Reykjavík
8°C
S

Stafnbúi

Kulturblick

Stafnbúi

stafnbui_coverEin sonniger, ruhiger Sonntagmorgen in Reykjavík. Aus einem der Häuser im Stadtteil Gamli Vesturbær ertönte eine tiefe Singstimme. Getragen, feierlich, fast monoton. Erinnerte mich an Gregorianischen Gesang und schien eher auf den nahegelegenen Friedhof zu passen als hinter die Gardinen eines Einfamilienhauses.

Am Werke war hier jedoch ein Rímursänger. Rímur sind Sprechgesänge, ein bis ins Mittelalter zurückreichender isländischer „Rap“. In vierzeiligen Strophen, die mit Stab-, End- und Binnenreimen verziert sind, erzählen sie von Liebe, Abenteuern, Heldentaten und anderen weltlichen Dingen.

Szenenwechsel: Berlin, Felleshus, das Gemeinschaftshaus der nordischen Botschaften. Während Steindór Andersen mein Exemplar von Stafnbúi signiert, erzähle ich ihm die Geschichte von dem Rímursänger im alten Westviertel von Reykjavík. Nein, er sei das nicht gewesen, versichert er, zumindest nicht live.

Steindór ist der berühmteste Rímursänger Islands. Den Namen „Stafnbúi“, nach dem das Album benannt ist, hat ihm der 2011 verstorbene Schriftsteller Thor Vilhjálmsson verliehen. Der seemännische Ausdruck stafnbúi bezeichnet die Mannschaft auf einem Vorschiff. Auf dem Cover des Booklets sehen wir Steindór lässig auf der bemoosten Lava sitzen und sein Pfeifchen schmauchen – bei seinen Auftritten steht er im schwarzen Anzug kerzengerade und nahezu bewegungslos da.

stafnbui01_bvSteindór Andersen.

Seine Bühnenpräsenz liegt ganz in seiner Stimme, die die Zuhörer allmählich in einen Zustand melancholischer Trance versetzt. Vielleicht wäre es anders, würde man die Texte verstehen. Aber spontan schüttle ich den Kopf, als Auður Edda Jökulsdóttir, die stellvertretende Botschafterin Islands, nach der Veranstaltung überlegt, ob es besser gewesen wäre, die Texte in Übersetzung auf die Wand zu projizieren.

Steindór singt das erste Rímur unbegleitet. Sein Compagnon Hilmar Örn Hilmarsson sitzt hochkonzentriert am Digitalpiano, mischt sich bei den weiteren Stücken selbst ein, spielt eine alte Aufnahme oder ein modernes Arrangement ein.

stafnbui02_bvHilmar Örn Hilmarsson.

Und dann kommt ein junges Streichquartett hinzu, drei Studierende der Hochschule für Musik Hanns Eisler und eine Studentin der Humboldt Universität, und erobert ebenfalls die Herzen des Publikums.

stafnbui03_bvDas Streichquartett (v.l.n.r): Susanja Nielsen (Geige), Stephan Buchmiller (Cello), Guðný Guðmundsdóttir (Geige),Victor Orri Árnason (Bratsche).

Zwischendurch füttern Kristof Magnusson und Andreas Vollmer die lestrarhestar (Leseratten sind in Island Lesepferde, hatte Botschafter Gunnar Snorri Gunnarsson in seiner Begrüßung vermerkt) mit Pferdegeschichten aus den von ihnen mit übersetzten Isländersagas – denn in Berlin dreht sich in diesen Wochen alles um die kommende Islandpferde-Weltmeisterschaft (s. auch vorletzter Kulturblick).

Die Sagas verbindet mit den Rímur, dass beide im kriegerischen 13. Jahrhundert entstanden sind. Die beliebtesten Sagastoffe wurden von den Rímursängern mündlich verbreitet, doch nur wenige Texte aus dieser Zeit und den folgenden Jahrhunderten sind erhalten.

stafnbui06_bvKlaus Sander, Supposé Verlag (Saga-Aufnahmen), und Jóhannes Ágústsson, 12 Tónar, (rechts) am Verkaufsstand im Felleshus.

Die im 18. Jahrhundert wiederbelebten Rímur wurden von Nationaldichter Jónas Hallgrímsson (1807-1845) als wertlos abgetan und kamen im 20. Jahrhundert völlig aus der Mode. Doch wie altes Spielzeug, das in neuem Glanz erscheint, wenn man es nach Jahrzehnten auf dem Dachboden wieder entdeckt, erleben die isländischen Rímur im 21. Jahrhundert eine Renaissance.

Der Schriftsteller Andri Snær Magnason hat auf der CD Raddir/Voices alte Liedaufnahmen gesammelt, darunter auch einige Rímur, über deren Faszination er im Band über die Atomdichter berichtet. Historische Tondokumente finden sich als Einspielungen auch auf der CD Stafnbúi.

Streichinstrumente, Langspil, die Steinharfe von Páll Guðmundsson und elektronische Effekte unterstreichen den eigentümlichen Rímur-Gesang und tragen dazu bei, die CD zum musikalischen Ohrenschmaus zu machen.

Man kann die Lieder aus Online-Stores herunterladen, wer aber die Möglichkeit hat, nach Island zu kommen, sollte am Skólavörðustígur in Reykjavík den Laden 12 Tónar oder seine Filiale in der Harpa besuchen und dort die CD mit Booklet erwerben. Denn 12 Tónar ist auch Musikverlag und hat Stafnbúi produziert.

stafnbui04_bvAuch Henryk M. Broder kam zur Premiere von Stafnbúi. Rechts im Bild Hilmar Örn Hilmarsson.

In dem schön gestalteten und informativen 80-seitigen Booklet erfährt man einiges über den musikalischen Werdegang von Steindór und Hilmar Örn und ihre Zusammenarbeit mit der Band Sigur Rós.

Undogmatisch Tradition mit Fortschritt zu verbinden, das zeichnet die beiden Musiker aus. Steindór hat frischen Wind in die erstarrte Sänger-Vereinigung Iðunn gebracht, Hilmar Örn fand insbesondere für seine Filmmusik (Engel des Universums u.a.) internationale Anerkennung.

Hilmar Örn ist, nebenbei bemerkt, auch Oberhaupt der Ásatrúarfélagið (Gemeinschaft der Asengläubigen), einer in Island anerkannten Religionsgemeinschaft, die sich ausdrücklich vom rassistisch und rechtsradikal durchsetzten Neuheidentum auf dem europäischen Kontinent distanziert und für Umweltschutz ebenso einsteht wie für die Rechte von Schwulen und Lesben. Wer mehr darüber wissen will, der sei auf dieses ausführliche Interview mit Hilmar Örn verwiesen.

stafnbui05_bvSignierstunde im Felleshus mit Steindór und Hilmar Örn.

Zurück zum Booklet: Ein Artikel von Hilmar Örn geht auf Isländisch, Englisch und Deutsch der nicht ganz einfachen Frage nach, wie und unter welchen Einflüssen die Rímur im Mittelalter entstanden sind und wie sie sich weiter entwickelt haben.

Etwas herumblättern muss man, um zu erfahren, wer welches Rímur verfasst hat. Die Liedtexte sind nur auf Isländisch abgedruckt, darunter stehen die Verfassernamen. Anschließend gibt es Zusammenfassungen der Texte auf Englisch und Deutsch. Ein dritter Teil enthält Kurzbiografien der Verfasser. Der älteste ist Sigurður Breiðfjörð (1798-1846), der bekannteste Rímurdichter des 19. Jahrhunderts, von dem zwei Lieder aus den Núma Rímur, Farsældin (7) und Móðurjörð (9), zu hören sind.

Auch wenn dieser Zyklus Geschichten über den legendären König Numa Pompilius erzählt, die Naturromantik des 19. Jahrhunderts kommt nicht zu kurz. In Farsældin, das man sich hier anhören kann, schimmern die Wiesen, glitzern die Berge und goldene Strudel strömen.

Text&Fotos: Bernhild Vögel[email protected]www.birdstage.net

More Reviews

Kulturblick

Island-Thriller

krimi2013_seelenGruseliger, härter, blutiger! – Nur so gelangen die als Thriller ausgewiesenen Romane auf die besten Plätze in den Auslagen der Buchhandlungen. „Unbedingt lesen” empfiehlt ein schillernder Aufkleber auf dem Cover der Seelen im Eis.