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In Küstennähe

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In Küstennähe

kustennahe_coverVon pfiffigen Ideen allein kann man in dem kleinen Fischerort Bolungarvík in den Westfjorden nicht leben. So erzählte mir die junge Designerin Sandra Borg, dass sie die zweite Hälfte ihres Arbeitstages im örtlichen Altenheim verbringt, gleich gegenüber von ihrem Atelier.

Der Roman In Küstennähe hätte auch in diesem Heim spielen können. Denn beide Hauptfiguren stammen aus Bolungarvík. Der Autor Joachim B. Schmidt siedelt sie jedoch in einem fiktiven Alters- und Pflegeheim im 15 Kilometer entfernten Ísafjörður an.

Der 23jährige Drogendealer Lárus hat hier seinen offiziellen Arbeitsplatz als Gehilfe des Hausmeisters. In Zimmer 37-A trifft er auf einen fast schon toten Greis. Es ist der ehemalige Fischer Grímur, der den Beinamen Der Schlächter trägt.

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Grímur gehört nicht zu den Heimbewohnern, die Besucher willkommen heißen.

Lárus hat dem alten Außenseiter als Kind einen bösen Streich gespielt, einen, den Grímur nie vergessen hat. Wird er sich an Lárus rächen? Und was ist dran an dem hartnäckigen Gerücht, der Schlächter habe vor Jahrzehnten seine Halbschwester missbraucht und anschließend im Meer versenkt?

Der Strukturwandel in den Westfjorden bildet den Hintergrund des spannenden Romans, der kurz vor dem Bankenzusammenbruch von 2008 spielt. Das ab den 1980er Jahren eingeführte Quotensystem hat den Fischersiedlungen die Existenzgrundlage genommen.

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Mit einer Trilla fuhren Grímur und sein Schwester Drífa zum Fischen in den Djúp.

Zwar sieht man immer noch kleinere Boote in den Ísafjarðardjúp hinausfahren, den größten Fjord, der auch einfach nur Djúp, Abgrund, genannt wird. Doch manch eines befördert lediglich Touristen, die zum Hochseeangeln auf die Westfjorde gekommen sind.

Von Bolungarvík, dem zweitgrößte Ort der Westfjorde, kann man nach Hornstrandir hinübersehen, zum entsiedelten Nordteil der Westfjorde, das heute ein beliebtes Wandergebiet bildet.

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Sandra Borg (hier mit Hund Mozart) rekonstruiert in Bolungarvík alte Fischerkleidung und verarbeitet Stoffreste einer Fahnenfabrik zu farbenfrohen Einkaufsbeuteln.

Immerhin hat das 900 Seelen zählende Bolungarvík manches, wovon deutsche Dörfer dieser Größenordnung nur träumen können: Grundschule, Schwimmbad, Sportzentrum, Golfplatz, Museum und Gemeinschaftshaus. All das kann junge Leute freilich nicht halten. Erst ist es die nahe Stadt Ísafjörður, die mit Bars, Läden, Kino und dem Rockfestival Aldrei fór ég suður („Nie fuhr ich in den Süden“) lockt, dann drängt die Jugend doch unaufhaltsam südwärts: nach Reykjavík, ins Ausland.

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In den Wohnblocks von Ísafjörður leben auch viele Polen, die in der Fischindustrie arbeiten.

Nichts wie weg aus den Westfjorden, das will auch Lárus. Er verfügt über genügend Startgeld. Das Drogengeschäft, bei dem er niemandem trauen kann, aber hat seine Nerven zerrüttet und ihn vereinsamen lassen. Zudem ist das Aussteigen schwerer als gedacht und ein Erpresser fordert Schweigegeld.

Nach den ersten Seiten kam bei mir ein Moment der Enttäuschung auf, als ich las:

„Helmut Irgendwas … hiess mein Chef, ein Ausländer, ein Deutscher mit Schnurrbart, ganz wie aus dem Bilderbuch: lang, humorlos, sarkastisch und verdammt tüchtig.“

Nicht schon wieder diese Klischees, seufzte ich, bis ich merkte, dass der Autor sie im Kopf von Lárus ansiedelt, der je nach dem Grad seiner Übellaunigkeit den Hausmeister als „alten Nazi“ oder gar ehemaligen „Inspekteur bei der Waffen-SS“ bezeichnet. Lárus liebte nämlich als Schüler das Fach Geschichte, das Þór Senior erteilte, der sich nun ganz seinem Zweitberuf als Polizist widmet.

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Polizeiauto an der Tankstelle in Ísafjörður.

Lárus, der aus dem Drogengeschäft aussteigen und Island verlassen will, kümmert die Zukunft des Landes wenig. Grímur lebt vollständig in der Vergangenheit und Helmut, der seit dem Fall der Mauer in Island lebt, gilt immer noch als Ausländer und fühlt sich auch so. Der Autor lässt ihn daher Missstände aufzuzeigen, die der Icherzähler Lárus nicht bemerkt:

So schlimm war es nun auch wieder nicht. Island ging doch nicht vor die Hunde. Also wehrte ich mich im Namen einer ganzen Nation: „Nur weil Gunna in letzter Minute eine Sitzung einberuft, geht doch die Insel nicht vor die Hunde!“ „Natürlich nicht. Ich red doch nicht von Gunna. Ich red von den Aluminiumschmelzen, dem Staudamm, den Off-Roadern, den Abfallbergen, dem Bauirrsinn in der Stadt ...“

Die Ereignisse aus der Sicht des Drogendealers zu erzählen, ist ein sprachlicher Balanceakt. Mal berichtet Lárus emotional aufgeladen, mal abgeklärter und aus zeitlichem Abstand. An manchen Stellen merkt man, wie sich der Autor zurücknehmen musste, um nicht aus der Rolle zu fallen. Um die Geschichte des wortkargen Grímur zu erzählen, sind in der dritten Person erzählte Rückblenden eingeschoben.

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Zeitlose Liebe. (Motiv auf dem Friedhof von Ísafjörður)

Autor Joachim, der aus dem Schweizer Kanton Graubünden stammt, ist vor sieben Jahren in Island hängengeblieben, hat in vielen Bereichen gejobbt und auch in den Westfjorden hinter die Kulissen geblickt. Damals hat ihm ein Bauer aus Bolungarvík von einem Mann erzählt, der ohne seine Schwester vom Fischen zurückkam und hartnäckig darüber schwieg – eine Geschichte, die für viele Gerüchte sorgte und die Joachim nicht mehr losgelassen hat.

Er lebt inzwischen mit seiner Familie in Reykjavík, arbeitet gegenwärtig in einer Jugendherberge und feilt an seinem zweiten Roman, der ebenfalls auf Island spielen wird.

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Drífas Zufluchtsort? Hvítasunnukirkjan, die Pfingstler-Kirche in Ísafjörður.

Die Leser in Deutschland werden ab und zu stutzen, beispielsweise wenn Lárus „an“ einer Party ist. Nein, das ist kein Schreibfehler, das Buch ist sorgsam lektoriert. In der Schweiz, so versicherten mir zwei Eidgenossinnen, die ich in Island traf, geht man auch an eine Beerdigung. Andere Helvetismen sind bekannter: Die Schweizer parkieren ihr Auto und erwachen nach einem Unfall im Spital. Wir Leser können uns klug machen, dass es genau so gut tönt, wenn man sagt, dass ein Heizkörper aussteigt statt ausfällt.

Doch was ist ein Ausstellplatz? Ein Messeplatz? Zehn Kilometer außerhalb des Städtchens? Dann ist es eine Ausweichstelle an einer schmalen Straße, befanden meine Schweizer Beraterinnen. Und wahrlich, einspurige Straßen und Tunnels mit entsprechenden Ausweichbuchten gibt es in den Westfjorden zu Genüge.

Drogen, Sex, Inzest, Mord - alles was einen Thriller ausmacht, kommt In Küstennähe vor. Und doch ist der Roman eher eine Milieustudie über das Leben in den Westfjorden Islands. Ein gelungenes Debüt, ein Roman ganz aus isländischem Stoff, spannend verdichtet und verziert mit scharfen Beobachtungen des Immigranten.

Text&Fotos: Bernhild Vögel – [email protected] www.birdstage.net

Joachim B. Schmidt: In Küstennähe. Landverlag Langnau/Schweiz 2013 ISBN 978-3-905980-13-4 368 Seiten Über deutsche und österr. Buchhandlungen beziehbar; Preis auf Anfrage (25 - 30 Euro).

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