Isländern selbst, meinen dortigen Freunden, die mich bei all meinen Unternehmungen, egal ob Herausgaben oder Übersetzungen usw., mit ihrer engagierten Hilfe begleitet haben. Ohne sie hätte nichts von dem, was ich getan habe, realisiert werden können. Und den größten Gewinn dabei habe zweifellos ich selbst gehabt, denn in der Tat: die Arbeit zu Island hat mir in meinem Leben derartig viele persönliche Höhepunkte geschenkt, private wie, ich sage einmal, eher offizielle, dass hier gar nicht der Raum ist, sie alle zu beschreiben.

bv: Vielleicht kannst Du uns ein paar dieser Höhepunkte nennen?

Wolfgang: Dazu zählen in jedem Fall die regelmäßigen Einladungen von Vigdís Finnbogadóttir, der damaligen Staatspräsidentin, nach Bessastaðir, mit denen sie immer dann, wenn ich auf Islandbesuch war, auch viele meiner isländischen Freunde und Bekannte aus der Literatur- und Kulturszene zu einer Art Empfang einlud, und der Satz, der den Anlass angab, war immer gleich, er lautete: „Wolfgang ist gekommen“. Und zu einem besonderen Höhepunkt zählt natürlich, als sie mir bei einem dieser Anlässe 1991 das Ritterkreuz des Isländischen Falkenordens verlieh.

Unvergesslich ist mir aber auch ein mehrtägiger Workshop im Künstlerdorf Edenkoben, der 1992 in der edition die horen zur Herausgabe des Lyrikbandes Ich hörte die Farbe Blau führte; diese Tage eines intensivsten Austauschs mit Lyrikerinnen und Lyrikern wie auf der deutschen Seite Barbara Köhler, Uwe Kolbe oder Johann P. Tammen und Hannes Sigfússon, Baldur Óskarsson, Gyrðir Elíasson, Matthías Johannessen, Ingibjörg Haraldsdóttir und Linda Vilhjálmsdóttir auf der isländischen zählen zu den Sternstunden meiner literarischen Sozialisation.

bv: Ich will noch einmal beim Falkenorden nachhaken. Vigdís hat ihn Dir für deine Verdienste um den isländisch-deutschen Kulturaustausch verliehen, ist das richtig? Das war doch sicherlich ein ganz besonders feierlicher Akt?

Wolfgang: Ja, und es war sicherlich dieses erste große Island-Festival Die Isländer kommen, das manche in Island bewog, mich nun für diese Auszeichnung vorzuschlagen. Und die Verleihung selbst war für mich vor allem überraschend, denn ich hatte nicht die geringste Ahnung, dass sie bei diesem erneuten Zusammenkommen auf Bessastaðir stattfinden würde. Doch plötzlich spürte ich, dass etwas anders war: Vigdís, die zu der Zeit ja zugleich Großmeisterin des Falkenordens war, bat alle Anwesenden, einen Kreis um sie zu bilden, und mich bat sie zu sich in die Mitte. Ich wurde bei der dann folgenden Zeremonie des Anheftens des Kreuzes allerdings nicht „geschlagen“, sondern von ihr beidwangig zum Ritter „geküsst“.

bv: Dieser friedliche Kuss ist ein schöner (vorläufiger) Schluss. Ich danke Dir für das interessante Gespräch, das wir vielleicht nächsten Monat auf der Leipziger Buchmesse fortsetzen können.

----- Wolfgang Schiffer, geboren 1946 im niederrheinischen Nettetal, studierte 1967 bis 1972 in Köln Germanistik, Philosophie und Theaterwissenschaften. Von 1976 bis zu seiner Pensionierung im Jahre 2011 arbeitete er als leitender Redakteur für Hörspiel, Literatur und Radio-Feature beim WDR. Er verfasste Romane, Erzählungen, Hörspiele, Theaterstücke und Gedichte und übersetzt isländische Lyrik (siehe Werkliste bei Wikipedia).

Hier finden Sie die Besprechung des von ihm 2011 mit herausgegebenen horen-Bandes Bei betagten Schiffen. Islands „Atomdichter“. Und hier geht es zum zweiten Teil des Interviews.

Bernhild Vögel – [email protected]www.birdstage.net

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