Reykjavík
8°C
SW

Schwierige Mission

Kulturblick

Schwierige Mission

By Bernhild Vögel

mission_coverVor einigen Jahren traf ich auf einer Fahrt mit dem Linienbus einen freundlichen Mann aus Japan. Er fragte mich, was mich nach Island führe, und ich musste ihm vom Inhalt meines Buches erzählen, das ich in ein paar Dutzend Exemplaren mit mir führte.

Der Bus hatte das Tal Jökuldalur verlassen und fuhr über die stellenweise noch schnee- und eisbedeckte Hochebene Richtung Mývatn. Ich berichtete, wie meine neunjährige Protagonistin Hulda diese Landschaft erlebte:

Draußen sah es mittlerweile so aus, als habe ein riesiger Pflug die Erde aufgerissen oder als sei sie von innen her aufgeplatzt. Hulda musste an das Bild in der Kinderbibel denken, unter dem stand: „Und die Erde war wüst und leer.“ Vielleicht hatte Gott vergessen, hier etwas zu erschaffen.“

Im folgenden Gespräch stellte sich heraus, dass mein Reisegefährte kein Tourist, sondern Missionar einer christlichen Glaubensgemeinschaft war. Ich sah ihn erstaunt an – er hatte so gar nichts Eiferndes an sich.

Gleichsam um mir zu demonstrieren, dass er mich nicht bekehren wolle, zog er eine Bibel aus seiner Tasche und vertiefte sich in die zierliche Welt der japanischen Schriftzeichen, bis ich ihn bat, aus dem Fenster zu sehen. Drei Schwäne flogen neben dem Bus her, auf dem Weg zu den abgelegensten Brutplätzen auf Erden. Da erzählte ich dem Missionar, der ganz versessen auf Volkssagen und Märchen war, die Schwäne seien vielleicht drei verzauberte Schwestern.

Die isländische Natur bringt mich auf „übernatürliche“ Gedanken. Ich gehöre keiner Religionsgemeinschaft an, möchte mich aber nicht als Atheistin, sondern eher als Agnostikerin bezeichnen. In den bewohnten Gebieten Islands faszinieren mich Zeugnisse unorthodoxen Glaubens und Zweifelns.

Da ist das Kirchenfenster in der evangelischen Akureyrarkirkja mit dem letzten katholischen Bischof von Hólar, Jón Arason, der den Status eines Nationalhelden genießt. Der Bischof, der sich der von Dänemark befohlenen Reformation militant widersetzte, wurde im Jahre 1550 gefangengenommen und enthauptet. Seine Söhne – in Island wurde die Einhaltung des Zölibates für Priester nicht ganz so ernst genommen – erlitten dasselbe Schicksal.

mission_jon_arason_bv

Fenster der Akureyrarkirkja mit der Darstellung von Bischof Jón Arason.

Oder die Marienstatue auf Viðey, die zum Gedenken an das erste Siðaskipti, den Glaubenswechsel vom Polytheismus zum Monotheismus im Jahre 1000 errichtet wurde. Sie zeugt auch davon, dass die Reformation auf Island nicht so gründlich gearbeitet hat wie anderswo und die evangelische Staatskirche unter anderem Elemente der Marienverehrung übernahm. Denn die Bevölkerung wollte sich ihre“ Heiligen und die Jungfrau Maria nicht nehmen lassen – davon erzählt eindrucksvoll Sjón in seinem Roman Das Gleißen der Nacht.

mission_videy_bv

Marienstatue auf Viðey.

Bis hinein ins 19. Jahrhundert aber war der Katholizismus in Island verboten. Erst seit 1874 besteht allgemeine Religionsfreiheit und daher ist es kein Wunder, wenn sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts einige prominente Isländer der alten Kirche zuwandten, so Kinderbuchautor Jón Sveinsson (Nonni), der Jesuitenpater wurde, und kurzzeitig auch sein Freund Halldór Laxness.

Doch führte die katholische Kirche in Island eine Randexistenz. Erst Ende des 20sten Jahrhunderts erfolgte der Aufschwung. Davon berichtet die vom Bonifatiuswerk herausgegebenen Broschüre Island - Diasporakirche in wilder Natur.

Diaspora („Verstreutheit“) ist doppelt wörtlich zu nehmen, denn die meisten der Katholiken in Island sind Einwanderer aus Polen, Litauen und den Philippinen. Der derzeitige Bischof ist Schweizer und unter den 16 Priestern, die auf Island tätig sind, ist nur ein einziger Isländer, Hjalti Þorkelsson.

Hjalti war nominelles Mitglied der evangelisch-lutherischen Staatskirche. Im Anschluss an sein Lehrerstudium in Reykjavík besuchte er 1970 die Heidelberger Universität und wohnte im Studentenwohnheim der Benediktinerabtei Neuburg. Hier konvertierte er mit dem Ziel ebenfalls Benediktiner zu werden, doch die Mönche schickten ihn weg und verwiesen ihn an seinen Heimatbischof. 1983 wurde Hjalti in Reykjavík zum Priester geweiht und betreut nun zusammen mit einem polnischen Kollegen die Gemeinde in und um Akureyri.

Auch die Ordensleute auf Island kommen aus anderen Teilen der Erde. Die Broschüre ziert das Bild einer Blauen Schwester (einem aus Argentinien stammenden Orden), die sich der Marienstatue von Maríulind bei Hellnar auf Snæfellsnes nähert, wo Bischof Guðmundur Arason (1161-1237) eine Marienerscheinung gehabt haben soll. Allerdings ist in der Guðmundar saga nur die Rede von einer kranken Frau in Nordisland, die eines Nachts den Rat der Jungfrau Maria erhielt, das vom Bischof geweihte Wasser zu verwenden. Gvendarbrunnar (Guðmundurs Brunnen) gab es bald auf der ganzen Insel. Manche Bewohner von Hellar sind nicht erfreut über die Umbenennung des örtlichen Gvendarbrunnur in Maríulind und die Etablierung eines Wallfahrtsortes.

mission_einbui_bv

Einbúi bei Hellnar.

Dem Bischof mit dem Beinamen góði („der Gute”) sagte man auch nach, er habe nicht nur Wasser, sondern nahezu jeden Fels in Island gesegnet, um die heidnischen Geister und Trolle zu vertreiben, was ihm aber wohl nicht ganz gelungen ist.

Diesem Umstand trägt auch die Broschüre des Bonifatiuswerkes mit dem Kapitel „Wer glaubt schon an Elfen? Naturglaube als kultureller Schatz“ Rechnung. Neben den alten finden hier auch die neuen Legenden (von der angeblichen „Elfenbeauftragten Islands“) Erwähnung. Die Entscheidung des Althings vor 1013 Jahren, heidnische Götter dürften im privaten Bereich weiterhin verehrt werden, wird so kommentiert:

„Altes und Neues soll nebeneinander Platz haben. Und so ist es bis heute geblieben. Kirchgang und Elfenglauben schließen sich in Island nicht aus. Die Menschen sind deshalb in Island nicht weniger christlich und nicht weniger katholisch – manchmal nur ein wenig anders!“

Der Ausflug in die spannende Kirchengeschichte Islands bleibt oberflächlich. Ich hätte gerne etwas über die Heiligen- und Bischofsagas oder über die mittelalterlichen Klöster erfahren, die sich meist auf den alten heidnischen Kultstätten erhoben. Oder Näheres zur Rolle der Bischöfe. (Die kriegerische Seite von Guðmundur góði wird im Roman Morgengebet von Thor Vilhjálmsson beleuchtet.)

mission_helgafell_bv

Blick vom Helgafell, dem heiligen Berg bei Stykkishólmur.

Informativer ist die Broschüre im Hinblick auf die aktuelle Situation der katholischen Kirche in Island. Da wird von Geldnot berichtet und den weiten Strecken, die die Priester zurücklegen müssen, von biblischer Unterweisung via Skype, Sprachproblemen und der karitativen Arbeit der 33 Ordensschwestern. Worte zum Kindesmissbrauch in den eigenen Reihen suchte ich vergeblich – ärgerlich, wenn stattdessen mit dem Finger auf die Verfehlungen innerhalb der evangelisch-lutherischen Staatskirche gezeigt wird.

Das Bekanntwerden der Missbrauchsfälle, das noch dazu in die Zeit der Wirtschaftskrise fiel, hat das Ansehen der evangelisch-lutherischen Staatskirche ramponiert. Über 9.000 Mitglieder weniger, das ist die Bilanz der Jahre 2009-2011. Ein Teil der Ausgetretenen wandte sich wohl den etablierten lutherischen Freikirchen zu, andere blieben jeglicher Religionsgemeinschaft fern. Weder Pfingstler noch Aventisten profitierten nach den Daten von statice.is von der Krise. Krossinn, eine besonders fundamentalistische christliche Gemeinschaft, verlor viele Mitglieder, nachdem das Oberhaupt auf Grund von Anklagen wegen sexuellen Missbrauchs zurücktreten musste.

mission_pfingstler_bv

Hvítasunnukirkjan (Pfingstlerkirche) und Feuerwache (links) in Ísafjörður.

Das konstante Wachstum der katholischen Kirche in Island war und ist allein einwanderungsbedingt. Von den 10.500 Katholiken sind 60 Prozent Polen, aber nur 15 Prozent Isländer. Das heißt, es gibt unter den Isländern mehr asengläubige Heiden (etwa 2.000 sind in der Ásatrúarfélagið organisiert) als Katholiken.

Der Kanzler der Diözese Reykjavík macht sich keine Illusionen. Die Isländer seien zwar auf das Christentum konzentriert, jedoch „die meisten praktizieren ihre Religion nicht“.

Das gilt sicher auch für die Mitglieder der Staatskirche. Missen möchte die Mehrheit der Isländer kirchliche Institutionen dennoch nicht – im Verfassungsreferendum sprachen sich vergangenes Jahr 57 Prozent dafür aus, dass die evangelische Staatskirche in der neuen Verfassung verankert bleibt. Das Prinzip der Nationalreligion, das vor über eintausend Jahren die Unabhängigkeit garantierte, wird von der Mehrheit auch hochgehalten in Zeiten, in denen die Staatskirche nur noch 76 statt 90 Prozent der Bevölkerung vereint und es sage und schreibe 41 weitere Glaubensgemeinschaften gibt.

In den letzten Jahren schossen auf Island christliche Minigemeinschaften – 19 erreichen noch nicht einmal die 0,1-Prozent-Marke – wie Pilze aus der Erde; vermutlich werden sie ebenso schnell wieder verschwinden.

Zu den hartnäckigen Gemeinschaften, die versuchen auf Island Fuß zu fassen, gehören die Zeugen Jehovas. Der erste war 1929 Georg Fjölnir Lindal, ein kanadischer Missionar isländischer Abstammung, der schöne Erfolge bei der Verteilung von religiöser Literatur verzeichnete – ein begeisterter Leser ließ sich nach heidnischem Brauch sogar eins der Bücher in den Sarg legen. Jedoch, die Isländer hungerten nach Lesestoff, nicht nach Heilslehren, und so blieb Lindal 18 lange Jahre der einzige Zeuge Jehovas, bis 1947 weitere Missionare auf der Insel eintrafen.

„Ihre Leselust könnte die Isländer wieder zur Bibel führen“, diese Hoffnung flammt auch in der Broschüre des Bonifatiuswerkes auf.

Nachdem die drei Schwäne abgedreht hatten, erzählte mir der japanische Missionar im Bus nach Akureyri, er lebe schon seit einigen Jahren in Island und hielte sich mit verschiedenen Jobs über Wasser – in Island könne man nicht so einfach drauflos missionieren. Dann vertiefte er sich wieder in seine Bibel, die weder ich noch die isländischen Fahrgäste hätten lesen können.

Text & Fotos: Bernhild Vögel – [email protected] www.birdstage.net

More Reviews

Kulturblick

Island-Thriller

krimi2013_seelenGruseliger, härter, blutiger! – Nur so gelangen die als Thriller ausgewiesenen Romane auf die besten Plätze in den Auslagen der Buchhandlungen. „Unbedingt lesen” empfiehlt ein schillernder Aufkleber auf dem Cover der Seelen im Eis.