Reykjavík
-1°C
SSE

Die andere Tochter

Kulturblick

Die andere Tochter

andere_tochter_cover„Gegen Mittag traf ich hier in Sigurhæðir ein. Niemand kam zur Tür, das Haus war leer. Ich bat den Taxifahrer, mich zu dem kleinen Laden an der Nationalstraße zu fahren. Dort traf ich den Besitzer, Lárus, der mir sagte, ich befände mich am richtigen Ort, denn Friðrik sei zufälligerweise im Laden.“

Upp til Sigurhæða (Auf nach Sigurhæðir) heißt der Roman Die andere Tochter von Ingibjörg Hjartardóttir im Original. Aber damit ist nicht Sigurhæðir in Akureyri, das ehemalige Wohnhaus von Matthías Jochumsson (1835-1920) gemeint, das nun als Museum an den Dichter erinnert.

Ingibjörgs Siegeshöhen (wie Sigurhæðir übersetzt heißt) sind ein einsamer Bauernhof irgendwo in Nordisland. Der Kuhstall ist verwaist, denn Bauer Friðrik ist vor Jahren ausgerastet, hatte seine Milchkühe nicht mehr gemolken und gefüttert, war schließlich mit einem Dynamitgürtel um den Leib und einer Schrotflinte in Lárus' Laden gegangen und hatte ein paar Einheimische und zufällig anwesende amerikanische Touristen vierundzwanzig Stunden lang als Geiseln genommen.

Die in Reykjavík lebende Icherzählerin befand sich damals in einer schwierigen persönlichen Situation und nahm die spektakuläre Geiselnahme nur am Rande wahr. Doch „das Bild eines bezwungenen Mannes, der abgeführt wird“, kam zurück und ließ sie nicht los.

and_tochter_milchkuehe_bvMilchkühe in Nordisland. Die namenlose Erzählerin, eine erfolgreiche Journalistin, beschließt in den Norden zu fahren, um Friðrik zu interviewen, der nach nur einem Jahr Verwahrung in der Psychiatrie nach Sigurhæðir zurückgekehrt ist. Allerdings hat er seine Lizenz zur Kuhhaltung verloren und arbeitet nun im Laden, kocht Kaffee und bäckt Kuchen.

„Ich war sehr verwundert, als ich erfuhr, dass es genau der Laden war, den Friðrik gut ein Jahr zuvor überfallen hatte.“

Wir Leser wundern uns auch. Ein notorischer Außenseiter bleibt auch in Island ein Outlaw, doch ein angesehener Bürger wie Friðrik, der plötzlich durchdreht, bekommt schon mal eine echte zweite Chance.

Aus der Interviewreise werden neun Jahre, dann beginnt die ehemalige Journalistin ihre alten Tonaufnahmen und Tagebücher zu sichten und lange Briefe zu schreiben. Sie versucht sich und ihrer Tochter, die sich den Eltern zunehmend entfremdet hatte und schließlich nach Afrika aufgebrochen war, begreiflich zu machen, warum ihre Ehe gescheitert und die Familie zerbrochen ist. Auch warum sie im Norden geblieben ist, den Journalismus an den Nagel gehängt und sich der Schafzucht gewidmet hat.

and_tochter_hof_norden_bvBauernhof in Nordisland.

Bäuerliches Leben und Tierhaltung, das spielte auch in Ingibjörgs 2011 erschienenem Roman Der Zuhörer eine große Rolle. An diesem Roman, der sich an realen Berichten messen lassen musste, hatte ich einiges auszusetzen (siehe Besprechung).

Doch Die andere Tochter hat mich positiv überrascht: Die Charaktere, auch die der Nebenfiguren, sind lebendig gezeichnet. Ingibjörg führt ihre Leser mitten ins ländliche Island, zu seinen Menschen, die weitab vom umtriebigen Hauptstadtbezirk mal mit Experimentierfreude und Kreativität, mal mit Verschrobenheit und Starrsinn wirtschaftliche und private Probleme zu meistern versuchen.

Und es würde mich nicht wundern, wenn die Lektüre von Upp til Sigurhæða wiederum die eine oder andere isländische Bäuerin anregen würde, die alte Tradition des Schafemelkens wieder aufzunehmen, um den würzigen Schafskäse herzustellen.

Die andere Tochter ist ein spannender und abwechslungsreicher Roman, der die Leser vor eine Menge Rätsel stellt, um schließlich die Auflösung zu präsentieren ohne das Flair des Mysteriösen ganz abzustreifen.

Mit anderen Worten, es bleiben auch am Ende eine Menge Fragen offen. Das muss so sein, wenn in eine Geschichte, die in der realen, der sichtbaren Welt spielt, Elemente des Phantastischen verwoben sind. Und in Island – wie könnte das anders sein – ist das die elfische Parallelwelt.

Die álfar der isländischen Volksüberlieferung haben absolut nichts mit esoterischen Blumenelfen zu tun, sind aber auch nicht mit den schönen Lichtalben oder den unter der Erde lebenden pechschwarzen Dunkelalben identisch, wie sie die Snorri-Edda (in vielleicht schon christlicher Schwarz-Weiß-Malerei) überliefert.

and_tochter_elfenstein_bv„Elfenstein“ bei Dalvík.

Álfar sind unsichtbare, mit übernatürlichen Kräften ausgestattete menschenähnliche Wesen, deren Verhaltensrepertoire von selbstloser Hilfsbereitschaft bis zur erbarmungslosen Grausamkeit reicht. Sie leben im Inneren von Felsen und Hügeln, in kleinen wie in großen, denn ihr Raum scheint nicht unseren physikalischen Gesetzen zu entsprechen. Sie besitzen die Fähigkeit, sich einem Menschen zu zeigen und ihn in ihre Welt zu entführen. Einzelne wechseln aus freien Stücken oder gezwungenermaßen in die Menschenwelt hinüber, wo sie sich mit menschlichen Partnern vereinigen und Nachkommen zeugen können.

Entsprechend variationsreich sind die isländischen Volkssagen, die vom Zusammentreffen mit dem verborgenen Volk berichten und oft den Namen des Chronisten, den Ort und manchmal sogar den Zeitpunkt des Geschehens überliefern. All das gibt den isländischen Volkssagen einen „authentischeren“ Charakter als unseren meist literarisch bearbeiteten Märchen. Wer könnte schon sagen, in welchem Wald und zu welcher Zeit die Hexe Hänsel und Gretel gefangen hielt?

Weil sich aber die isländischen Elfen oder Elben in Künsten auskennen, denen die Menschen gerne das Attribut Hexen- oder Zauber- voranstellen, können sie Glück, Unheil oder Verwirrung im Liebesleben stiften.

and_tochter_ingibjoerg_bvIngibjörg Hjartardóttir auf der Leipziger Buchmesse 2013.

Ingibjörg beherrscht vorzüglich das Handwerk der Dramaturgie – schließlich hat sie 1984 die immer noch existierende Theatergruppe Hugleikur gegründet, sie viele Jahre geleitet und zahlreiche Stücke geschrieben. Hugleikur (Gedankenspiel) heißt übrigens auch ihr 1977 geborener Sohn Hugleikur Dagsson, der Cartoonist, dessen Strichmännchen keine Tabus kennen. (Sein Band Finden Sie DAS etwa komisch erschien 2008 im Rowohlt Taschenbuch Verlag.)

Im Svarfaðardalur in Nordisland ist die sechzigjährige Autorin aufgewachsen, in dem Tal, das sich von Dalvík aus in die Bergwelt des Tröllaskagi erstreckt. Diese Trollhalbinsel steckt voll von Sagen und Berichten über Trolle, Geister, Wiedergänger und zauberkundige Pfarrer. Aber auch das verborgene Volk der Elfen siedelt hier und verrät sich manchmal, indem es ein schneeweißes Lamm mit einem schwarz gefleckten vertauscht (auf Isländisch nachzulesen auf Terry Gunnells Internetseite Sagnagrunnur.)

Ingibjörg schafft es, auch Kenner der isländischen Sagenwelt zu irritieren und vor eine Menge Rätsel zu stellen. Andererseits lässt sich der Roman, darauf weist auch die Übersetzerin Tina Flecken hin, auch unter rein menschlichen Aspekten lesen: Entfremdung, Verunsicherung, Beziehungsunfähigkeit des modernen Menschen sowie die Mutter-Tochter-Problematik seien hier als Stichpunkte benannt.

Text&Fotos: Bernhild Vögel www.birdstage.net/der_schleier_der_schwarzen_elfin.html

Ingibjörg Hjartardóttir: Die andere Tochter Übersetzt von Tina Flecken Salon Literaturverlag 2013 209 Seiten, 16,90 Euro.

Wenn Sie mehr über Islands Elfen wissen wollen:Hier geht es zur Besprechung des ultimativen Standardwerkes von Brian Pilkington & Terry Gunnell.

More Reviews

Kulturblick

Island-Thriller

krimi2013_seelenGruseliger, härter, blutiger! – Nur so gelangen die als Thriller ausgewiesenen Romane auf die besten Plätze in den Auslagen der Buchhandlungen. „Unbedingt lesen” empfiehlt ein schillernder Aufkleber auf dem Cover der Seelen im Eis.