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Ein Schmetterling im November

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Ein Schmetterling im November

november_coverIhr erstes Buch stand bei mir lange ungelesen im Regal. Das lag sicherlich am deutschen Titel Weiß ich, wann es Liebe ist? Auf Isländisch heißt es schlicht Afleggjarinn, ein Wort mit zwei Bedeutungen: Er bezeichnet eine Abzweigung, einen Feldweg etwa, der zu einem abgelegenen Gehöft führt, und – übertragen auf den gärtnerischen Bereich – den Ableger, den Sprössling.

Der zweite Roman, den Insel/Suhrkamp nun von der fünfundfünfzigjährigen Auður Ava Ólafsdóttir, die Kunstwissenschaft an der Universität Island lehrt, herausgebracht hat, ist bereits 2004 in Island unter dem Titel Rigning í nóvember (Regen im November) erschienen. Die deutsche Abwandlung Ein Schmetterling im November hat nicht nur Bezug zum Cover, sondern passt auch gut zum Inhalt.

In beiden Romane geht es um Menschen, die einen Verlust erlitten haben und sich auf eine Reise begeben, auf der sie sich einem Kind und der eigenen Kindheit nähern.

In Afleggjarinn macht sich Arnljótur (der Name ist wohl wegen seiner Kombination von Adler mit dem Adjektiv widerlich nahezu ausgestorben), der seine Mutter bei einem Autounfall verloren hat und bei einem One-Night-Stand ein Kind gezeugt hat, zu einem Klostergarten in Südeuropa auf.

In Ein Schmetterling im November begibt sich die Protagonistin auf den Weg nach Ostisland, wo sie selbst aufgewachsen ist. Sie will sich klar darüber werden, wie ihr Leben weitergehen soll. Ihr Ehemann hat sie verlassen, weil seine Geliebte ein Kind von ihm bekommt. Die junge Ich-Erzählerin behauptet von sich, ihr fehle jede Mütterlichkeit und sie könne sich nicht vorstellen, Kinder zu haben. Und doch lässt sie sich von ihrer überforderten, mit Zwillingen schwangeren Freundin Auður überreden, deren vierjährigen gehörlosen Sohn Tumi mit auf die Reise zu nehmen.

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Ostisland im Sommer. Foto: bv.

Ein Schmetterling im November ist keine geeignete Lektüre für Thrillerfans, es passiert nicht viel Aufregendes, sieht man davon ab, dass die Frau gleich zu Beginn eine Gans überfährt. Wie sich mit der toten Gans die Prophezeiung einer Wahrsagerin zu erfüllen beginnt, wie die Frau ihrem ausziehenden Gatten den erlegten Vogel zum Abschiedsmahl serviert, das erzählt Auður Ava mit wunderbar feiner Ironie.

Sie malt farbige und detaillreiche Bilder der alltäglichen, seltsamen und komischen Situationen und nimmt uns mit auf ihre innere Reise in die Vergangenheit und ihre gegenwärtige Ausfahrt. Eine Ausfahrt im Novemberregen, irgendwo in den Osten Islands, wo ausländische Fachleute planvoll einen Felsen nach dem anderen für das monströse Staudammprojekt sprengen, aber die nonverbale Anleitung zum Duschen als Aufforderung, nackt ins Schwimmbecken zu steigen, missverstehen.

Manchem Leser mag es so gehen wie mir, die erst einmal im Rezeptteil am Ende des Buches schmökerte. Darin ist nicht nur das Gänserezept, sondern die Zubereitung aller im Roman vorkommenden Essen beschrieben – in einer Mischung aus Ernsthaftigkeit und Leichtsinn, so dass man in keinem Moment das Gefühl hat, sich in ein Rezeptbuch verirrt zu haben.

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„Apfelkuchen aus prallroten Äpfeln mit Sahne”. Foto bv.

Übersetzt hat den Roman Sabine Leskopf, die nach dem Studium von Englisch, Russisch und BWL noch Germanistik und Isländisch in Deutschland, Schottland, Tatarstan und Island studiert hat. Seit 2000 lebt sie – abgesehen von einem Jahr „Deutschlandurlaub” – mit ihrem Mann Gauti Kristmannsson, drei Kindern und Hund in Island.

Eine kleine Leseprobe vorweg: Die Ich-Erzählerin hat Touristen den Weg ins Stadtzentrum mit den Worten „This is Reykjavík. You need a cemetery to go through life” gewiesen:

„Dann machen sie sich wieder auf den Weg, die Touristen, und als ich ihnen hinterherblicke, sehe ich, dass sie alle einen Bogen um den Friedhof machen, als ob sie kein Interesse daran hätten, den Tod kennenzulernen, als bräuchten sie nicht mehr zu ihrem Glück als nur einen Schlitz in ihrem Anorak, der Augen und Nase freilässt, ihnen erlaubt in alle Richtungen zu blicken, über uns alle hinweg, die wir doch hier unser Leben haben, als glaubten sie, dass es hier etwas zu sehen gäbe.”

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Auf dem Friedhof an der Suðurgata in Reykjavík. Foto:bv.

Ich habe Sabine Leskopf gefragt, wie sie dazu kam, Ein Schmetterling im November zu übersetzen:

„Auður Ava kenne ich schon seit vielen Jahren. Als sich ausländische Verlage für ihre literarischen Arbeiten zu interessieren begannen, habe ich Probekapitel aus ihrem Roman übersetzt, der später unter dem Titel Weiß ich, wann es Liebe ist veröffentlicht wurde, doch zu der Zeit hatte der Verlag bereits jemanden für die Übersetzung gefunden. Auf der Buchmesse 2011 begleitete ich dann u.a. Auður Ava als Dolmetscherin und bei der Gelegenheit kam der Kontakt zum Insel Verlag zustande, der jetzt Interesse hatte, auch ihr schon früher erschienenes Werk herauszugeben und diesmal bekam ich die Chance, über die ich mich riesig gefreut habe.

Island ist ein relativ kleiner Markt, um freiberuflich überleben zu können, muss man eine Vielfalt von Herausforderungen annehmen und sich jedem Text mit der gleichen Professionalität nähern, ob man sich nun damit identifiziert oder nicht. Aber bei einem literarischen Text muss man schon mit Freude und innerer Überzeugung arbeiten und Auður Ava war und ist mir einfach eine der liebsten Autorinnen in Island überhaupt, also war es eine große Freude, an diesem Buch arbeiten zu können.”

Man merkt der Übersetzung an, dass sie der Übersetzerin Spaß gemacht hat. Sabine Leskopf erzählt:

„Es war ein großer Glücksfall für mich, dass ich diese Übersetzung ausgerechnet in meinem Jahr in Berlin gemacht habe, nicht zuletzt durch die räumliche Nähe - mein Zuhause lag nur ein paar Querstraßen vom Hauptquartier von Suhrkamp/Insel in der Pappelallee entfernt und bei unseren regelmäßigen Mittagessen entstand eine wunderbare und freundschaftliche Zusammenarbeit mit meiner Lektorin Susanne Gretter vom Verlag, von der ich unendlich profitiert habe.

Die Gruppe von deutschsprachigen Übersetzern und Übersetzerinnen hat sich seit der Buchmesse 2011 stark vergrößert. Die meisten leben im deutschsprachigen Raum und bemühen sich, so oft wie möglich nach Island zu kommen, um den Kontakt zu Kultur und Sprache aufrechtzuerhalten. Für mich aber ist es genau umgekehrt, ich profitiere stark von der Nähe zu den Autoren hier in Island, aber nach 12 Jahren in Island habe ich diesen deutschen 'Input' sehr gebraucht und nutzen können.

Beim Ringen mit dem isländischen Text habe ich per Email immer auch Kontakt zu Auður Ava gehabt, die stets sehr hilfsbereit und interessiert war, aber auch mit den Übersetzern ins Spanische und Französische, beides gute Freunde von mir, die mir schon je um ein Jahr voraus waren - was allerdings den Druck auf mich erhöht hat, immerhin war das Buch u.a. als bestes fremdsprachiges Werk in Frankreich nominiert. Das Übersetzen ist also bei Weitem kein so einsames Geschäft, wie man das gemeinhin so oft annimmt. Und dann habe ich natürlich auch das Glück, dass mein Mann nicht nur Isländer, sondern auch Übersetzungswissenschaftler ist, und das gemeinsame Ringen um das beste Wort zu unserem Alltag gehört."

Und das Besondere am Text von Auður Ava?

Die Herausforderung bei der Übersetzung von Auður Avas Text bestand für mich vor allem darin, die Schönheit und Klarheit ihrer Sprache in Harmonie mit dem oft so Geheimnisvollen dieses Textes zu verknüpfen, denn es ist mit Sicherheit nicht meine Aufgabe als Übersetzerin, all die unbeantworteten Fragen dieses Romans zu beantworten, all seine im Nebel des isländischen Hochlandes verschwimmenden Grenzen festzulegen.

Und das Ganze auch in einem Rezeptteil zu verwirklichen, war mitunter gar nicht so leicht, denn hier ist eigentlich die Eindeutigkeit gefordert, aber Gott sei Dank gibt sie ja selbst in diesem Teil die beste Hilfestellung, denn '[die] Füllung einer Gans hat schließlich auch einen völlig anderen Inhalt als Worte auf einem Blatt Papier'."

Bernhild Vögel – [email protected] www.birdstage.net

Auður Ava Ólafsdóttir Ein Schmetterling im November Aus dem Isländischen von Sabine Leskopf Insel Verlag 2013 355 Seiten, 22,95 Euro

Als Taschenbuch ist ebenfalls vor kurzem erschienen:

Auður Ava Ólafsdóttir: Weiß ich, ob es Liebe ist? Aus dem Isländischen von Angelika Gundlach insel taschenbuch 4264 304 Seiten, 8,99 Euro

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