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Arctic Henge: Von einem monumentalen Kunstwerk und den Zwergen der Edda

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Arctic Henge: Von einem monumentalen Kunstwerk und den Zwergen der Edda

Wer früher nach Raufarhöfn auf der Halbinsel Melrakkaslétta im Nordosten Islands fuhr, tat dies vor allem wegen des vielfältigen Vogellebens dort, wegen der Mitternachtssonne oder weil er die Einsamkeit suchte.

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arctichenge_0627_gabDie Kirche und der Leuchtturm von Raufarhöfn. Fotos: Gabriele Schneider.

Seit einigen Jahren verbreitet sich aber auch unter Touristen die Kunde über das größte Freiluft-Kunstwerk Islands, das auf dem Melrakkasás (dt.: Fuchshügel) über dem heute nur noch 160 Seelen zählenden Ort entsteht und das schon bei der Ankunft von weit her zu sehen ist. Egal, ob man die asphaltierte Straße Nummer 85 oder die weitaus längere Schotterroute Nummer 870 entlang der Küste der Halbinsel nimmt.

arctichenge_0620_gabBlick auf Raufarhöfn und den Arctic Henge. Foto: Gabriele Schneider.

Arctic Henge (dt.: arktischer Steinkreis) heißt das Werk aus Basaltquadern, der isländische Name ist Heimskautsgerðið, dessen Geschichte 1996 mit einer gewagten Idee begann und von dem heute nur ein kleiner Teil steht. Wer einmal auf dem Fuchshügel war – und seit Baubeginn zieht es jeden Sommer scharenweise Einzelreisende und Reisegruppen an – kann sich vorstellen, wie atemberaubend das Bauwerk einmal die Landschaft dominieren wird. Wann es fertiggestellt sein wird, steht allerdings in den Sternen.

Erlingur Thoroddsen kam 1996 in den beschaulichen Küstenort Raufarhöfn, 17 Kilometer vom Polarkreis entfernt, um das Hótel Norðurljós (dt.: Nordlicht) zu leiten. Er, der zuvor lange in der Hauptstadt gelebt hatte, erkannte schnell, dass hier etwas für den Tourismus getan werden musste. Doch alle anderen im Ort seien der Meinung gewesen, Mitternachtssonne, Vögel und weites, schönes Land genügten, um einen Platz für Urlauber attraktiv zu machen, erinnert sich Erlingur.

„Aber warum sollte jemand nach Raufarhöfn kommen, der kein Interesse an den Vögeln hat oder wenn schlechtes Wetter ist?“, ließ ihn das Thema nicht mehr los. So entstand seine Idee, in irgendeiner Form „das Licht in der Polarregion, die endlose Aussicht, bei der nichts den Horizont versperrt, und die Mitternachtssonne in Sachen Tourismus zu nutzen“. Der Gedanke gärte in ihm, und er beschloss, die Mitternachtssonne in den Mittelpunkt seiner Überlegungen zu rücken, sie sozusagen „in a frame“ (dt.: in einen Rahmen) zu setzen. Er machte sich ganz konkret ein Bild: In einen Bilderrahmen hängte er ein Foto der Mitternachtssonne. Den Rahmen hängte Erlingur an die Wand seines Arbeitszimmers und schaute ihn immer wieder an. So habe er die Idee von Arctic Henge immer vor Augen gehabt, die dadurch immer fester und klarer geworden sei, sagt er.

arctichenge_0563_gabArctic Henge, wie es sich heute Besuchern präsentiert. Foto: Gabriele Schneider.

Bald fragte er zahlreiche Menschen von außerhalb der Gemeinde nach ihrer Meinung zu seinen Überlegungen. „Ich lud viele Leute ein, darunter Maler, Schriftsteller, Wissenschaftler und Leute aus der Politik“, so Erlingur. Künstler Haukur Halldórsson, ein Freund Erlingurs, habe sich alles angehört und dann lapidar gemeint: „Das ist einfach“, sagt Erlingur lachend, denn danach dauerte es erneut sechs Jahre, bevor ein tragfähiges Konzept stand und die beiden mit der Idee des arktischen Steinkreises an die Öffentlichkeit gingen.

Im Laufe der Zeit hatten die beiden entschlossen, Zwerge mit ins Werk einzubeziehen. „Aber es wird kein Disneyland“, erklärt Erlingur nachdrücklich. Vielmehr handele es sich bei den Zwergen um Zwerge aus der Völuspá, der „Prophezeiung der Seherin“ aus der Edda, sowie weiteren aus dem Prosawerk Snorra-Edda.

arctichenge_0603_gabErlingur Thoroddsen mit dem Modell von Arctic Henge, das Künstler Haukur Halldórsson angefertigt hat. Foto: Gabriele Schneider.

Pastor Kolbeinn Þorleifsson (gestorben 2007) entdeckte in Archiven alte Schriften, die die Zwerge in der Völuspá mit dem Jahreskreis in Verbindung bringen und auch darüber, dass ihre Namen mit den Jahreszeiten zusammenhängen. Bis heute seien sich Wissenschaftler allerdings nicht einig darüber, ob, und wenn ja welche Rolle Zwerge in der Völuspá spielten, so Erlingur. Einzig bei Norðri, Suðri, Vestri und Austri, die laut nordischer Mythologie die vier Ecken des Himmels tragen, bestünde allgemeine Einigkeit.

Die Erkenntnisse Kolbeinns nutzend, entwarfen Erlingur und Haukur einen Zwergen-Jahreskreis. Sie wählten 61 Zwerge aus der Völuspá, weitere zwölf aus der Snorra-Edda und recherchierten zum Teil lange nach deren Bedeutung und Charakter. „Wir haben immer wieder gemerkt, wie schwierig das ist“, gibt der Initiator zu. Jedem Zwerg ordneten sie zudem eine fünftägige Woche zu, wodurch ein Jahreskreis entstand. Vetrarfaðir (dt.: Wintervater) etwa stellten sie an den Anfang des Winters.

„Wir haben die Zwerge sozusagen personalisiert“, erläutert Erlingur, „und hoffen, dass die Leute dadurch mehr über sie wissen möchten und über ihre eigene Verbindung zum Zwerg ihres Geburtstags.“ An den Zwergen entlang wird darum ein Zwergenpfad führen, den Besucher entlanggehen und dort ihren Geburtstagszwerg finden können.

Was sie allerdings nicht finden werden, sind kitschige Zwerglein mit Zipfelmützen auf dem Kopf, sondern 1,50 auf 0,75 Meter große Steine, die die Zwerge symbolisieren. „Es ist denkbar, dass uns Steine aus aller Welt geschenkt werden“, so Erlingur, der gleich darauf fragt. „Wann ist der deutsche Nationalfeiertag?“ Er schlägt kurz in einem Ordner nach: „Der Zwerg für den 3. Oktober ist Yrsi, der die Blumen schlafen legt und sie damit für den Winter vorbereitet.“

Das fertige Arctic Henge wird einen Durchmesser von 50 Metern haben. Sechs Meter hohe Tore aus Basalt sind nach den Himmelsrichtungen ausgerichtet. Beispielsweise kann damit die Mitternachtssonne vom Südtor aus durch das mittlere Tor und das Nordtor dahinter gesehen werden. Zwischen den Toren umgrenzt eine dreieinhalb Meter hohe, oben durchbrochene Mauer den Steinkreis.

arctichenge_0581_gabDas mittlere Tor (l.). Foto: Gabriele Schneider.

In der Mitte des Arctic Henge steht ein elf Meter hohes Tor aus vier aufeinander zulaufenden Basalt-Quader-Säulen. Licht- und Schattenspiele im Steinkreis werden dem Tageslicht, der Tageszeit folgen. Die kleinen Öffnungen an der Oberseite der Außenmauer lassen die Sonnenstrahlen durch. Die Schatten des mittleren Tores werden es sein, die die Tageszeit markieren. Ein Kreis („Mittagskreis“) umrundet das Tor, so dass sich dessen Schatten im Sommer zur Mittagszeit im Kreis befinden werden, werden die Tage kürzer, liegen sie außerhalb des Kreises. „Das Spiel mit dem Schatten ist eine Verbindung zur Vergangenheit“, erklärt Erlingur.

Im Inneren der Mauern finden sich auf dem Zwergenpfad neben den Zwergen selbst einige weitere Anziehungspunkte. Der Polarsterndeuter etwa ist eine fünf Meter hohe Skulptur, die zum Polarstern hin ausgerichtet ist, der durch die Jahrhunderte Leitstern für Seefahrer und Reisende war. Dort wird es auch ein Teleskop geben, mit dem man den Polarstern beobachten kann. „Damit zeigen wir die Rolle der Astronomie für Reisende und möchten die Leute zum Nachdenken darüber bringen, wie früher gereist wurde und welche Bedeutung die Sterne damals hatten“, so Erlingur. Und fügt augenzwinkernd hinzu: „Und sollten die digitalen Systeme einmal zusammenbrechen, ist es gut, einen Platz auf der Erde zu haben, an dem man sie wieder korrigieren, neu ausrichten kann.“

arctichenge_0578_gabDie drei fertigen Tore des Arctic Henge sind in besonderer Weise angeordnet. Foto: Gabriele Schneider.

Auf dem Sonnenthron, einem steinernen Hochsitz, können Besucher Platz nehmen und sich von ihren Begleitern fotografieren lassen. „Sie sollten dabei an ihre Verwandten daheim denken“, schlägt Erlingur vor und ist sich sicher: „Dieses Erlebnis wird in Erinnerung bleiben.“ Eine Webcam ist geplant, mit der die Daheimgebliebenen nach einem Anruf auf einer Internetseite miterleben können, wie ihr Verwandter oder Bekannter dort sitzt.

In der Strahlenhalle, einem schmalen „Altarraum“ mit sechs Meter hohen Säulenwänden, hält sich immer nur eine Person auf. „Der Besucher sitzt allein auf einem Sitz in der Mitte des Raums, leert seinen Geist und befreit seinen Kopf von Ballast und nimmt die Kraft der Steine in sich auf“, sagt Erlingur. Denn „den Steinen und dem Ort Arctic Henge wohnt viel Kraft inne“. Die Entspannung und Meditation in der Strahlenhalle wirke beruhigend. „Das Erlebnis wird jeden daran erinnern, wie klein er doch ist, und man wird den Raum als besserer Mensch verlassen.“

arctichenge_0565_gabArctic Henge ist ein Ort der Lichtspiele. Foto: Gabriele Schneider.

In einem anderen Raum geht es um Feuer und Wasser: „Das sind die Hauptkräfte des Lebens“, meint Erlingur. Im Raum befindet sich ein „Altar“ mit Feuer und einem Schälchen Wasser. Gäste sollten das Wasser berühren und ins Feuer schauen, leitet Erlingur an, denn „damit unterstreichen sie die Bedeutung der Dinge im Leben“. Im Feuer-und-Wasser-Raum könne man meditieren oder einfach nur entspannen, den Verwandten daheim Glück wünschen oder für Frieden auf Erden beten, erklärt er weiter. Dies erzeuge in ihm drinnen Respekt und könne so stark machen, dass man glaube, Berge versetzen zu können. „Der Aufenthalt in diesem Raum wird den Besucher auf jeden Fall dazu anregen, etwas Positives zu tun“, denkt er. Erlingur stellt sich vor, dass auch Hochzeiten und andere Zeremonien in diesem Raum angehalten werden.

Momentan ist die Realisierung der meisten Arctic-Henge-Ideen noch Zukunftsmusik. Zwei Tore und das mittlere Tor wurden ab 2003 gebaut und ragen seither in den Himmel, ziehen Jahr für Jahr viele Reisende an. Aber für Erlingur ist auch der Weg hin zum fertigen Steinkreis ein Ziel. Und Besucher sind schon heute fasziniert und vergleichen das unfertige monumentale Kunstwerk beeindruckt mit Stonehenge.

arctichenge_0574_gabEine italienische Reisegruppe lässt sich von Arctic Henge zum Klettern inspirieren. Foto: Gabriele Schneider.

Fertig geplant indes ist alles. „Wenn Arctic Henge einmal ganz fertig ist, werde ich wahrscheinlich nicht mehr leben“, mutmaßt Initiator Erlingur Thoroddsen. Denn es fehlt an Geld. Der Steinkreis finanziert sich nämlich ausschließlich aus Spenden und Zuschüssen. Letztere sind seit der Finanzkrise im Jahr 2008 eher selten geworden. Erwartet werden aber bald Gelder aus einem Fonds des Tourismus-Ministeriums, sagt Erlingur zuversichtlich. Lachend fügt er hinzu: „Die Regierung dachte zuerst, wir seien verrückt.“

Dass Arctic Henge keine Art Disneyland sei und auch nicht werden wird, betont Erlingur immer wieder. Der Arktische Steinkreis soll für jeden etwas bieten, hofft er, aber „ob man etwas daraus mitnimmt und was das sein wird, das müssen die Leute selbst entscheiden und erfahren“.

Gabriele Schneider – [email protected]www.Hausbucht.de // www.nebenbei-bemerkt.blogspot.de

(Hinweis: Die Anthologie „Ruf der Zwerge“ enthält Gabriele Schneiders Kurzgeschichte „Zwergensehnsucht“ über den Zwergen-Jungen Norðri vom See Mývatn)

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