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Die Südeuropäer der Nordeuropäer

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Die Südeuropäer der Nordeuropäer

By Bernhild Vögel

little_book_coverMein Lieblingssatz in Das kleine Buch über die Isländer lautet: „Die Isländer sind die Südeuropäer der Nordeuropäer”.

Alda Sigmundsdóttir, im englischsprachigen Raum bekannt durch ihren Blog The Iceland Weather Report, beobachtet die Isländer mit ironisch-liebevollem Blick des Heimkehrers, der aus der großen Welt ins provinzielle Nest zurückkommt. Die Journalistin und Autorin, die auch als Übersetzerin und Dolmetscherin arbeitet, ist in Island geboren, in Nordamerika aufgewachsen, hat in europäischen Ländern, darunter Deutschland und England, gelebt und ist 1994 nach Island zurückgekehrt.

2011 erschien in Reykjavík ihr Buch The Little Book of the Icelanders. Ich entdeckte die deutsche Übersetzung im Juli in einer Reykavíker Buchhandlung und fragte bei Alda an, ob sie ein Besprechungsexemplar für mich habe, doch sie bedauerte. Es war Samstag, mein vorletzter Tag auf Island, und der Verlag würde erst wieder am Montag erreichbar sein.

Da erinnerte ich mich an eine Methode, die schon einmal Erfolg gehabt hatte. Ich machte mich abends auf zu Mál og Menning (isländische Buchhandlungen haben wohl die längsten Öffnungszeiten auf der ganzen Welt und man könnte in ihnen fast sein ganzes Wochenende verbringen) und sprach einen jungen Buchhändler an. Es dauerte nicht lange, dann war das Geschäft perfekt: Ich nahm Das Kleine Buch über die Isländer mit und die Buchhandlung würde sich vom Verlag ein Ersatzexemplar besorgen.

In Deutschland wäre so etwas undenkbar, in Island kann man kleine Geschäfte (mit großen kenne ich mich nicht aus) völlig unbürokratisch, basierend auf gegenseitigem Vertrauen abwickeln.

Alda behandelt in ihrem Buch, das sich hauptsächlich an Touristen wendet, mehr das Privatleben als die Geschäftswelt der Isländer, auch wenn eines der 50 Kapitel dem Thema Arbeit oder Betrug gewidmet ist. Nein, es geht darin keineswegs darum, so zu tun als ob man beschäftigt sei. Wer schon einmal in Island gearbeitet hat, weiß, dass die Isländer oft Schwierigkeiten mit dem Begriff Freizeit haben.

Die Isländer sind, haben, tun... Alda ist sich der Problematik der Generalisierung wohl bewusst:

„Dieses Buch strotzt nur so vor weitreichenden Generalisierungen und subjektiven Meinungen, Wald- und Wiesenphilosophie und zufallsbedingten Gedankensprüngen. Es wurden während des Schreibens keine Sonderstudien durchgeführt.”

Die nationale Seele des glücklichsten Volkes auf Erden mit dem höchsten Konsum an Antidepressiva unter den nordischen Ländern sei, so Alda, ebenso wenig zu fassen wie ein glitschiger Fisch mit bloßen Händen. Wie soll das auch alles zusammen gehen: Weltoffenheit und tiefster Provinzialismus? Arbeiten bis kurz vor dem Umfallen, obwohl die Familie das zentrale Element im Leben ist?

Alda beobachtet genau und spekuliert ein wenig über die Ursachen, greift aber nicht ständig in die Geschichtskiste. Nur im Eingangskapitel über die Unabhängigkeitssache („Die Angst vor der Dienstbarkeit ist in der DNA der Isländer tief verwurzelt”).

Manchen Phänomenen steht sie ratlos gegenüber. Über drei dieser seltsamen Angewohnheiten einger Isländer habe ich mir auch lange den Kopf zerbrochen und mich gefragt, was ich falsch gemacht habe. Wenn ein Gesprächspartner mitten im angeregten Gespräch ohne Erklärung aufsteht und weggeht. Wenn Emails nie beantwortet werden (ich habe mir inzwischen eine gewisse Hartnäckigkeit angewöhnt und gebe erst nach dem dritten oder vierten Anlauf auf). Wenn man plötzlich nicht mehr gegrüßt wird (Alda zufolge werden mit dem Quotensystem nicht nur Fischfang, sondern auch Bekanntschaften reguliert)..

Warum das so ist, dafür hat auch Alda keine Erklärung, aber es tröstet natürlich, wenn man weiß, dass man nicht als einzige fassungslos dasteht. Ich schiebe diese Phänomene immer gerne auf eine Inselmentalität, für die der Nichtinsulaner eigentlich gar nicht existent ist. Doch Alda meint, dass nicht nur Ausländer davon betroffen sind.

50 Kapitel – über das Fahrverhalten, die Fésbók-Sucht, das Flottsein, vom Gebärzwang bis hin zum Begräbnis – Alda legt sie flott hin und es stört das Lesevergnügen nur unwesentlich, wenn an mancher Stelle der Satz holpert bzw. die Übersetzung etwas rätselhaft ist.

Bernhild Vögel – [email protected] www.birdstage.net

Alda Sigmundsdóttir: Das kleine Buch über die Isländer Übersetzt von Sabine Burger und Alexander Schwarz Vaka Helgafell, Reykjavík 2013 110 S., 2.290 ISK.

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