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Der Fall Wagner

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Der Fall Wagner

By Bernhild Vögel

geyer_coverDie Bayreuther Festspiele sind vorbei, die Wagner-Jubiläumsfeierei geht zu Ende, da wird es Zeit, sich mit Geyers Schädel zu beschäftigen.

Es war das Cover, das mich faszinierte: Mitsamt Samtbarett liegt der Kopf Richard Wagners auf einem Silbertablett – wie das Haupt des Johannes auf dem Gemälde von Lukas Cranach. Nur Salome fehlt.

Könnte ich Geyers Schädel in der Iceland Review besprechen? "Ich brauche allerdings immer einen Island-Bezug. Müsste beim Thema Wagner doch eigentlich gehen, oder?“, schrieb ich dem Conte-Verlag. Klar, Island und Wagner geht immer, erhielt ich zur Antwort.

Mit einem optimistischen „Bezüge lassen sich immer finden“ begann ich mit der Lektüre des Buches von Autor Marcus Imbsweiler, von dem ich noch nie etwas gehört oder gelesen hatte. Allerdings lässt sich in dem ganzen Roman keine Spur von Island finden, wenn man nicht gerade die vulkanischen Ausbrüche des ermittelnden Bayreuther Kommissars dazu rechnet. Der Haderer Korbinian (in Bayern stellt man den Vornamen gerne mal nach) und seine Assistentin/Gespielin Anita Leschkowski sollen die Herkunft eines am Rande des Fichtelgebirges aufgefundenen Schädels aufklären.

Die Rekonstruktion des Gesichtes des etwa im Alter von Vierzig verstorbenen Mannes ergibt eine verblüffende Ähnlichkeit mit Richard Wagner, der allerdings knapp 70 Jahre alt wurde. Da Staatsanwalt Dr. Klein sich unkooperativ zeigt („Bei einem Mann wie Wagner öffnet man nicht mal eben das Grab“), ermitteln die beiden Kriminalisten des Nachts auf eigene Faust und lassen sich von einem weißhaarigen Alten namens Wendelin Weißheimer in die Unterwelt entführen.

Eine skurrile Geschichte, in der die Schädeljäger durch die Wagnerzeit gehetzt werden und in der Nähe des Komponisten in gefährliche Situationen geraten. Diese „volle Blechdröhnung“ kann man mit oder ohne größere Kenntnisse der Musikgeschichte genießen. Wer neugierig ist, informiert sich ohnehin über biographische Details oder die ein oder andere unbekannte Person. Hierbei kann man manch lustige Entdeckung machen, da will ich nicht vorgreifen, sondern der Frage nachgehen, was das Ganze mit Island zu tun hat.

Um die nach der Revolution von 1848 mühsam erarbeitete Paulskirchenverfassung durchzusetzen, kam es im Frühjahr 1849 in mehreren deutschen Städten zu Aufständen. Richard Wagner beteiligte sich aktiv am Dresdener Maiaufstand und soll laut Polizeibericht sogar Handgranaten besorgt haben. Er griff aber auch zur Feder und ließ es so richtig explodieren:

„Wie ein ungeheurer Vulkan erscheint uns Europa, aus dessen Innerem ein beständig wachsendes, beängstigendes Gebrause ertönt, aus dessen Krater dunkle, gewitterschwangere Rauchsäulen hoch zum Himmel emporsteigen und, alles rings mit Nacht bedeckend, sich über die Erde lagern, während bereits einzelne Lavaströme, die harte Kruste durchbrechend, als feurige Vorboten alles zerstörend sich ins Tal hinabwälzen.“

(Imbsweiler Marcus! Es wäre doch ein Leichtes gewesen, auch dieses Zitat in den Roman einzubauen. Stattdessen musste ich es in zeitaufwendiger Recherche bei Wikipedia aufspüren.)

Der Komponist kann nach der Niederschlagung des Aufstandes in die Schweiz fliehen. Nachdem er nun gedanklich auch die alte Kunst zerschlagen und die Opernhäuser gesprengt hat, macht der frustrierte Revolutionär noch einen üblen und folgenschweren antisemitischen Rundschlag. Dann steht das vierteilige Gesamtkunstwerk auf seinem Programm.

Doch bis der 16-stündige Vierteiler Ring des Nibelungen aufführungsreif ist, fließt noch einiges Wasser den Rhein hinab. In den 1860er Jahren kommt die Amnestie aus Sachsen, doch die Flucht vor Finanzbehörden und Gläubigern führt den Komponisten nach Bayern, wo Märchenkönig Ludwig II mit Geld und Prachtbauten lockt.

Wagners alter Kumpan aus Dresdener Revolutionszeiten, der Architekt Gottfried Semper, hat schon im Münchner Lehel hoch über der Isar das Festspielhaus entworfen, da machen die Münchner, der Verschwendungssucht ihres Herrschers mehr als überdrüssig, den hochfliegenden Plänen ein Ende. Wagner wird zwar vom Kini weiter unterstützt, muss aber ohne Freund Semper in die Provinz, ins oberfränkische Bayreuth ziehen. Im August 1976 wird das Richard-Wagner-Festspielhaus mit Rheingold, dem ersten Teil des Ring des Nibelungen eröffnet.

Vorsichtshalber hatte die Conte-Verlagsmitarbeiterin einen Link mitgeschickt, der auf das Buch Island und der Ring des Nibelungen verweist. Autor Árni Björnsson hat akribisch recherchiert, was sich Wagner so alles aus isländischen Quellen zusammengeklaubt hat.

Sein Fazit: 80 Prozent aller Ring-Motive sind isländisch, entstammen der Völsunga Saga, der Thidreks Saga, den Sigurdliedern, der Völuspá und anderen Liedern der Edda.

Árnis Studie enthüllt die ganze Ignoranz des germanomanischen Gesamtkunstwerkers: Im Gegensatz zu den Brüdern Grimm besaß Wagner weder Kenntnisse des Isländischen (er benutzte z.B. die 1851 erschienene Edda-Übersetzung von Karl Simrock), noch kommt in seinem gesamten schriftlichen Werk (immerhin 16 Bände) ein einziges Mal das Wort „Island“ vor. Wo liegt diese dänische Kolonie überhaupt? Weiß der Geyer!

So ist es begreiflich und halbwegs verzeihbar, dass auch Musikwissenschaftler Imbsweiler seinen Haderer Korbinian nicht ans sagenhafte Island und das Lied von Helgi dem Hundingstöter denken lässt, wenn er mitten im Liebesspiel mit einer dem Leser noch unbekannten Dame auf Seite 39 stabreimend ausruft:

„Moment! Was seh ich in der Ferne leuchten? Hundings Hütte im Hohen Holz! Germanen, Brüder, Wittelsbacher! Nichts wie hin!“

Doch am Ende muss auch der Kommissar kapitulieren.

Ob eingeschworene Wagnerianer solch einen Spaß an der Lektüre von Geyers Schädel haben wie ich, wage ich zu bezweifeln. Zu ihrer Abschreckung könnte bereits das dem Roman als Motto vorangestellte Nietzsche-Zitat dienen:

„Das Leben Wagners, ganz aus der Nähe und ohne Liebe gesehen, hat, um an einen Gedanken Schopenhauers zu erinnern, sehr viel von einer Komödie an sich, und zwar von einer merkwürdig grotesken.“

PS: Liebe Leute vom Grünen Hügel, lasst doch das nächste Mal den Ring isländisch inszenieren, das spart mindestens 20 Prozent bei Libretti, Partituren, Instrumenten und Sängern ein, reduziert pathetische Stabreime um ein Vielfaches und verkürzt Handlung wie Aufführungszeit aufs Angenehmste.

Bernhild Vögel – [email protected] www.birdstage.net

Marcus Imbsweiler: Geyers Schädel. Eine Kapitulation Conte Verlag 2013 256 Seiten, 15,90 Euro

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Island-Thriller

krimi2013_seelenGruseliger, härter, blutiger! – Nur so gelangen die als Thriller ausgewiesenen Romane auf die besten Plätze in den Auslagen der Buchhandlungen. „Unbedingt lesen” empfiehlt ein schillernder Aufkleber auf dem Cover der Seelen im Eis.