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Geahnter Flügelschlag

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Geahnter Flügelschlag

shg_coverEine Fliege fällt in eine Suppe? Nein: Die Suppe fängt die Fliege ... Man stelle sich diese heißtückische Brühe vor ... Nein, allzu heiß ist sie nicht: Die Fliege zappelt lange, bevor sie verendet.

Macht und Ferse

Eine Suppe fängt eine Fliege

die lange Zeit braucht

zu sterben

Niemandem wird geraten

in der Stunde des Todes

zu fluchen

Eine seltsame Überschrift, ein ungewöhnliches Bild. Ein Rat, der bescheiden als Nicht-Rat auftritt. Wunderliche Perspektiven, anstoßende Gedanken: Hat jede Macht eine verwundbare Ferse, eine Schwäche, die der Schwache nutzen kann? Triumphiert die Fliege?

Dieses Gedicht findet sich auf Isländisch und Deutsch in der kürzlich erschienenen erweiterten Neuauflage von Geahnter Flügelschlag, der Auswahl von Gedichten des Lyrikers Stefán Hörður Grímsson.

Wolfgang Schiffer, der vielen Lesern der IR bekannt ist, hat Anfang der 1990er Jahre zusammen mit seinem 2006 verstorbenen Freund Franz Gíslason eine Auswahl von Stefán Hörðurs Gedichten übersetzt. 1992 sind sie im Buchkunstverlag Kleinheinrich erschienen – die schmale Auflage von Geahnter Flügelschlag fand damals überraschend große Beachtung (z.B. im Feuilleton der ZEIT) und war schnell vergriffen.

Dichter und Übersetzer trafen sich nur ein einziges Mal. „Ebenso wie meine unvergesslichen Begegnungen mit Halldór Laxness ist mir ein kurzes, schweigsames Treffen mit dem von mir so überaus geschätzten Dichter Stefán Hörður Grímsson unauslöschlich ins Gedächtnis eingeprägt", erinnert sich Wolfgang Schiffer.

„Das war etwa 1993. Die Begegnung kam auf Vermittlung von Halldór Guðmundsson zustande, der damals Verlagsleiter bei Mál og Menning war. Stefán Hörður, dieser damals bereits als extrem menschenscheu geltende Titan der Poesie, hatte sich doch tatsächlich auf ein Bier mit mir verabredet. Es war ein schöner Sommertag und wir saßen vor einem Lokal am Laugarvegur. Wie gesagt, wir sprachen nicht viel dabei, und doch hatte ich das Gefühl, wir würden uns gut verstehen.”

Stefán Hörður, geboren 1919 oder 1920 in Hafnarfjörður, verlor den Vater mit vier, die Mutter mit sechs Jahren und wuchs auf einem Hof in Südisland auf. Den ersten Band mit Gedichten hielt er mit elf Jahren in Händen. Als Heranwachsender arbeitete er im Hering" und fuhr zur See. 1940 zog er nach Reykjavík, kaufte ein Restaurant mit fünf Tischen – eine Unternehmung, die nach ein paar Monaten scheiterte.

1946 veröffentlichte er seinen ersten Gedichtband Glugginn snýr í norður (Das Fenster öffnet gen Norden), 1951 folgte die (immer noch verlagslose) Gedichtsammlung Svartálfadans (Schwarzelfentanz), die ihm öffentliche Beachtung einbrachte. Und auch einen Platz unter den vielfach geschmähten Atomdichtern. „Das Auto, das bei der Lichtung bremst” – solche Gedichtzeilen erregten den Unmut der Traditionalisten.

Stefán Hörður habe in den 1950er Jahren ein stürmisches, kräftezehrenden Leben geführt, das ihn krankmachte, schreibt Einar Bragi im Nachruf auf den am 18. September 2002 verstorbenen Dichterfreund.

Erst 1970 hatte sich Stefán Hörður, der sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser hielt, mit dem schmalen Band Hliðin á sléttunni (Die Seite der Ebene) wieder zu Wort gemeldet. 16 Gedichte in 19 Jahren – wie viel Geschriebenes aus dieser Zeit hat der Dichter wieder verworfen?

„Auf dem Luftweg kommen Bratgesellen” – so lesen wir im Gedicht Nachmittag, das sich auf den Vietnamkrieg bezieht. Stefán Hörður war kein politischer Dichter, aber seine Gedichte sind zunehmend von der Sorge um den Menschen geprägt. „Er ist bereits zum gefährlichsten Schädling auf Erden geworden”, heißt es in Verfallsdaten, das mit den Worten beginnt: „Der Mensch kann bald aufhören sich in den Augen des Hundes zu spiegeln. / Seine Überlegenheit wird nicht länger bestritten ...”.

In den 1980er Jahren erschienen drei weitere Gedichtbände. Doch der Dichter selbst zog sich nun immer mehr aus der Öffentlichkeit zurück – obwohl (oder gerade weil) er 1990 den erstmals verliehenen Isländischen Literaturpreis von der damaligen Staatspräsidentin Vigdís Finnbogadóttir in Empfang nehmen konnte. Dem Band Yfir heiðan morgun (Über heiterem Morgen) von 1989 folgte kein weiterer mehr.

Poesie darf verschönen, sie darf verstören, denn sie ist – frei nach Halldór Laxness – Überlebensmittel.

Das Bild eines isländischen Sommertages – „ein klein wenig runde Sonne” – leuchtet auf in Stefán Hörðurs Gedicht Sumar, das uns Wolfgang Schiffer in unserer Multimedia-Rubrik im Original vorliest.

Aus Yfir heiðan morgun, dem letzten Band von 1989, stammt das Gedicht Lob:

„Lob sei

dieser organisierten Hölle

der Glitzersklaven

wo sich die Liebe regieren lässt

vom Wecker”

Geahnter Flügelschlag ist ein wunderschöner Gedichtband, der in sorgfältiger Auswahl fast das halbe Lebenswerk des Dichters enthält, im Original und feinfühlig übertragen vom Übersetzerteam Wolfgang Schiffer und Franz Gíslason und weiteren, und mit Aquarellen von Bernd Koberling ausgestattet.

Die aufwendig gestalteten Bücher im Kleinheinrich Verlag werden abseits des schnelllebigen Buchmarktes realisiert und haben keine Verfallsdaten. Der Nachteil: Hohe Preise zogen lange Zeit vorwiegend Büchersammler an. Offensichtlich aber ist der Verlag dabei, einen Kompromiss zwischen Literaturfreunden und Sammlern zu finden, und hat sich für günstigere Herstellungsverfahren entschieden.

Billig freilich ist auch Geahnter Flügelschlag nicht. Und für den Preis hätte ich mir eine beigelegte CD mit ein paar gesprochenen Originalgedichten gewünscht – denn der Klang eines Gedichtes, und da wird mir Wolfgang Schiffer zustimmen, ist unübersetzbar.

Geahnter Flügelschlag ist ein Geschenk, das wir uns selbst oder anderen machen können.

Bernhild Vögel – [email protected] www.birdstage.net

Stefán Hörður Grímsson: Geahnter Flügelschlag, Aus dem Isländischen von Franz Gíslason, Wolfgang Schiffer u.a. mit 10 Aquarellen von Bernd Koberling, Kleinheinrich Verlag 2013; 204 S., 35 Euro .

Wolfgang Schiffer liest das Gedicht Sumar (Sommer).

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