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Die Rollen und ihre Darsteller

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Die Rollen und ihre Darsteller

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Wie wird man Schriftsteller? Diese Frage hat Generationen von ambitionierten Pennälern beschäftigt. Ob Mädchen oder Junge, man spürt den Drang, aus dem reichen Fundus achtzehnjähriger Erfahrung zu schöpfen. Doch dann, angesichts eines weißen Blattes, fühlt man sich ebenso leer und unbeschrieben.

Jeder, der zu schreiben beginnt, hat Vorbilder im Kopf – mal inspirieren, mal blockieren sie. Pétur Gunnarsson hat zu diesem Thema ein wunderbar leichtes, beschwingtes Werk geschaffen, voll Ironie und „gewürzt mit subtiler, erhellender Komik“, wie Wolfgang Schiffer in seinerm neuen literarischen Blog Wortspiele treffend vermerkt.

Wir haben Andri Haraldssons erste Schritte ins Leben bereits in den Bänden punkt punkt komma strich und ich meiner mir mich verfolgt. Im dritten Band von Péturs Tetralogie Die Rollen und ihre Darsteller (Persónur og leikendur, 1982) endet Andris Schulzeit. Es sind die unruhigen Jahre 1967/68, die bis nach Island Wellen schlagen.

Der Gymnasiast ist fest entschlossen, Schriftsteller zu werden – doch da gibt es ein Problem und das heißt Halldór Laxness. Im Englischen bedeutet laxness zwar Lässigkeit, aber angesichts des ersten und einzigen Literaturnobelpreisträgers des Landes bleibt kein Isländer cool. Wie sollte ein unbeschriebenes Blatt wie Andri in die Fußstapfen des lebenden Monumentes treten?

rollen_petur_bvPétur Gunnarsson auf der Frankfurter Buchmesse 2011.

Nur kurz funktioniert die Ablenkung durch das Radio, an dessen Drehknopf sich Andri zu Beginn des Romans durch die Welt kurbelt:

„Er lief durch London – Paris – Rom. Jeder Millimeter wimmelte von Sendern: Gesänge auf italienisch, Nachrichten auf französisch, schreiende Diskjockeys und plärrende Werbesprüche …“

Bis der Beatles-Song Penny Lane ein „Gedankenuniversum“ eröffnet: Er, Andri, wird durch die Gassen der Welt wandern und sich hier und dort schreibend niederlassen. Wie Laxness auf dem Weg zu seinem Großen Weber von Kaschmir – der einzige Roman, der für Andri zählt, denn hierin findet er sich wieder mit seinen Seelenqualen, Selbstzweifeln und hochfliegenden Plänen.

Doch der Versuch sich am Nobelpreisträger zu messen, scheitert an den einfachsten Dingen. Andri hat weder Tausende von Seiten vollgeschriebener Notizblöcke vorzuweisen, über die Halldór in seinem Alter schon verfügte, noch halten seine geschiedenen Eltern Harald und Ásta dem Vergleich mit Laxness' Eltern stand. Auch dem häuslichen Umfeld fehlt die gebildete Ebene: Nachbarin Ágústa studiert die Arztromane des Amerikaners Frank G. Slaughter und debattiert mit Magnea über die gescheiterte Ehe von Frank Sinatra und Mia Farrow.

rollen_erro_laxness_bvSo sah Erró den Nobelpreisträger im Jahre 1974 (Ausschnitt aus „Halldór Laxness“ im Hafnarhús, Reykjavík).

Wie lassen sich Schreibblockaden durchbrechen? In seiner Not greift Andri zu Writers at Work, einem Band mit gesammelten Schriftstellerinterviews aus der Literaturzeitschrift The Paris Review. Hemingway, der den Literaturnobelpreis ein Jahr vor Laxness erhalten hat, liefert im Gegensatz zu Faulkner realistische Tipps und punktet mit seiner abenteuerlichen Existenz. Andri: „Hemingway mußte all das, worüber er schrieb, selbst erlebt haben.“

Und so verwandelt sich Andri Haraldsson flugs in Andri Hemingway und macht sich auf die Suche nach dem guten Café an der Place Saint-Michel. Leider steht da wieder Halldór Laxness im Weg – denn der hat Hemingways Erinnerungen A Moveable Feast und dessen Ersten-Weltkriegs-Roman A Farewell to Arms ins Isländische übersetzt. Andri stolpert auch im richtigen Leben über das unerreichbare Vorbild. Laxness ist Ehrengast auf einer Schulfeier des Reykjavíker Gymnasiums. Anstatt in Ehrfurcht zu versinken, zielt Andri von der Bühne aus mit einem Gewehr auf den Dichter in der ersten Reihe. Peng! Auch in den rebellischen 68ern ist es nicht einfach, monumentale Vorbilder aus dem Weg räumen.

rollen_menntaskolinn_bvMenntaskólinn í Reykjavík, das älteste Gymnasium Islands.

„Wie er das Geschichtenfernrohr auch drehte und wendete, nirgends fand er einen Erzählstoff, wenn man von jenen Krümeln absah, die übriggeblieben waren, nachdem Halldór Laxness Salka Valka, Sein eigener Herr und Weltlicht verfasst hatte.“

Worüber also lässt sich schreiben? Über Erlebtes? Über Erfundenes? Andri nimmt uns mit in den Langifjörður, einen erfundenen Fjord, in dem er Geschichten über die Bewohner spielen lässt – erlebte oder erfundene? Wir bleiben im Unklaren.

Laxness hat das Gymnasium 1919 fluchtartig ohne Abitur verlassen, während Andri etwa 50 Jahre später des Dichters schwergewichtige Gesamtausgabe als Abiturgeschenk von Mutter Ásta erhält. Das erleichtert den Beginn seiner Schriftstellerlaufbahn nicht gerade.

rollen_autoren_bv„Das Beste an Island ist die Literatur!“ – Die 396 isländischen Schriftsteller zeigen sich heute selbstbewusst.

Immerhin ist zu diesem Zeitpunkt die Große-Weber-Phase schon passé, hinweggefegt von der Präsenz des Mädchens Bylgia. „Dieses Seelen- und Keuschheitsgerede des Webers ist absurd“, befindet Andri nun. Und überhaupt: Im Großen Weber von Kaschmir schweigt Diljá zu den Ergüssen des angehenden Dichters Steinn Elliði – Bylgia dagegen sagt unverblümt ihre Meinung.

Andris verzweifelte Frage „Was hätte Halldór Laxness getan?“ (wohlgemerkt: der junge Laxness) erweist sich schließlich doch als hilfreich. Und wer ich mir meiner mich gelesen hat, darf auf Seite 128 über den literaturverliebten „Wesir“ schmunzeln. Der erste Schritt ins Schriftstellerleben, der da heißt Von daheim geh ich fort (Laxness: Heiman eg fór, 1952), ist getan.

Halldór Laxness ging ja seit 50 Jahren ständig von zu Hause fort, zum Schreiben oder um sich vom Schreiben zu erholen. „Eine Herbstreise im Frühjahr 1968“, heißt es in Halldór Guðmundssons Laxness-Biographie auf Seite 768 etwas kryptisch, diente der Erholung des Dichters, der gerade Am Gletscher abgeschlossen hatte. Diese vorgezogene Herbstreise mit dem Dampfer Gullfoss war es wohl auch, die den jungen Andri fort von daheim trug. Zwar noch nicht bis ins gute Café an der Place Saint-Michel, doch zumindest bis Kopenhagen.

Pardon, jetzt habe ich doch tatsächlich Darsteller und Rolle verwechselt. Natürlich war Andri nicht Passagier auf der Gullfoss, denn er ist ja nur eine literarische Gestalt, das Spielzeug des Schriftstellers Pétur Gunnarsson, von dem jüngere isländische Schriftsteller wiederum behaupten, sein Stil habe sie entscheidend geprägt.

Laxness dagegen war ein lebender Dichter, der auf Reisen kartoffelgelbe Socken trug.

Text&Fotos: Bernhild Vögel – [email protected]www.birdstage.net

Pétur Gunnarsson: Die Rollen und ihre Darsteller Aus dem Isländischen von Benedikt GrabinskiWeidle Verlag 2013164 Seiten, 18,90 Euro.

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